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Dunkelste Stunde der Stadt

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Grünberg(tb). Wie jedes Jahr, so werden auch heute die Glocken der Stadtkirche Grünberg zu ungewohnter Zeit läuten. Punkt 11.38 Uhr werden sie an die dunkelste Stunde der jüngeren Geschichte der Stadt erinnern. Vor allem die Nachgeborenen, bei den Zeitzeugen bedarf es dieses Hinweises sicher nicht: Am 13. März 1945, ein Dienstag, legten US-Bomber die Straßen rund um Grünbergs Bahnhof in Schutt und Asche.

Den Angriffen - dem ersten um 11.38 Uhr folgte ein zweiter am Nachmittag - fielen rund 150 Menschen zum Opfer. Bittere Ironie der Geschichte: Nur 15 Tage später fand der von Nazi-Deutschland verschuldete Krieg zumindest in Grünberg mit dem Einmarsch der "Amis" sein Ende.

Die Angriffe heute vor 75 Jahren waren nicht die ersten, mit denen die Alliierten den Bahnhof ins Visier nahmen.

Bereits am 22. Februar hatte die US-Airforce die Station bombardiert. Die 18 Sprengkörper aber verfehlten ihr Ziel, trafen das Kesselhaus der benachbarten Weberei. Drei Menschen starben.

Doch sollte dieser Februar-tag nur das "blutige Wetterleuchten" für die verheerenden Luftschläge am 13. März 1945 sein: Von Nordfrankreich gestartet, klinkten an diesem Tag 78 Bomber vom Typ "Marauder" und "Havoc" 475 Bomben, jede 500 Pfund schwer, über Grünberg aus.

Beim ersten Angriff verfehlten die Flieger den Bahnhof - dafür hinterließen sie eine Schneise der Zerstörung, die sich von der Garten- bis zur Bahnhofstraße zog. Zahlreiche Wohnhäuser, die Post, das Amtsgericht und das Finanzamt bekamen Volltreffer ab. Und die Sparkasse, wo vier junge Frauen - Elfriede Misar, Marie Hof, Irmgard Großhaus und Waldtraud Handstein - Riesenglück hatten und im Tresorraum überlebten.

Erst beim zweiten Angriff wurde dann der Bahnhof getroffen. Zu dieser Zeit hatten sich viele Menschen - Grünberger, Evakuierte, Zwangsarbeiter, Bewohner umliegender Dörfer - ins Bahnhofsviertel begeben, um Verletzten und Verschütteten zu helfen. Was erklärt, dass beim zweiten Angriff die meisten Opfer zu beklagen waren.

Die Mission am 13. März 1945, heißt es dagegen lapidar im Einsatzbericht der 9. Bomberdivision der US-Airforce, sei einer der einfachsten gewesen: "A Milkrun. No flak going or coming from the target. A Railroad Station, Grünberg/Nord." Was die Flieger, die über den Wolken die Bomben ausklinkten, nicht sahen, davon erzählten im März 2000 Zeitzeugen dieser Zeitung.

Darunter Frieda Eisenächer, die in der Bahnhofstraße 22 lebte. Als die Sirenen aufheulten, wollte auch sie in den Keller eilen. Doch zu spät: Die damals 24-Jährige stand in der Tür, als die Druckwelle einer Detonation das Haus traf - dessen rückwärtiger Teil und der Keller stürzten ein, die Mutter und ihre anderthalbjährige Tochter wurden verschüttet. Die Tochter erlitt nur Fleischwunden, die Mutter aber starb an ihren Verletzungen. Ebenso ein junger Pole: "Aus Angst war er ins Freie gelaufen, wir haben nichts mehr von ihm gefunden."

Emmi Brenner, damals 25, war zum Dienst im Bahnhof verpflichtet. Als der Voralarm einging, warnte sie sofort die Kollegen. "Kaum im Luftschutzkeller, hörten wir auch schon die Detonationen." Den Satz des Bahnbeamten hatte sie noch 55 Jahre später im Ohr: "Ich will hier nicht begraben sein." Brenner weigerte sich, beim Aufräumen zu helfen und rannte in den Eiskeller an der Alsfelder Brücke. Dort überlebte sie den zweiten Angriff, bei dem der Bahnhof komplett zerstört wurde.

Am Abend jenes 13. März 1945 wurden Dutzende Leichen in einem Geschäftshaus an der Höfetränke und in der Hospitalkirche aufgebahrt - darunter viele Kinder und Alte. Erst 1958, bei Ausschachtungsarbeiten, wurde das letzte der 150 Opfer geborgen.

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