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Nachdem sie mit Freiwilligen Hunderte Hektar Feld nach Hamsterbauten abgesucht hat, heißt es für Melanie Albert nun Datenauswertung. Die Ergebnisse aus Langgöns und Pohlheim lassen Hessens einzige hauptamtliche Hamsterschützerin aufhorchen.

Düstere Aussichten für Hamster

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Aktuelle Zahlen für Hessen nennt Biologin Melanie Albert katastrophal. Offenbar hat nur ein Bruchteil der Hamster den Hitzesommer 2018 überstanden. Einzige Ausnahme ist die Population in Pohlheim und Langgöns. Das ergab die Suche nach Hamsterbauten mit Freiwilligen im Sommer. Doch wie kommt das?

In dem kleinen Büro der AG Feldhamsterschutz im Gießener Europaviertel stapeln sich leere Käfige. An der Wand hängt ein riesiges Modell: Ein Längsschnitt durchs Erdreich mit einem verzweigten Röhrensystem, an dessen Ende ein bunt gemusterter Nager die Nase reckt, ein Feldhamster. Im Gießener Land suchte die Biologin Melanie Albert solche Hamsterbauten in diesem Jahr mit Erfolg. "Aus Pohlheim und Langgöns kommen die besten Zahlen Hessens", berichtet sie und zeigt auf einen der zwei Monitore, auf denen Karten, Diagramme und Tabellen zu sehen sind. Zufrieden stimmt sie das aber offenbar nicht. "Es ist die einzige stabile Hamsterpopulation, die wir gefunden haben. In anderen Gebieten sind die Zahlen innerhalb eines Jahres um bis zu 90 Prozent eingebrochen. Das ist katastrophal."

Zweimal in diesem Jahr hatte ein Team um Hessens einzige hauptamtliche Hamsterschützerin Getreidefelder in Pohlheim, Langgöns und anderen Gebieten in Hessen nach Bauten des bedrohten Nagers abgesucht. 19 Freiwillige hatten sich dazu gemeldet und die Untersuchung damit überhaupt erst möglich gemacht. Rund 100 Hektar liefen sie zuletzt Anfang August ab und fanden 100 Hamsterheime (entspricht einem Bau pro Hektar) - ähnlich wie im Jahr zuvor. Albert ist sicher: Ein Erfolg der bisherigen Schutzmaßnahmen. "Landwirte legen seit vielen Jahren Schutzstreifen für Hamster an - dort können sich die Tiere auch nach der Ernte vor Fressfeinden verstecken." Im Vergleich dazu sehe es in anderen Untersuchungsgebieten in Hessen düster aus.

In der Wetterau zum Beispiel verzeichneten die Hamsterschützer bei ihren stichprobenartigen Begehungen gerade einmal zwei Bauten auf 100 Hektar (entspricht 0,02 Bauten pro Hektar). Erschreckend: Im Vorjahr waren dort noch 30 Bauten zu finden (entspricht 0,3 Bauten pro Hektar). Alarmierende Zahlen kommen laut Albert auch aus dem Raum Frankfurt und dem Main-Kinzig-Kreis, den sie als Regionalkoordinatorin für Hessen ebenfalls überwacht.

"In ganz Deutschland gibt es keine Populationen mit gutem Erhaltungszustand", sagt sie. Selbst die Zahlen aus dem Gießener Land seien nach Vergleichswerten des Bundesamtes für Naturschutz nur als mittel bis schlecht zu beurteilen. Gefährdet wird der Nager durch intensive Landwirtschaft, Verkehr und Fressfeinde. Nun macht ihm noch etwas anderes zu schaffen, ist sie überzeugt: der Klimawandel.

"Die Ernte ist wegen der Hitze im Sommer 2018 in vielen Gebieten sehr früh eingefahren worden, bereits Anfang Juli - zu früh für die Familienplanung der Hamster", sagt sie. Anfang Juli verließen die Jungen den Mutterbau. In der abgeernteten ausgeräumten Landschaft würden sie jedoch schnell von Raubtieren erbeutet, während sie Futter suchten und einen eigenen Bau anlegten - sofern es keine Schutzstreifen gebe, also Zonen in oder am Rande von Getreideflächen, die erst später geerntet werden. An einen zweiten Wurf, wie es ihn bei guten Bedingungen im Spätsommer geben kann, sei 2018 gar nicht zu denken gewesen. "Wahrscheinlich ist nicht einmal der erste von zwei Würfen durchgekommen", sagt die Biologin. "Effektiv gab es in vielen hessischen Feldhamstergebieten so gut wie keine Vermehrung." Bei einem Tier mit einer Lebenserwartung von maximal zwei Jahren könne das dramatische Folgen für haben. "Innerhalb eines Jahres kann eine Population ausgelöscht sein."

Die Daten aus allen Untersuchungsgebieten fließen an eine Datenbank des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Die können zum Beispiel Gutachter bei Bauprojekten anzapfen und so schauen, wo gefährdete Arten gesichtet wurden. Im Projekt Feldhamsterland wollen Albert und ihre Kollegen aus anderen Bundesländern zudem einen Feldhamsteratlas mit Fundorten in ganz Deutschland erstellen und online veröffentlichen.

Und wie geht es mit den Hamstern weiter? "Wir werden nächstes Jahr wieder auf die Suche gehen, um zu schauen, wie sich die Bestände entwickeln und versuchen, in den problematischen Gebieten gegenzusteuern", sagt Albert. Das heißt Schutzmaßnahmen in Zusammenarbeit mit Landwirten und Ämtern anregen - nach dem Beispiel von Pohlheim und Langgöns. Angesichts der ernsten Lage in großen Teilen Hessens plant die Hamsterschützerin aber auch einen Alarmbericht an die zuständigen Ministerien und Landesämter zu schicken. "Mehr können wir momentan leider nicht tun."

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