"Dringender Handlungsbedarf"

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Viele Kämmerer der 17 Kreiskommunen kennen diese Hiobsbotschaft: Kaum ist die neue Kita fertig, platzt sie aus allen Nähten. Bei den heutigen Baupreisen ist mit rund einer Million Euro je Gruppe zu kalkulieren. Trotz Zuschüssen bleibt da ein dicker Batzen bei den Gemeinden hängen. Wie sieht es aus im Kreis, wo fehlt es an Kita-Plätzen?

Am 1. Februar 2018 eröffnete die Stadt Grünberg ihren neuen Kindergarten im Wohngebiet Baumgartenfeld. Gut für die Eltern, die auf der Warteliste standen und endlich für ihren Sprössling einen der 87 Plätze ergatterten. Nur: Auf der "Schatzinsel", so der Name der Einrichtung, war bald kein Platz mehr, weswegen die Stadt die AWO-Freizeitstätte kaufte.

Ende 2020 sollen die Umbauten für die fünfgruppige Einrichtung, die als Ersatz für die dreigruppige Übergangskita im alten THW-Heim dient, fertig sein. Binnen weniger Jahre wird sich dann die Zahl der Kitas in der Kernstadt von zwei auf vier verdoppelt haben. Wie jüngst Bürgermeister Frank Ide aber schon mal vorwarnte: Womöglich ist das Ende der Fahnenstange noch immer nicht erreicht. Eine Prognose, die vor zehn Jahren noch undenkbar war: Vielerorts standen Kitas auf der Kippe, etwa in Muschenheim, oder wurden gar mangels Kindern geschlossen, wofür Münster ein Beispiel ist. Längst aber hat sich das Blatt gewendet, vielerorts herrscht eklatanter Platzmangel.

Die vom Kreis erstellte "Bedarfsplanung 2019" bestätigt dies eindrücklich, weist für 14 der 17 Kommunen einen Fehlbedarf aus (siehe Text rechts). Dass damit das Missverhältnis von Platzangebot und Zahl anspruchsberechtigter, aber nicht tatsächlich angemeldeter Kinder ausgewiesen wird, ist nur ein schwacher Trost. Unbestritten ist der vom Kreis attestierte "dringende Handlungbedarf".

Die Hauptursachen sind stets die gleichen: Eine Kombination aus neuem Betreuungsschlüssel gemäß Hessischem Kinderförderungsgesetz (kurz: jedes U 3-Kind verringert die Zahl der Plätze), Gebührenfreistellung für eine Grundbetreuungszeit sowie immer frühere Anmeldung und längere Betreuung der Kinder. Gab es 2008 im Gießener Land "nur" 6900 Kitaplätze, waren es zehn Jahre später bereits 8200 - und das ohne Hortplätze, erfolgt doch die Schülerbetreuung inzwischen über den "Pakt für den Nachmittag".

Die Fachabteilung beim Kreis verweist auf eine weitere Ursache der erhöhten Nachfrage: den seit 2014 geltenden Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige. Um diesem gerecht zu werden, hätten die Kreiskommunen seit 2008 immerhin 126 Baumaßnahmen umgesetzt; gefördert von Land und Bund. Die 123 Tagespflegepersonen eingerechnet, seien allein in diesem Segment rund 1500 neue Plätze geschaffen worden. Um nicht einen weiteren Grund des dringenden Handlungs- und mithin Investitionsbedarfs zu vergessen: Für den Kreis Gießen, so die Fachleute, ist mit einem Bevölkerungszuwachs von 5,27 Prozent bis 2030 zu rechnen. Dass viele Kommunen eine Zuwanderung von Familien erwarteten, fügt die Pressestelle hinzu. Und macht noch grundsätzlich auf die Schwierigkeiten einer längerfristigen Bedarfsplanung aufmerksam: Zum einen sei da die Ungewissheit, wie viele der Eltern künftig ihre Kleinen bereits ab dem zweiten Lebensjahr in die Kita schickten. Gewissheit bestehe nur darin, dass eine Anmeldung ab drei Jahren heute eine Seltenheit darstelle. Hinzu kämen Vorgaben des Kinderförderungsgesetzes, die sich nicht nur aufs Alter beschränkten, sondern etwa auch bei integrativen Kindern einen erhöhten Betreuungschlüssel gewährleisten sollen. Fazit des Kreises: "In vielen Fällen reichen freiwerdende Plätze durch Schulanfänger nicht aus, um den gesamten Bedarf zu decken."

Verbesserte Betreuung, schön und gut. Was viele Kämmerer der Gemeinden aber ärgert, ist, dass die "von oben" erlassenen Vorgaben nicht mit entsprechenden Zuschüssen einhergehen. Die Finanzierung erfolgt anteilig aus Eigenmitteln der Kommunen, einer Beteiligung der Eltern (Kita-Gebühren) sowie Mitteln des Landes. Nur wird die einst propagierte Drittelung bei Weitem nicht reichen. "Je nach Kommune", so die Kreispressestelle, "werden bis zu 80 Prozent der Kosten für Kindertagesstätten aus eigenen, kommunalen Mitteln finanziert."

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