+

Dreimal vom Blitz getroffen

  • schließen

Das Gießener Land ist reich an Schätzen. Versteckte, wenig bekannte Orte, die des Entdeckens doch wert sind. Kleinode, die selbst vielen "Eingeborenen" fremd sind. In den Sommerferien stellen wir auch dieses Jahr einige vor. Die Kreisredaktion lädt zur "Schatzsuche" ein.

Sie ist unübersehbar - womit klar ist, dass man unserem heutigen "Schatz" den Artikel "die" zuordnen kann. Sie steht hoch oben auf einer Bergkuppe, von der aus man weit über den östlichen Landkreis und in die Wetterau und den Vogelsberg schauen kann. Diese Lage hat ihr allerdings nicht immer nur einen Vorteil gebracht: 1749 schlug der Blitz in den Turm ein, das Bauwerk brannte aus. Die Freiwillige Feuerwehr des Ortes konnte da wenig ausrichten - sie wurde schließlich erst 188 Jahre später gegründet. Es war nicht der letzte Blitzschlag: 1831 und 1884 schlug er erneut ein. 1933 baute man schließlich einen Blitzableiter ein.

Wer nun an eine Burg denkt, der ist erst einmal auf dem Holzweg - und irgendwie doch nicht: Seit Gründung des Dorfes suchten die Bewohner in dem Bauwerk in Kriegszeiten Schutz. Ritter hatten hier jedoch nie ihren Sitz. Das wehrhafte Gebäude überstand zwar sogar den Dreißigjährigen Krieg. Es war jedoch mit dem Großbrand von 1749 Geschichte - nur der Turm überstand das Feuer. Dafür sieht der 1774 errichtete Nachfolgebau vermutlich wesentlich schmucker als sein Vorgänger aus. Die "Neue" wurde übrigens mit zahlreichen Spenden aus den Nachbarorten errichtet.

Zahlreiche Spenden waren auch zur Finanzierung der letzten Sanierung erst vor wenigen Jahren notwendig. Damals räumte selbst der Hahn auf der Turmspitze zwischenzeitlich seinen Platz, um später glanzvoll zurückzukehren. Glanzvoll ist auch eine Veranstaltung, die hier seit einigen Jahren regelmäßig im Spätsommer stattfindet: Dabei wird das Bauwerk mit einer bunten Lichtershow in Szene gesetzt, erklingt dazu klassische Musik, aber auch epische Filmhymnen und Rockmelodien wie "Smoke on the water".

Seit einigen Jahren hat der heute gesuchte "Schatz" sogar einen prominenten Nachbarn: den Reformator. Gut, Luther ist bereits seit einigen Hundert Jahren tot. Doch auf dem Weg zum Reichstag soll er durch das Dorf gezogen und im Wirtshaus eingekehrt sein. Seit einigen Jahren führt darum nun der Lutherweg direkt an dem Bauwerk vorbei, steht eine riesige hölzerne Statue des Bibelübersetzers in direkter Nachbarschaft.

Bei Luther, nicht bei Calvin gucken

Zu dieser Figur gibt es eine übrigens bislang geheime Geschichte zu erzählen: Als Fernsehmoderator Tim Frühling für sein Buch "111 Orte, die man in Mittelhessen gesehen haben muss" recherchierte, wollte er auch die Lutherstatue abbilden. Zusammen mit seiner Mutter, die für das Buch die Fotos machte, war er vor Ort - jedoch nicht oben auf dem Hügel. Nur hundert Meter entfernt, am Fuße des Bergs, steht eine andere Holzfigur: die von Johannes Calvin. Im Glauben, den Reformator gefunden zu haben, machten sie viele Bilder - bis sie irgendwann stutzig wurden: Irgendwie sah der Luther hier anders aus, als man ihn kannte... Ins Buch hat es übrigens der "echte Luther" geschafft.

Wer also noch nicht auf die Lösung des heutigen Rätsels gekommen ist, der braucht eigentlich nur einmal den Lutherweg zu pilgern. Jedoch sollte er sich nicht nur beeilen und bis 9. Juli, 9 Uhr, anrufen, sondern auch die Ostroute nehmen - denn sonst kann es sein, dass er den falschen Weg von Eisenach nach Worms geht und gar nicht an dem gesuchten "Schatz" vorbeikommt...

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare