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Predigten an ungewöhnlichen Orten gehören zur Arbeit von Pfarrer Hartmut Lemp ebenso wie das Mitwirken an kulturellen Angeboten im Dorf - hier beim Lutherspektakel am Nonnenröther Kirchberg 2017. (Archivfotos: pad/lwde)

Drei Hochzeiten und Todesfälle - Das Leben als Landpfarrer

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Hartmut Lemp ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Villingen und Nonnenroth. Seine Arbeit geht über das reine Predigen weit hinaus.

Dieser Morgen beginnt mit einer Tasse Espresso in der Hand. Ein Moment zum Inne halten, bevor das Tagesprogramm beginnt: Drei Hochzeiten und gleich mehrere Beerdigungen stehen im Terminkalender - und es kann stets noch etwas dazwischen kommen. Hartmut Lemp blickt aus dem Fenster, auf die Nachbarhäuser in Villingen. Seit Jahrzehnten ist er Pfarrer für dieses Dorf und Nonnenroth.

Die Aufgaben eines Pfarrers auf dem Land sind vielfältig und gehen weit über das Abhalten der Sonntagspredigt hinaus. Man muss Ansprechpartner für alle sein, vom Arbeiter bis zum Akademiker. Der Religionsunterricht in der Schule zählt ebenso dazu wie die Verwaltungsarbeit. Wenn eine Gemeinde einen evangelischen Kindergarten unterhält, kann dies dann bedeuten, dass der Pfarrer sich um bis zu 30 Mitarbeiter kümmern muss. Und nicht zuletzt müssen die Kirchengebäude in Schuss gehalten werden.

Sorgenvoller Blick zum Kirchturm

Als Hartmut Lemp in der Nonnenröther Kirche eintrifft, um den ersten Traugottesdienst vorzubereiten, wandert sein Blick hinauf zum Kirchturm. Die schlechte Nachricht der letzten Tage ist ihm noch gut in Erinnerung. Mit dem Geläut gibt es Probleme. Die Reparatur wird 20 000 Euro kosten - und dies nur wenige Jahre, nachdem die Kirche komplett saniert wurde. "Das Bewahren des Kulturerbes ist eine große Aufgabe", sagt Lemp. Und sie wird schwieriger. In Ostdeutschland sind rund 800 Kirchen davon bedroht, das 21. Jahrhundert nicht mehr zu erleben. "Wenn keiner mehr in die Gottesdienste hineingeht, die Orgel nicht mehr gespielt wird, dann wird das niemand wertschätzen."

Jede Hochzeit ist anders

Kurze Zeit später trifft die Hochzeitsgesellschaft ein. Der Bräutigam wartet aufgeregt auf seine Frau. Obwohl er das Paar schon seit Jahren kennt, hat er sich mehrmals mit ihm getroffen, um die Hochzeit vorzubereiten. "Die Menschen sind verschieden, darum ist auch jede Ansprache unterschiedlich", sagt er. "Meine Aufgabe ist es, theologische Antworten und Suchbeweggründe im Leben anzusprechen." Den Text von einer anderen Ansprache nehmen und nur die Namen ändern - das entspricht nicht seinem Verständnis von seelsorgerischer Arbeit.

Hartmut Lemp hat beobachtet, dass sich wieder mehr Menschen kirchlich trauen lassen, auch wenn sich die Abläufe verändert haben. Die Fürbitten werden von Freunden des Paars gesprochen, Gesangsdarbietungen sind auch keine Seltenheit mehr. "Das Leben ist aber nicht nur Honeymoon." Während der Zeremonie würden die meisten Paare diese Ernsthaftigkeit der Trauung spüren, "ein Bewusstsein für die Veränderlichkeit des Lebens". Jedoch habe er auch selbst miterlebt, dass es Brautpaare gibt, für welche die Kirche nur eine schöne Kulisse für Hochzeitsfotos ist. "Da hat man das Gefühl, benutzt zu werden. Aber ich glaube, das ist die Minderheit."

Ritual Beerdigung hat heilende Wirkung

Der Schnitt könnte kaum härter sein: Von der Hochzeit zur Beerdigung, von einem Moment großer Freude zu einem Moment bitterer Trauer. Wenn man seit Jahrzehnten Pfarrer vor Ort ist, kennt man den Verstorbenen und die Familie. Manchmal sind es Weggefährten, mit denen man viel zu tun hatte und Dinge im Dorf verändert hat. "Dann sage ich mir: Du kannst vorher und nachher trauern. Aber währenddessen bist du für diese Menschen verantwortlich." Wenn er merkt, dass dies nicht möglich ist - etwa bei engsten Freunden und Familienangehörigen - gibt er die Aufgabe an einen Kollegen ab.

Das Ritual des Abschiedsnehmens hat für die Menschen eine hohe Bedeutung und heilende Wirkung, ist sich Hartmut Lemp sicher. Darum sei es egal, ob die Trauerfeier auf einem Friedhof, in einem Wald oder auf einem anonymen Urnenfeld stattfindet. Manche Menschen müssten sich aus finanziellen Gründen für die einfachste Beerdigungsform entscheiden. "Diese Trauerfeiern begleite ich genauso liebevoll wie jede andere auch. Der erste Satz der Verfassung gilt auch über den Tod hinaus."

Erst Bankkaufmann, dann Pfarrer

Zwischen der Beerdigung und dem nächsten Termin bleibt kurz Zeit, das nächste Treffen mit den Konfirmanden in der nächsten Woche vorzubereiten. Als Hartmut Lemp selbst Konfirmand war, hatte er noch nicht daran gedacht, Pfarrer zu werden. Zunächst wollte er Bankkaufmann werden, absolvierte die Ausbildung. Eines Tages kam eine Mutter von drei Kindern in die Bank, wollt Geld abheben. Ihr Konto war überzogen und gesperrt. Sie berichtete, dass ihr Mann Alkoholiker sei und sie das Geld zum Einkaufen brauche. Lemp zahlte ihr 100 DM aus. Das gab ein wenig Ärger. Als die Frau drei Wochen später wieder kam, um Geld abzuheben, zahlte Lemp ihr erneut 100 DM aus. Diesmal gab es mehr Ärger. Daraufhin nahm Lemp von seinem eigenen Gehalt 100 DM, um die Summe auszugleichen. Er wurde zum Direktor bestellt. Dieser sagte verärgert: "Wenn Sie solche Dinge machen wollen, müssen sie Pfarrer werden."

Er wurde Pfarrer. Er holte am Laubach-Kolleg das Abitur nach und studierte Theologie. Schließlich kam er in die Kirchengemeinde Nonnenroth-Villingen. Den ersten Satz, den er im Dorf hörte, wird er nie vergessen: "Wer einmal Villinger Wasser getrunken hat, geht nicht mehr weg." Damals schwankte er, ob er das nur für selbstbewusst oder gar schon arrogant halten müsste. Heute versteht er ihn.

Hilfe für Weißrussland

Beide Dörfer zeichnen ein großer Zusammenhalt und der Wille aus, etwas zu bewegen. Die Schäferwagenherberge Nonnenroth oder der Dorfladen Villingen sind dafür Beispiele. "Mit ihnen kann man viel auf die Beine stellen", sagt Lemp. Ein Beispiel dafür ist die Weißrusslandhilfe. 32 Hilfstransporte machten sich in 25 Jahren auf den Weg, um die Menschen vor Ort unter anderem mit medizinischer Hilfe zu unterstützen. Unter anderem sammelte man mit der Reihe "Lichtwege" Spenden: Dabei wurden Werke weißrussischer Künstler in den Landkreis Gießen ausgestellt und gegen Spenden abgegeben. Über 2700 Kunstwerke kamen so nach Hessen. 2016 wurde die erfolgreiche Reihe beendet. Doch es könnte noch einmal "LichtWege" geben: Zur Eröffnung der Volkshochschule Lich nach Abschluss des Umbaus im kommenden Jahr.

Pfarrer am Zapfhahn

Das Leben als Landpfarrer - es macht Hartmut Lemp sichtbar Freude. Auch das gehört dazu: Dass man bei der Kirmes in der Montagsabendschicht als Bierzapfer mit anpackt. 2020 muss er in Ruhestand gehen - was auch bedeutet, dass er aus dem Pfarrhaus ausziehen muss. Da er wusste, dass dieser Tag kommt, hat er bereits vor Jahren in Nonnenroth ein Haus gebaut. Einige Gläubige haben ihn schon gefragt, ob er nicht danach noch ihre Trauung übernehmen könnte. Das freut den Pfarrer, doch er will auch seinem Nachfolger nicht ins Handwerk fuschen: "Man muss schon einen Cut machen." Zudem soll dieser genauso viel Erfüllung an den beiden Dörfern und der Aufgabe als Landpfarrer finden. "Es gibt keinen freieren Beruf als den des Gemeindepfarrers", zitiert Hartmut Lemp Heinrich Albertz. "Das nehme ich auch für mich in Anspruch."

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