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Unscheinbar liegt der sagenumwobene Bräutigamstein am Rande des Hardtwaldes.

Dreht sich der Stein - oder nicht?

  • Alexander Geck
    VonAlexander Geck
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Einige alteingesessene Lang-Gönser werden die Sage vom Bräutigamstein noch kennen. Schließlich war er einst ein beliebtes Ausflugsziel. Doch im Laufe der Zeit ist er in Vergessenheit geraten.

Wer auf einem der Nebenwege im Wald nordöstlich von Lang-Göns unterwegs ist, taucht unvermittelt in eine ungewohnte Stille ein. Keine Geräusche von fahrenden Autos, Rasenmähern, Kreissägen oder laute Musik. Vielmehr sind - gerade in diesen Tagen - die unterschiedlichsten Vogelstimmen zu hören, manchmal auch ein Rascheln im Unterholz. Eine Welt für sich, ein Ort zum Erholen.

Alles Gründe dafür, dass die beschriebene Hardt seit jeher ein beliebtes Ausflugsziel ist, insbesondere an Sonn- und Feiertagen. Auch Pfingstgottesdienste wurden dort abgehalten, der Reit- und Fahrverein hatte dort einen Übungsplatz.

An sich ist das nicht unbedingt eine Geschichte wert, doch am oberen Rand dieses Refugiums befindet sich ein sagenumwobener Stein, der sogenannte Bräutigamstein. Man muss schon ein wenig nach ihm suchen, ist er doch nicht weithin sichtbar. Auch der an einer Wegkreuzung angebrachte Gemarkungsname »Am Bräutigamsstein« bestätigt lediglich, dass man nicht völlig falsch unterwegs ist.

Doch wenn man sich dem Parkplatz an der A 45 nähert und sich das typische Grundrauschen des Pkw- und Lkw-Verkehrs wieder einstellt, ist man mit etwas Glück am Ziel.

Unmittelbar an einem der unbefestigten Waldwege gelegen, präsentiert sich dem Pfadfinder der Findling, der in früheren Zeiten wohl ein Opferstein gewesen war. In einer leichten Senke fristet er sein moosbewachsenes Dasein. Fast etwas unscheinbar, wenn man bedenkt, dass sich eine gar dramatische Erzählung um ihn rankt. Wie dem Buch »Lang-Göns, ein Dorfbuch aus dem Hüttenberg«, herausgegeben von Lehrer Philipp Hofmann, zu entnehmen ist, waren die Müllergret von der Lochermühle und der Pächterssohn Werner vom Neuhof schon als Kinder unzertrennliche Spielgefährten

»Sie trafen sich immer an dem großen Stein. Aus der Kinderfreundschaft erwuchs ein inniges Liebesverhältnis. Der Lochmüller verlobte aber seine Tochter mit einem Lang-Gönser Bauernsohn«, schreibt Hofmann. »Dieser war eifersüchtig auf den jungen Werner vom Neuhof, lauerte ihm beim Stein auf, geriet in Streit mit ihm und zückte sein Messer. Werner war stärker, entriss ihm das Messer, und beim Ringkampf wurde der Lang-Gönser Bräutigam getötet. Werner ging in die Welt hinaus. Man hörte nie wieder etwas von ihm. Die Müllermargret blieb unvermählt. Sie zog die Kinder ihres Bruders auf und erreichte ein hohes Alter.«

Im Buch heißt es weiter: »Um Mitternacht soll man am Bräutigamstein, wie er seitdem genannt wurde, das Seufzen der Müllergret vernehmen. Und wenn es mittags um 12 Uhr ringsum läutet, soll sich nach den Erzählungen der Lang-Gönser der Bräutigamstein umdrehen.«

Durch die Wiederveröffentlichung der Geschichte in den 50er Jahren wurden viele aufmerksam auf den Findling im Wald. Etliche Besucher stellten sich ein, und eine kleine Gaststätte am Bahnwärterhaus führte den Namen »Am Bräutigamstein«. Doch der damalige »Run« ist längst vorbei. Nur noch wenige wissen vom Bräutigamstein. Heimatforscher Otto Berndt ist einer von ihnen, er kann den Findling auf Anhieb ausmachen. Den meisten im Ort ist allerdings nur der Flurname, weit weniger der Stein ein Begriff ist. Das hat eine kleine, nicht repräsentative Umfrage gezeigt.

Erwähnenswert ist noch, dass es ganz in der Nähe des Steins eine Kaolingrube gab. Kaolin ist eine helle Tonerde, die zur Herstellung von Porzellan und Papier verwendet wird. Der Flurname »Am weißen Berg« weist auch darauf hin. Vor etwa 30 Jahren war sie jedoch erschöpft und wurde verfüllt.

Bleibt noch ein Vorschlag zum Schluss: Ein kleiner Wegweiser könnte schon ausreichen, um auf den schwer zu findenden Bräutigamstein aufmerksam zu machen. Dann können sich die heutigen Lang-Gönser zur Mittagsstunde und um Mitternacht selbst davon ein Bild machen, was dran ist an der Sage.

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