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Drehort der "Deutschen Einheit"

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Einst wurden hier Rauchwaren mit verheißungsvollen Namen gerollt, dann fanden Menschen aus Osteuropa und der Ex-DDR dort Zuflucht, später Geflüchtete aus vielen Ländern: Die Treiser Zigarrenfabrik ist vom Dunst der Geschichte umhüllt. Vier Zeitzeugen berichten über ein Gebäude, das schon immer für Aufbruch stand.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass Rauchen zum guten Ton gehörte - zumindest für viele Männer. In der Öffentlichkeit wie bei privaten Feiern prägten ältere Herren, umhüllt vom Qualm dicker Zigarren, bis vor ein paar Jahrzehnten ganz selbstverständlich das Bild. "Mein Vater ist zu Versammlungen immer mit der Tasche voller Zigarren gegangen", sagt Rudolf Herzberger aus Treis. Der Vater musste quasi mit gutem Beispiel vorandrehen: Er war Zigarrenmeister.

Die Produktion von Rauchwaren war im Gießener Land über viele Jahrzehnte ein lukratives Geschäft und ein enormer Wirtschaftsfaktor. 1895 begann die Fabrikation bei Rinn & Cloos. Nach und nach prangte der Firmenname in vielen Orten im Kreis weithin sichtbar auf großen Gebäuden. Im Kreis Gießen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts in 26 Orten Zigarrenfabriken, allein 18 von R & C. In Treis lief die Produktion 1928 an.

Für Herzberger ist die Zigarrenfabrik auch Heimat: Sein Vater hatte ab 1937 hier die Produktion geleitet, musste später in Gefangenschaft und kehrte nach dem Krieg nach Treis zurück. Die Familie wohnte im Obergeschoss der Fabrik. Darunter wurden Zigarren gerollt, im Keller war ein Lager. "Mein Bruder war im Dorf die ›groß Zigga‹, ich war die ›klee Zigga‹."

Bis zu 120 Frauen seien damals hier beschäftigt gewesen, hätten teils auch in Heimarbeit gerollt, erzählt Herzberger. Sie kamen morgens zu Fuß oder mit dem Zug, auch aus anderen Lumdatal-Dörfern. Herzberger erinnert sich noch gut, wie er bei den Arbeiterinnen auf dem Schoß saß und während der Schichten gesungen wurde. "Ich war mittendrin." Heute wohnt er nur einen Steinwurf entfernt von der Ex-Fabrik.

Ab den 70er Jahren hielten "Zigarrenmaschinen" Einzug und erleichterten die Arbeit, berichtet Friedel Thomas. Er war der Nachfolger von Zigarrenmeister Herzberger und zugleich der letzte Leiter der Manufaktur. "Mit zwei Personen konnte man bis zu 13 000 Stück am Tag produzieren.", sagt er. "Das war körperlich anstrengend - wenn man was schaffen wollte, musste man sich angehen." Vergütet wurde nach Stückzahl. Er habe damals nur dienstlich geraucht - nicht aus Genuss, sondern für die Qualitätskontrolle. Farbe, Asche, Geschmack, Festigkeit - all das wurde überprüft.

"Von drei Männern haben zwei geraucht", sagt Thomas. Aber schon Anfang der 1970er sei klar gewesen, "dass das nicht mehr lange geht". Nach und nach machten die Fabriken im Kreis dicht, Mitte der 1980er auch die in Treis. "Der Niedergang war, dass nicht mehr geraucht wurde, es war unschick geworden", sagt Herzberger. Zigaretten liefen Zigarren den Rang ab. Und die gesundheitlichen Folgen des Rauchens rückten in den Fokus, das hat Herzberger selbst im Berufsleben erfahren: Er war Geschäftsführer der AOK Gießen. Auch Thomas und Herzberger sind heute Nichtraucher.

In der Treiser Zigarrenfabrik wurde die "Deutsche Einheit" produziert - zunächst in Form von Zigarren dieses Namens. Als die deutsche Einheit dann politische Realität würde, war es mit der Zigarrenmarke zwar vorbei. Doch nun wurde die Einheit in dem roten Haus alltäglich gelebt.

Das Gebäude wurde privat verkauft. Dort stand nun viel Raum zur Verfügung - und der wurde zur "Wendezeit" dringend benötigt: Das Haus diente nun als Wohnstätte für Menschen, die durch den spröde gewordenen "Eisernen Vorhang" gen Westen zogen. Unter anderem kamen Deutsche aus Russland, Polen und Rumänen in Treis an.

Auch Gabi Conrad wohnte für gut ein Jahr in der Ex-Fabrik. 1989 hatte sie als DDR-Bürgerin einen Ausreiseantrag gestellt. Zwar sei gerade im sozialen Bereich in der DDR längst nicht alles schlecht gewesen, "aber ich wollte, dass meine Tochter in Freiheit aufwächst". Anfang 1990 kamen beide dann in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Gießen, anschließend nach Treis. "Ich war eine der ersten, die dort eingezogen sind", blickt sie zurück, allmählich seien dann mehr Übersiedler gekommen. Conrad war damals froh, mit der Tochter einen eigenen Raum zu haben. "Es war ein bisschen wie im Internat, auf jedem Gang gab es ein Bad und unten eine Küche."

Die Anfangszeit in Treis sei schwierig gewesen. "Wir wussten auch, dass uns die gebratenen Tauben hier nicht in den Mund fallen." Doch schließlich fand sie Arbeit bei einem Supermarkt in Treis, ihre Tochter wurde hier eingeschult. Die gebürtige Sächsin wohnt bis heute in dem Dorf. "Aber mein engster Freundeskreis besteht vor allem auch aus Ossis", bemerkt sie und lacht.

Conrad bewohnte Zimmer 13 in dem "Übergangswohnheim". Eine Tür weiter, in Zimmer zwölf, hatte Ingeborg Oerter ihren Stammplatz. Die Treiserin leitete bis Mitte der 90er die Einrichtung, die in Kooperation mit dem Landkreis und dem DRK privat betrieben wurde. "Ich habe den Leuten gesagt, wie es hier läuft. Und es macht mich glücklich und stolz, dass viele die Ratschläge auch angenommen haben." Oerter half bei Anträgen, gab Starthilfe. An BRD-Bürokratie mussten sich viele erst gewöhnen. Ein Beispiel: "Die Haftpflichtversicherung - falls die Kinder mal was anstellen." Einmal, erzählt Oerter, habe sie mit einer Familie aus Russland eine Walmart-Filiale besucht. Die Frau sei angesichts des Überangebots an Produkten fast in Ohnmacht gefallen.

Die Kisten mit Dokumenten von damals hat Oerter längst auf ihrem Dachboden verstaut. Aber je länger sie darüber plaudert, desto mehr fällt ihr wieder ein. "Da müssen Sie schon spontan sein. Es war ein gemischtes Publikum und ein Kommen und Gehen", blickt die Ex-Leiterin zurück. "Ich habe versucht, dieses Haus sauber und ordentlich zu leiten. Und wir hatten eigentlich wenig Polizei im Haus." Aus verschiedenen Gründen habe es auch Anfeindungen aus dem Ort gegeben, gegen sie und die Bewohner. Sie habe um Verständnis geworben: "Gemeinschaftstoiletten - das hätte uns auch nicht gefallen. Ich habe immer gesagt: Versetzt euch mal in deren Lage."

Mitte der 90er sei das Heim dann geschlossen worden, berichtet Oerter. "Mir hat das sehr leid getan. Ich glaube, ich habe geheult." Sie habe aus dieser Zeit viel mitgenommen. "Ich denke, beide Seiten haben gelernt."

Pläne, das Übergangs- in ein Seniorenwohnheim umzuwandeln, sind laut Oerter damals gescheitert. Die Eigentümer hätten gewechselt. 2015, als die Zahl der Geflüchteten in Deutschland drastisch stieg, gewann die alte Zigarrenfabrik als Zufluchtsort wieder an Bedeutung - und ist bis heute bewohnt. Ein "verlorener Ort" ist dieses Haus also eigentlich nicht. Sondern noch immer ein Dreh- und Angelpunkt für Hoffnung und Aufbruch.

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