Das Dorfwirtshaus und die Souvenirs

  • Norbert Schmidt
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Alsdann: Zum vorletzten Mal der Blick in den Zettelkasten mit den Notizen-Ideen, die weniger tagesaktuell sind, also an einem beliebigen Samstag unter die Leute gebracht werden können. Was taucht auf? Ein vergilbtes Foto. Muss bei einer der Oberhessen-Nostalgieserien in den 2000ern vergessen worden sein. Dann schnell ins Blatt damit – sozusagen als ergänzendes Gegenstück zur Serie der Gießen-Kollegen, die in diesen Tagen zu Beginn des Jahres »Kneipen abseits der Szene« vorstellen. Wobei: Eine Kneipe war das nicht, in der vor gut 60 Jahren jemand auf den Auslöser seiner Fotokamera drückte, sondern ein – neudeutsch heißt man das so – veritables Dorfwirtshaus.

Alsdann: Zum vorletzten Mal der Blick in den Zettelkasten mit den Notizen-Ideen, die weniger tagesaktuell sind, also an einem beliebigen Samstag unter die Leute gebracht werden können. Was taucht auf? Ein vergilbtes Foto. Muss bei einer der Oberhessen-Nostalgieserien in den 2000ern vergessen worden sein. Dann schnell ins Blatt damit – sozusagen als ergänzendes Gegenstück zur Serie der Gießen-Kollegen, die in diesen Tagen zu Beginn des Jahres »Kneipen abseits der Szene« vorstellen. Wobei: Eine Kneipe war das nicht, in der vor gut 60 Jahren jemand auf den Auslöser seiner Fotokamera drückte, sondern ein – neudeutsch heißt man das so – veritables Dorfwirtshaus.

Eines von der Sorte, wie es sie bis vor zwei, drei Generationen in jeder Ortschaft gab. Oft nicht nur als Einzelstück, sondern immer gleich ein paar davon. Hier trafen sich die Sänger, dort die Fußballer, hier die Kommunalpolitiker, dort die Landwirte am Ende eines langen Tages. Meist zählte eine überschaubare Auswahl an Speisen zum »Portfolio« der Wirtshäuser: Schnitzel … Bratwurst … Bratenfleisch … »Bellschou« … Schinkenbrot mit Gewürzgurke. Während der Woche eher nur mit Brot, am Sonntag auch als ganze Mahlzeit mit Katoffeln und Salatbeilage.

Spuren im nassen Sand

Welch starkes Foto ist das rechts oben, aufgenommen während der 1950er im »Friese Eck« in Krofdorf-Gleiberg, zu dem übrigens lange Zeit auch ein Kolonialwarenladen zählt – und eine Kraftstoffzapfsäule davor. Immerhin lag das Haus an exponierter Stelle; am unteren Ende der Hauptstraße, unmittelbar an der Kreuzung, an der man sich zwischen Gießen, Wetzlar und Gleiberg als Fahrziel entscheiden muss.

Abgebildet sind – von links – der stets zu einem Späßchen aufgelegte Musiker Wilhelm Reeh aus der Kinzenbacher Straße, ein Förster namens Burkhardt sowie die Wirtsleute, Netti und Willy Schmidt.

Vor einem tut sich der von Tag zu Tag größer werdende und irgendwann in sich zusammenfallende Raum der Erinnerungen auf. Selbst Souvenirs seien nichts als Spuren im nassen Sand, die nach und nach der Wind verweht, singt der Kölner Rockmusiker Wolfgang Niedecken. »Solange sie frisch sind – alles klar. Doch irgendwann ist es vorbei …«

So gab es im »Friese Eck« einen Skatclub, an dem weiland sehr bekannte Männer dem Kartenspiel frönten. Darunter der Landarzt Dr. Albert Steinmüller, der Lehrer Dr. Walter Wagner, Otto Bepperling, Erich Fuhrmann, selbstredend auch Gastwirt Willi Schmidt, der Lehrer Friedel Schmidt, der Kommunalpolitiker Walter Becker und in Adolf Echternacht ein weiterer Lehrer.

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Aus aktuellem Anlass sei es eingeschoben: Walter Wagner war der Großvater des im Hause der Gießener Allgemeinen Zeitung ausgebildeten Journalisten Martin Wagner, und der wiederum ist der Autor von »Niemand kränkt mich ungestraft«, des aktuellen Fortsetzungsromans dieser Zeitung, mit dem er im Herbst den Schreibwettbewerb »Mordsdichter« gewann.

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Zum »Friese Eck« gehört unbedingt die Erinnerung an »Beckersch Christel«, die Tochter des abgebildeten Wilhelm Reeh und dessen Frau Johanette, einer Strickmeisterin. Als Teenager war Christel vom Vater ins Stammlokal geschickt worden, um ein Päckchen »Eckstein« und zwei Flaschen Bier zu holen. Mit Folgen – denn am Stammtisch saß ein junger G. I., ein in Gießen stationierter Freund von Friese Dieter. Dessen Name: Edwin Steyerman. Der alberte angesichts einer hübschen Frau, deren Kleid vorn und hinten Knopfreihen aufwies: Die Kleine sehe aus wie ein »Studebaker«! Sie fuhr ihm über den Mund: Mit Amerikanern rede sie nicht – schon gar nicht mit so einem frechen.

Es kam anders. Die Christel und ihr Ami – das machte was her im Dorf, war Gesprächsstoff. Im August 1957 war Hochzeit.

Auch das wieder eine eigene Geschichte. Auch das wieder etwas, was überall gewesen sein könnte im Gießener Land, weshalb diese Notiz als Impuls zu betrachten ist.

Übrigens: Als der örtliche Gesangverein 1952 sein 110-Jähriges feierte, war Willy Schmidt der Festwirt. In der Festschrift warb er mit folgendem Zweizeiler: »Das Hohelied der Sänger hier: Wir trinken Gießener-Brauhaus-Bier!«

Selbst Souvenirs sind nichts als Spuren im nassen Sand! (no)

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