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Das vor fünf Jahren modernisierte Zum Löwen "beim Philipp" in Linden wurde als eines der 50 besten Dorfgasthäuser in Hessen ausgezeichnet. (Archivfoto: Geck)

Sterbende Lokale

Wie Dorfgasthäuser ums Überleben kämpfen - Zwei Lokale aus dem Kreis Gießen sind unter den besten 50 in Hessen 

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Die Zahl der Dorfgasthäuser hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Der Hotel- und Gastronomieverband schlägt Alarm. Zwei Lokale im Kreis Gießen freuen sich indes über eine Auszeichnung.

Zwei Lokale im Kreis Gießen zählen zu den landesweit 50 besten Dorfgasthäusern. Über die Auszeichnung - vergeben vom Hotel- und Gastronomieverband Hessen - freuen sich die Betreiber des Landgasthofs zum Löwen "beim Philipp" in Leihgestern und des Restaurants Alte Klostermühle im Lich. Im Vorfeld des Wettbewerbs habe man 1250 Gaststätten in Hessen gezählt, erklärte Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Verbands, am Dienstag auf der Burg Gleiberg. "Vor zehn Jahren waren es noch 3000." 

Gastwirte auf dem Dorf dürfen nicht nur auf Schnitzel setzen

Julius Wagner

Dorfgasthäuser sind vom Aussterben bedroht. "Überalterung der Betreiber und das Fehlen von Nachwuchs sind Hauptursachen", sagte Wagner auf einer Delegiertentagung des Verbands. "Wir stellen einen großen Modernisierungsstau fest" - auch im Landkreis Gießen. Vor allem auf dem Lande stehe die Gastronomie vor schwierigsten Herausforderungen." Um so wichtiger sei, den Aufwand für Bürokratie und Dokumentationspflichten zu reduzieren, appellierte er an die Politik.

Förderprogramm entwickelt

"Gastwirte dürfen nicht nur auf Schnitzel setzen", sagte Wagner außerdem und fordert die Betreiber zu Mut auf. Der Präsident des Landesverbands, Gerald Kink, ist sich sicher: "Das Dorflokal wird wieder entdeckt" und liege zunehmend wieder im Trend. "Leute werden dort auch wieder immer öfter einen Sechsertisch bestellen, es muss nicht immer Fastfood sein." Ein Trend gelinge aber nur, wenn die Gaststätten sich modernisieren und in ihre Ausstattung investieren. Der Landesverband habe daher ein fünf Millionen schweres Förderprogramm entworfen, um kleine Gaststätten dabei zu unterstützen. "Es muss noch im Landtag verabschiedet werden. Im Herbst ist ein Start schon möglich."

60 Delegierte besuchten die Tagung auf der Burg Gleiberg. Verwundert reagierten Vertreter des Verbands darauf, dass vom Vorstand des gastgebenden Bezirks Gießen-Gleiberger Land keiner gekommen war. "Das ist ärgerlich", sagte Wagner.

Bürokratie beklagt

Das Fehlen habe persönliche Gründe gehabt, erklärte Stefan Herzog, Vorsitzender des hiesigen Bezirks, gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung. Mit dem Landesverband gebe es keine Konflikte, versicherte er.

Herzog erklärte, eines der drängendsten Probleme sei die zunehmende Bürokratie. "Wir leben von Kreativität", sagte er. "Die Zeit dafür aber verschwindet, wenn man alles im übertriebenem Maße dokumentieren muss." Im Bezirk Gießen-Gleiberger Land sind 180 Betriebe angesiedelt, ein Drittel von ihnen sind im Verband organisiert.

Auch Landrätin Anita Schneider besuchte die Veranstaltung. Hotels und Gastronomie seien von hoher Bedeutung für Tourismus und Wirtschaft in der Region, sagte sie. "In der Pampa ohne Lokale in der Nähe finden Unternehmen keine Mitarbeiter. Ohne Gastronomen lebt eine Region nicht."

Landrätin wollte schonmal die Branche wechseln

Aufgabe auch der Politik sei indes, noch stärker für das Handwerk zu werben und gegen den Mangel an Fachkräften anzukämpfen. "Wir müssen an den Eltern von angehenden Auszubildenden arbeiten, was die Berufswahl angeht", sagte sie.

Gleichzeitig appellierte die Landrätin, "gute Küche" stärker zu schätzen und als Gast von Dorflokalen regionale Produkte zu bevorzugen. "Auch da fängt Klimaschutz an", sagte Schneider.

Als Studentin habe sie in der Gastronomie in Frankfurt gejobbt. "Ich habe damals unglaublich viel gelernt, auch in der Kommunikation mit Menschen." Sie habe einmal kurz darüber nachgedacht, in die Branche zu wechseln. Sofort reagierte Kink, der Vorsitzende des Verbands - und antwortete: "Es ist nie zu spät."

Auszeichnung als Herausforderung

Der Hotel- und Gastronomieverband Hessen verfügt über einen Etat in Höhe von 1,9 Millionen Euro. Er vertritt die Branche in Tarifverhandlungen und bietet den Mitgliedern Rechtsberatung sowie Hilfe in Notfällen an. Herwig Leuk, Vizepräsident des Verbands, kritisierte auf der Tagung die Pläne der SPD, die reduzierte Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen abzuschaffen, um damit ein Konzept der Grundrente einführen zu können. "Vor allem kleine Betriebe müssten dann ihre Preise erhöhen", sagte er.

Die Auszeichnung, zu den 50 besten Dorfgasthäusern des Landes zu zählen, nimmt unterdessen Philipp Arnold mit Stolz entgegen. "Am Dienstag hatten wir Schlachttag. Deshalb konnten wir an der Tagung nicht teilnehmen", erklärte er. Die Ehrung, veröffentlicht in einem Gastronomieführer des Verbands mit allen prämierten Gaststätten, habe durchaus schon Auswirkungen. "Das Geschäft hat deutlich zugenommen." Doch habe man auch gezögert, sich zu bewerben. "Denn auch die Ansprüche der Gäste erhöhen sich."

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