Digitales Lernen ist im Schulsystem zurzeit das Gebot der Stunde - eine Herausforderung für alle Beteiligten. SYMBOLFOTO: DPA
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Digitales Lernen ist im Schulsystem zurzeit das Gebot der Stunde - eine Herausforderung für alle Beteiligten. SYMBOLFOTO: DPA

Digitales Lernen im Stresstest

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Corona-Krise verlangt auch dem Schulsystem einiges ab. Statt Unterricht sind nun Online-Plattformen gefragt. Wie kommen Lehrer und Schüler mit der Situation zurecht, wo geraten sie an Grenzen? Der unerwartete Stresstest birgt Risiken und Chancen.

Aufgaben online bearbeiten, sich über Chatfunktionen austauschen, multimedial arbeiten - digitales Lernen gehört zu einem modernen Schulsystem dazu. Bislang hinkte Deutschland im internationalen Vergleich aber eher hinterher, längst nicht in allen Klassen wurden Lernplattformen genutzt. Das hat sich vor einer Woche geändert. Was eigentlich behutsam entwickelt werden sollte, muss nun sehr schnell gehen. Die Corona-Schutzmaßnahmen stellen viele Bereiche der Gesellschaft vor Probleme. Für Schulen ist der Unterrichtsausfall ein Stresstest in Sachen digitales Lernen.

Auch an der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) in Lollar haben die letzten Tage unerwarteten Stress mit sich gebracht: "Die IT-Kollegen haben 400 Passwörter für das Lernportal IServ neu gesetzt", blickt Schulleiter Andrej Keller auf das Wochenende vor dem Unterrichtsstopp zurück. Zwar nutze man IServ an der CBES schon seit drei Jahren und damit länger als die allermeisten Schulen im Kreis - anfangs finanziert aus dem Schuletat, seit 2019 vom Kreis bezahlt. Doch gerade in den mittleren Jahrgangsstufen sei damit bislang wenig gearbeitet worden. Die aktuelle Krise sei auch ein "digitales Konjunkturprogramm für Schulen ohne Ende", sagt Keller.

Wie ist die Schulgemende in den ersten Tagen mit behördlich verordnetem Homeoffice klar gekommen? Nachdem alle Passwörter vergeben waren, seien die Klassen zügig von der Kommunikation per E-Mail auf IServ umgestiegen, so Keller. Am vergangenen Mittwoch seien gleichzeitig etwa 1000 von insgesamt 1450 Schülern (inklusive Standort Allendorf) dort angemeldet gewesen, außerdem 131 von 150 Lehrern. Keller sieht das als Indiz, dass das E-Learning gut angelaufen ist. Technisch sei der gleichzeitige Zugriff von so vielen zurzeit kein Problem: "Die Speicher-Kapazitäten sind zu 50 Prozent genutzt." Falls es eng werde, müsse man weiteren Online-Speicher zukaufen.

Für Lehrer ist es eine ungewohnte Situation: Wie viele Aufgaben sind für das Lernen zu Hause angemessen - und wie schnell können die Schüler sie erledigen? Anfangs, so Keller, sei mancher übers Ziel hinausgeschossen: "Es gab einzelne Beschwerden von Schülern, dass es zu viel ist." Der ein oder andere junge Kollege habe direkt eine Klassenarbeit online schreiben wollen, "das habe ich unterbunden. Leistungsbewertung steht jetzt nicht an erster Stelle." Alles in allem ist Keller zufrieden mit der ersten Woche ohne Unterricht. Die Lehrer seien kreativ. "Da gibt es den Reiz des Neuen, die Motivation ist hoch."

Auch für Ruth Seegräber ist es eine spannende Zeit. Sie ist seit 21 Jahren an der CBES, unterrichtet als Klassenlehrerin eine sechste Klasse in Sport und im Lernbereich Naturwissenschaften, betreut aber auch Oberstufenschüler. Die Woche sei gut angelaufen, erzählt sie, gerade die höheren Klassen seien es schon gewohnt, mit dem digitalen Lernportal zu arbeiten.

Seegräber stellt Aufgaben, gibt Hinweise, ist während der "eigentlichen" Schulstunden auch telefonisch erreichbar. Auch sie lernt gerade ständig dazu, technisch und pädagogisch. "Grundsätzlich funktioniert der Austausch", sagt sie. Und im virtuellen Klassenraum ergäben sich interessante Dynamiken: Über eine Chat-Funktion tauschten sich nun Schüler aus, "die sonst nicht zusammen rumhängen".

So groß der Reiz des Neuen auch ist - das virtuelle Lehren und Lernen hat seine Grenzen. "Die persönliche Ansprache in der Interaktion, das fehlt", gibt die Pädagogin zu bedenken. Gerade im naturwissenschaftlichen Unterricht gehe es viel um Modelle, um Anschaulichkeit und das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten. "Ich kann jetzt nicht direkt sehen, ob die Schüler etwas verstanden haben." Selbst Video-Chats können die direkte Kommunikation nur bedingt ersetzen. Das größte Problem beim schulischen Homeoffice liegt aus Seegräbers Sicht aber woanders: "die häusliche Organisation in den Familien". Während Schüler normalerweise gemeinsam im Klassenraum büffeln - von Hausaufgaben, Vor- und Nachbereitung abgesehen - paukt nun jeder für sich.

In Zeiten von Corona teilen manche den Alltag mit Geschwistern, andere sind Einzelkinder. Je nach eigener Bildung können Eltern mehr oder weniger unterstützen. Und gerade an der Lollarer Schule, wo viele Nationalitäten und Kulturen zusammenkommen, gibt es große sprachliche Unterschiede in den Familien. Nicht zuletzt kann es zurzeit für jene schwierig werden, deren Eltern Geld für ein Smartphone oder einen leistungsstarken Laptop fehlt. All das zeigt: Das Lernen von zu Hause scheint Bildungsgerechtigkeit nicht gerade zu fördern.

Niemand hat diesen Zustand geplant, nun müssen alle das Beste daraus machen. Auch Leonhard Schneider aus Wettenberg. Vieles pendle sich noch ein, so der Eindruck des Elftklässlers am Gießener Landgraf-Ludwigs-Gymnasium nach einer Woche. "Für Hauptfächer war das teilweise weniger Aufwand als für Nebenfächer." Für Rückmeldungen müsse man teils schon Geduld haben. Unterm Strich sei der Aufwand zurzeit überschaubar, sagt Schneider, nur mit der Selbstdisziplin und -organisation sei es nicht ganz einfach. Eine von vielen Herausforderungen in diesem ungewollten Stresstest.

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