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Auch das Eiscafé Silano in Großen-Linden ist Opfer der Einbruchsserie vom Spätsommer vergangenen Jahres. FOTO: GECK

Auf Diebestour durch den Kreis

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Gießen (kge). Es klingt ein bisschen wie die Geschichte des b erüchtigten Verbrecherpaares Bonnie und Clyde. Zwar haben die beiden Gießener keine Morde begangen, dafür aber eine kleine Serie von Einbrüchen in der Stadt und dem Landkreis Gießen. Neunmal soll der 50-jährige Angeklagte im Spätsommer vergangenen Jahres in verschiedene Gastronomien und kleinere Geschäfte des Einzelhandels eingebrochen sein. Dabei soll er Geld und andere Wertgegenstände gestohlen haben. Seiner 42-jährigen Verlobten wird vorgeworfen, in vier Fällen beteiligt gewesen zu sein.

Vor dem Landgericht in Gießen musste sich das Paar am gestrigen Dienstag für ihre Taten verantworten. Ein Urteil gab es bis Redaktionsschluss nicht, denn das Verfahren gestaltete sich als aufwendig und kurz vor einer möglichen Einigung kam noch einmal alles ganz anders.

Die Liste ist lang. Staatsanwalt Eugen Schwegler verlas manche Anklagepunkte bis auf den Cent genau. Rund 70 Euro im Großen-Lindener Eiscafé Silano, etwa 60 Euro in der Mainzlarer Sportsbar Santa Maria oder gut 450 Euro in der Staufenberger Pizzeria Avanti: Die gestohlenen Beträge sind nicht wirklich hoch, einzig in der Gießener Vanilla Bar wird der Schaden auf über 700 Euro geschätzt.

Das Motiv für die mutmaßlichen Einbrüche wurde während der Verhandlung nicht ganz klar. Beide Angeklagte schwiegen sowohl zu den Vorwürfen, als auch zu ihren Lebensläufen. Nur am Rande ließ der 50-Jährige eine Aussage fallen, die auf eine Geldnot der beiden schließen könnte. Er erwähnte auch Drogen und Alkohol, die dazu führten, dass ihn "der Teufel wieder ritt. Ich war fertig. Ich wusste einfach nicht mehr weiter", sagte er. Ein gekipptes Fenster habe in dieser Situation ausgereicht, um ihn auf dumme Gedanken zu bringen.

Zu jedem Einbruch waren Zeugen geladen worden, Beweisfotos wurden gesichtet und Aufnahmen einer Überwachungskamera auf Leinwand abgespielt. Während die Angeklagte schwieg, ließ es sich ihr Verlobter nicht nehmen, immer wieder nachzuhaken. Öfter musste er gebremst werden. Auch davor, ein vorschnelles Geständnis abzulegen.

Der Angeklagte wollte das Verfahren möglichst schnell hinter sich bringen - so schien es zumindest. Nicht, weil das jeder Angeklagte will, sondern weil der Gießener eine ganz spezielle Situation fürchtet. Wegen des Coronavirus muss er nach jedem Außenkontakt zur Quarantäne in zweiwöchige Einzelhaft. Zudem, so sagte er, sei in der Gießener JVA aufgrund der aktuellen Lage schon seine Arbeit, Sport und viele Freizeitaktivitäten eingeschränkt worden. Auch Besucher dürfe er keine bekommen. Das zerre an seinen Nerven und würde ihn stark belasten.

Richter Jost Holtzmann zeigte sich angesichts dessen äußerst verständnisvoll und zog sich mit den Prozessbeteiligten für ein Rechtsgespräch zurück. Im Raum stand danach eine Verständigung: Hätten sich die beiden Angeklagten geständig gezeigt, hätte das für den Mann eine Strafe von drei bis dreieinhalb Jahren Haft, für die Frau eine Geldstrafe zu 90 bis 150 Tagessätzen wegen Beihilfe bedeutet. Die Verfahren in zwei weiteren Anklagepunkten, dabei ging es um Einbruchsversuche, wären zudem eingestellt worden.

Dass das Geständnis in jedem Fall kritisch auf Glaubwürdigkeit zu prüfen sei, betonte Richter Jost Holtzmann immer wieder. "Sie dürfen das Geständnis nicht nur machen, weil Sie sich dadurch Vorteile in der Haft verhoffen", appellierte er an den Angeklagten. Der wollte davon aber nichts wissen.

Als es zu den Geständnissen kommen sollte, wurden die Aussagen des Angeklagten widersprüchlich. Statt klarer Geständnisse in sieben Punkten waren es letzten Endes nur zwei Taten, die er gestand - wirklich bewusst schien ihm das nicht zu sein. Als er von seinem Anwalt darüber aufgeklärt wurde, dass er gegen die getroffene Absprache verstoße, war er erneut kurz davor, einfach alles zu gestehen. Richter Holtzmann schritt noch einmal ein: "So geht das hier nicht. Sie können nicht pauschal gestehen."

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