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Sie sei gerne in Kontakt mit anderen Menschen und neugierig, sagt Kerstin Gromes. »Ich will wissen, was passiert in diesem Landkreis.«

Die Vermittlerin

  • VonStefan Schaal
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Kerstin Gromes will Landrätin werden. Dabei ist die 52 Jahre alte Kandidatin der Grünen erst seit einem guten Jahr politisch aktiv. Die Gießenerin will vor allem Politik erklären, kommunizieren und mit den Menschen im Kreis in Kontakt kommen - und kritisiert damit auch die Amtsinhaberin.

Kerstin Gromes wischt mit dem Daumen über ihr Smartphone. »Ich zeige Ihnen Fotos von meinem Enkel«, sagt die stolze Großmutter dem Reporter, während sie vor dem großen Zelt des Wochenmarkts in Fellingshausen steht. Dann aber hält sie plötzlich inne. Gerade ist ihr wieder klar geworden, dass sich ihr Leben in den vergangenen Wochen auf links gedreht hat. Die Schulamtsdirektorin ist nun eine öffentliche Person. Was sie von sich und ihrer Familie preisgibt, muss wohlüberlegt sein.

Die 52 Jahre alte Gromes will Landrätin werden. Bei den Wahlen am 26. September tritt die Gießenerin für die Grünen an. Dabei ist sie der Partei erst vor anderthalb Jahren beigetreten.

Der Anlass war im Februar 2020 ein politisches Ereignis, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat: In Thüringen wurde der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD Ministerpräsident. Das habe sie aufgewühlt, erzählt Gromes. Zwei Tage später traf sie die Entscheidung, kommunalpolitisch aktiv zu werden. »Der Eintritt bei den Grünen war ein logischer Schritt«, sagt Gromes. Sie vertrete eine eindeutige Haltung für eine offene Gesellschaft. Außerdem sei sie Vegetarierin und pendle - bevor sie nun Urlaub für den Wahlkampf genommen hat - die sieben Kilometer vom Wohnhaus in Wieseck zum Schulamt mit dem Fahrrad. »Ich habe mir gedacht: Es ist an der Zeit, dass ich mich dafür einsetze, was ich im Privaten vertrete«, sagt Gromes. Ein gutes Jahr später steckt sie mitten im Wahlkampf, um Landrätin im Gießener Land zu werden.

Und es ist ein durchaus spannender Wahlkampf. Mit Amtsinhaberin Anita Schneider (SPD), Gießens Bürgermeister Peter Neidel (CDU) und Gromes treten drei Kandidaten an, die allesamt Aussichten auf den Posten haben. »Ja, das ist beängstigend«, sagt Gromes lachend. Zweifellos ist sie die Kandidatin mit der geringsten politischen Erfahrung. »Ich habe einen sehr unverstellten Blick«, entgegnet sie, gleichzeitig kenne sie sich in Verwaltungsaufgaben aus durch ihre Arbeit im Staatlichen Schulamt seit 2009 .

Eine wohltuend frische Herangehensweise an den Wahlkampf wird während ihres Termins vor wenigen Tagen auf dem Wochenmarkt in Fellingshausen deutlich. Gromes schlendert von Stand zu Stand, stellt sich vor, plaudert mit einer Bäckerin über Mandelhörnchen und mit einer Metzgerin über die Wichtigkeit, sich regional zu ernähren. Zufällig trifft sie den früheren Geigenlehrer ihres Sohnes und kauft an seinem Stand zwei Flaschen Bier. Sie stellt viele Fragen, hört zu, aber kein einziges Mal betet sie politische Positionen herunter.

Auf dem Dorf, erzählt sie, spüre sie bei Wahlkampfterminen bisweilen Vorbehalte gegenüber den Grünen. »Oh«, sagen ihr dann Menschen. »Es können doch nicht alle mit dem Fahrrad fahren.« Sie mache dann klar, dass sie das gar nicht will. Das Ziel müsse sein, den Bus- und Bahnverkehr auszubauen und Fahrradwege zu verbessern. Sie sei sicher keine Hardlinerin, betont Gromes. »Ich sehe mich in der Vermittlerrolle zwischen grüner Politik und den Menschen. Diese dürfen sich nicht bevormundet fühlen.«

Am Ende des Besuchs in Fellinshausen steht Gromes mit den Helfern des Wochenmarkts in einer Runde beisammen und stößt mit einem kleinen Glas Kräuterlikör an. Wenige Minuten später erzählt Gromes, dass sie sich vor zehn Jahren vielleicht die Frage gestellt hätte, ob das Anstoßen auch angemessen ist, immerhin strebe sie doch ein hohes politisches Amt an. Als Schulamtsdirektorin habe sie anfangs gedacht, dass Distanz notwendig ist, um Anerkennung zu gewinnen. »Aber es ist sehr viel wichtiger, dass man seine eigene Persönlichkeit zum Ausdruck bringt. Man ist dann trotzdem noch die Schulamtsdirektorin - oder eben die Landrätin.« Sie sei gerne in Kontakt mit anderen Menschen, sei neugierig. »Ich will wissen, was passiert in diesem Landkreis.«

Gerade in der Corona-Krise sei ein solches Rollenverständnis wichtig, sagt Gromes. Sie habe verfolgt, wie Landräte bundesweit sich während der Pandemie regelmäßig in sozialen Netzwerken, per Videobotschaften und in Podcasts an die Menschen gewandt haben, »mit einer persönlichen Note«. Die Gießener Landrätin Schneider hingegen habe sich in dieser Beziehung zurückgehalten. »Sie handelt sehr professionell, wirkt dadurch aber auch distanziert.«

Gromes betont, sie würde die Rolle der Landrätin vor allem als Vermittlerin verstehen. »Wir müssen aufpassen, dass der Kontakt zu den Bürgern nicht abreißt.« Sicher sei die Aufgabe nicht einfach. »Als Bürgermeister habe ich unmittelbaren Einfluss vor Ort, das fehlt der Landrätin.« Umso wichtiger sei, dass man mit den Menschen kommuniziert.

Gerade in diesem Bereich wolle sie als Landrätin einen Schwerpunkt setzen. »Ich möchte Netzwerke zwischen den Kommunen schaffen, die über die Treffen der Bürgermeister hinausgehen.« So könnten Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Wohn- und Gewerbegebieten sowie bei Fördermöglichkeiten Erfahrungen austauschen. Gromes will außerdem Radwege ausbauen und die Beschilderung der Wege verbessern. Als Expertin im Bereich der Schulen möchte sie zudem zum Ausbau der Ganztagsschulen beitragen.

Der Beitritt Gromes’ zu den Grünen und ihre Kandidatur ein Jahr später mögen rasant gewesen sein. Ihre berufliche Laufbahn unterdessen hat sie Schritt für Schritt verfolgt. Schulamtsdirektorin wurde sie mit 40 Jahren. »Ich habe das Glück, dass ich nicht mehr ganz jung bin«, sagt sie.

In Nieder-Gemünden hat sie als Grundschullehrerin in den Fächern Deutsch, Mathe und Kunst angefangen, zwei Jahre später wechselte sie in die Schulleitung an die Käthe-Kollwitz-Schule nach Gießen. 2009 kam sie dann zum Schulamt. »Ich habe eigentlich nur zwei Jahre den Job als Lehrerin gemacht, den ich auch studiert habe«, sagt Gromes. »Alles andere war learning by doing.«

Am Schulamt hat sie unter anderem die Aufgabe übernommen, Schulklassen und Bildungsangebote für Flüchtlingskinder zu finden. »Ich habe in meinem bisherigen Leben viele Menschen kennengelernt, deren Leben nicht nach Plan verlaufen ist«, sagt sie.

Und auch sie selbst hat gelernt, immer wieder mit neuen Situationen umzugehen. Als ihr Ehemann im Jahr 2000 für zwei Semester in den USA Wirtschaft studiert, zieht sie mit ihm und der zwei Jahre alten Tochter nach Wisconsin. Als sie befürchtet, dass ihr dort zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, gibt sie an der US-amerikanischen Uni kurzerhand Deutschkurse

Pragmatisch nimmt sie vor vier Jahren auch die Rolle als plötzliche Großmutter an, als ihre Tochter kurz nach dem Abi Mutter wird. Während der Pandemie habe sie mitbekommen, wie belastend die Zeit der Kita-Schließungen für Familien mit Kleinkindern war. »Das wäre für mich der letzte Bereich, den ich schließen würde«, habe sie gelernt. Und so steht Gromes auch dadurch mitten im Leben.

Dass der Enkel in der Fußgängerzone in Gießen ihr mit dem Ruf »Oma« hinterherlaufe, mache sie immer noch baff, gesteht Gromes. Allerdings fiebert die Grünen-Kandidatin nicht nur dem Wahltag am 26. September entgegen, sondern auch einem Tag Ende August. Dann nämlich wird Gromes zum zweiten Mal Oma.

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