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Anita Schneider beim Werben in eigener Sache auf dem Sommerfest ihrer Partei in Buseck.

Die Strategin

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Anita Schneider will weitere sechs Jahre als Landrätin im Kreis Gießen arbeiten. Eine Mehrheit hat die Sozialdemokratin im Kreistag nicht mehr. Doch das schreckt sie nicht ab. Was aber möchte Schneider, die gerne taktisch vorgeht und das Geschehen kontrolliert, noch erreichen?

Sie lächelt viel, geht von Tisch zu Tisch, spricht mit den Menschen, hört ihnen zu - und nimmt sich auch mal Zeit für ein kurzes Vier-Augen-Gespräch etwas abseits. Anita Schneider macht Wahlkampf in eigener Sache. Wobei das Sommerfest ihrer Partei am Busecker Anger ein Heimspiel für die Sozialdemokratin ist. Gegen 14.30 Uhr begrüßt sie die Gäste. Doch gegen 15 Uhr muss Schneider nochmals weg: Bei der Tagung des Chattia-Sängerbunds in Inheiden obliegt ihr als Landrätin das Auszeichnen verdienter Bürger mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen. Unterwegs im Auftrag von Wiesbaden.

Gut anderthalb Stunden später ist sie wieder in Buseck, gratuliert langjährigen Parteimitgliedern, die Ortsverein und Unterbezirk auszeichnen. Klare Sache, dass sie mit aufs Ehrungsbild geht - aber sie stellt sich in die letzte Reihe.

In Buseck beim SPD-Fest überlässt sie die Bühne erst einmal anderen Kandidaten: Felix Döring etwa, der sich um das Bundestagsmandat bewirbt, und dem Busecker Bürgermeister Dirk Haas, der seine Wiederwahl anstrebt.

Auch bei ihrer Kandidatur hat sie sich lange in Zurückhaltung geübt, ist sehr taktisch-strategisch vorgegangen: Erst Anfang Juni hat Schneider bekannt gegeben, dass sie für eine dritte Amtszeit zur Verfügung steht - fast zeitgleich mit ihrem Herausforderer von der CDU, dem Juristen Peter Neidel. Da stand Kerstin Gromes schon längst in den Startlöchern, hatte als Landratskandidatin der Grünen bereits ihre ersten Wahlkampftermine absolviert.

Dabei hatte sich die Politikwissenschaftlerin Schneider schon im Sommer 2020 mit engen Vertrauten in ihrer Partei beraten. Sie hatte sich Rat erbeten, ob sie für sechs weitere Jahre antreten soll. Und hat dann das Ergebnis der Kommunalwahl im März abgewartet. Da hat die SPD die Mehrheit verloren, ist nun in der Opposition.

Sie habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, nach gut elf Jahren für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. »Aber ich habe Lust darauf und ich habe Ideen«, sagt Schneider und benennt Aufgaben, die sie fortführen und die sie neu angehen will.

»Smart Cities« ist so ein Stichwort: »Ich bin schon stolz auf die Aufnahme in das Förderprogramm«, sagt Schneider. Der Kreis Gießen ist in diesem Jahr als einziger hessischer Landkreis in das Programm aufgenommen worden, mit dem der Bund Entwicklungskonzepte fördert, um Kommunen oder Regionen technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial-inklusiver zu gestalten. »Wir bekommen nicht nur die Projektplanung gefördert, sondern auch die Umsetzung«, sagt Schneider.

Da fließen über fünf bis sechs Jahre auch fünf bis sechs Millionen Euro Fördermittel. Was ihr wichtig ist: Mit dem Ausarbeiten der Bewerbung wurde keineswegs ein Büro betraut. Vielmehr hat Schneider zugesehen, den Makerspace in Gießen, die THM, die Uni und andere Partner mehr mit deren Know-how einzubinden. Diese Art von Netzwerken liegt ihr; das hat sie in den vergangenen Jahren auch bei anderen Projekten praktiziert: Etwa bei der Arbeit an der Energiewende: Auf ihre Initiative wurde im Landkreis 2012 ein Energie- und Klimabeirat geschaffen und mittlerweile ein Masterplan Klimaschutz aufgelegt.

Unter der Woche widmet sich Schneider ihrer Arbeit an der Kreisspitze im Landratsamt, Wahlkampf findet vornehmlich am Wochenende statt. Aktuell setzt sie auf Radtouren durch die Städte und Gemeinden: Beim Auftakt Anfang August ging es von Laubach Richtung Hungen. An den Drei Teichen bei Nonnenroth hat sie sich mit Anglern ausgetauscht, in Hungen die Schäferwagenherberge besucht. In Laubach ließ sie sich von Geschäftsleuten am Markt darlegen, welche Probleme das Wirtschaften in der Pandemiesituation mit sich bringt. Tags darauf war Schneider von Watzenborn nach Lich unterwegs, sprach mit den Leuten im Waldschwimmbad und ging in die Fußgängerzone. An diesem Wochenende steht eine Tour von Grünberg nach Großen-Buseck an.

»Landradtour« wurde dieses Format getauft und durchgeplant von Schneiders Wahlkampfmanager Gerald Dörr. Bekannt ist, dass auch Schneider gerne und präzise plant, verbunden mit der Neigung, Dinge zu kontrollieren und zu steuern. Was übrigens in der jüngst beendeten Koalition nicht immer bei allen Partner gleich gut ankam.

Es laufe rund, kommentierte Dörr dieser Tage die Radfahr-Aktion: Vereine und Gruppierungen fragten nach, ob die Kandidatin vorbeikommt.

Das Radeln ist ihre Sache. Nutzt sie ein E-Bike? »Definitiv nein«, antwortet sie. »Dafür bin ich noch nicht reif.« Seit ihrer Kindheit ist Schneider sport-affin: Laufen, Radfahren, Skifahren, Snowboarden - und seit einigen Jahren hat sie Spaß am Stand-up-Paddeln. Wie jüngst im Urlaub mit ihrem Mann an der Adria: »Tapetenwechsel, bevor in den Wahlkampf durchgestartet wird«, nennt sie das. Ein paar Tage Auszeit seien nötig gewesen.

Die vergangenen anderthalb Corona-Jahre haben sie als Krisenmanagerin gefordert und Kräfte gekostet. Zumal sie Kritik einstecken musste. Etwa für die seit mittlerweile fast vier Jahren vakante Leitung des Kreisgesundheitsamtes oder aber für eine zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation.

Am Donnerstag hat Anita Schneider ihren 60. Geburtstag gefeiert. Falls sie am 26. September wiedergewählt wird, würde ihre dritte Amtszeit bis Januar 2028 dauern. Schneider ist dann 66. Sie müsste in den kommenden Jahren mit einer CDU-Grüne-Freie-Wähler-Koalition arbeiten. Doch davor ist ihr nicht bange. Sie sieht ihre Rolle nicht als Oppositionspolitikerin. »Ich strebe ein konstruktives Miteinander an«, hat sie als Losung für ihre Kandidatur ausgegeben.

Beim Blick in den Koalitionsvertrag stellte sie fest, dass sich große Linien und Themen wiederfinden, die auch ihr wichtig sind: Klimaschutz, Digitalisierung und das Bewältigen der Corona-Folgen macht sie als Megatrends aus. Darauf will sie sich konzentrieren. Zumal sie aus den vergangenen Jahren weiß, wie zwei der Partner ticken.

»Machen, was zählt«, lautet die Botschaft auf Schneiders Plakaten. Der frontale Schlagabtausch ist ohnehin Schneiders Ding nicht, wenn es nicht sein muss. Als die neue Mehrheit im Kreis eine zusätzliche hauptamtliche Dezernenten-Stelle finanziell absicherte, da gab sie ihre abweichende Stellungnahme ab, Die größere Debatte blieb derweil dem Kreistag vorbehalten. Wobei Schneider sehr wohl »große Bühne« kann: Beim Bonner Klimagipfel 2017 stellte sie die Vorreiterrolle des Landkreises Gießen in Sachen Klimaschutz vor und beschrieb ihr Verständnis von Politik und Verwaltung: Als Koordinatorin und Initiatorin von Prozessen.

Eine andere, eher unbekannte Seite konnte man am Sonntag kennenlernen. Mit Frank-Tilo Becher und Dietlind Grabe-Bolz war sie in Gießen auf Kultur-Tour über das geplante Kulturzentrum in der Feuerwache bis zum Theaterpark. Zum Abschluss spielte Schneider Akkordeon. Und was wurde gemeinsam intoniert? »Die Gedanken sind frei«.

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