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Esther Everding betreibt in Oberkleen das »Krüthus«.

Die Oberkleener Kräuterfrau

  • VonPatrick Dehnhardt
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Als Kind hatte man Esther Everding noch erzählt, Löwenzahn wäre giftig. Darüber kann sie heute nur schmunzeln. Die ausgebildete Phytotherapeutin betreibt in Oberkleen das »Krüthus«. Sie weiß genau, welche Kräuter bei welchen Problemen helfen können - und dies nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Hund und Katze.

Der Garten hinter der Hofreite in Oberkleen ist so, wie man es bei einer Kräuterfrau erwarten würde: Eine große Heckenrose überspannt die Sitzecke, in Griffweite stehen Brennnesseln und Giersch. Die Mariendistel und die Große Klette sind noch im Wachstum, überall stehen Kräuter und Heilpflanzen

Als Esther Everding zusammen mit ihrem Mann in den Langgönser Ortsteil zog, beschrieb der Makler den Garten als »sehr naturbelassen«. Tatsächlich war es eine Wildnis, meterhoch zugewuchert. Was andere Hauskäufer abgeschreckt hätte, war für die Kräuterfrau ein Glücksfall. Denn auf einmal hatte sie vieles, was sie für ihre Arbeit brauchte, direkt vor der Haustür.

Mit Kräutern hatte Esther Everding lange Zeit ihres Lebens nur wenig am Hut: »Ich bin damit groß geworden, dass Löwenzahn giftig ist.« Die Eltern wollten so wohl vermeiden, dass die Kinder mit der Pflanze spielen, deren Saft wunderbare Flecken in Klamotten hinterlässt.

Irgendwann kam das Interesse an Düften, Gewürzen und alternativer Medizin. Sie begleitete eine Freundin zu einem Vortrag über Aromatherapie. Dieser Moment veränderte ihr Leben. »Ich war völlig fasziniert von diesem Thema.«

Everding beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Kräuter, las viel, besuchte Veranstaltungen. Doch das war ihr nicht genug. »Wenn ich das lernen kann, dann richtig«, war ihr Motto. Darum nahm sie an einer einjährigen Ausbildung zur Phytotherapeutin bei Doris Grappendorf teil. »Das war genau das, was ich gesucht habe.«

Da Esther Everding sich beruflich verändern wollte, beschloss sie, einen Kräuterladen zu eröffnen. 2011 startete in Butzbach das »Krüthus«. Der Name stammt vom alten Wort »Kruit« für Kräuter. Da dies aber kaum jemand aussprechen könnte, wurde daraus »Krüt« - und als Hommage an die Heimat ihres Mannes in Norddeutschland das Haus zum Hus.

Zunächst hielt Everding nur hin und wieder kleine Vorträge bei Landfrauen. Mit der Zeit wuchs der Wunsch, das Wissen über die nützlichen Pflanzen weiterzugeben. Ihre ehemalige Mentorin und ihr Mann unterstützten sie - die Geburtsstunde der Heilpflanzenschule.

Everding legt in den Kursen und Seminaren großen Wert darauf, dass es nicht um das Auswendiglernen lateinischer Bezeichnung geht. Viel wichtiger ist ihr, was man mit Kräutern aus der Region machen kann.

Nun ist Butzbach zweifelslos eine schöne Stadt, jedoch nicht dafür bekannt, dass dort viele Kräuter wachsen. »Ein Krüthus gehört aus der Stadt heraus«, stellten Everding und ihr Mann fest. Nach einigem Suchen standen sie eines Tages vor der Hofreite in Oberkleen. Der Garten war über 15 Jahre verwildert - selbst für eine Kräuterfrau zu viel Grünzeugs. Doch Oberkleen überzeugte die beiden sofort: »Für meinen Mann und mich war es wie ein Ankommen.«

Mit viel Motivation machte sich das Paar daran, den Garten nutzbar zu machen. In der Hofreite entstanden die Räume für die Heilpflanzenschule. Die Oberkleener hätten das Paar sofort freundlich aufgenommen, berichtet Everding. »Das sind hier tolle Menschen.« Vom ersten Tag an hätten sie Nachbarn gefragt, was da in ihren Gärten wächst und wie sie es nutzen könnten. Wenn die Kräuterfrau einmal anfragte, ob sie mit einer Gruppe auf einer bestimmten Wiese Kräuter sammeln dürfe, gab es bislang nie ein »Nein«.

Wilde Kräuter zu zeigen, darüber zu sprechen, wie diese früher in der häuslichen Küche eingebunden waren, ist eine Leidenschaft von Everding. Die Angebote finden in kleinen Gruppen statt, die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland.

Im Kräuterladen bietet Everding über 65 Kräuter, Teemischungen, ätherische Öle, Balsame, Kräuterauszüge mit Alkohol oder Öl sowie Kräuterweine an. Um die Natur vor Ort zu schonen, kauft sie die Kräuter zu. Rund die Hälfte kommt aus der Nähe von Marburg, vieles stammt aus Bio- oder Demeteranbau.

Von Beginn an kamen Menschen zu ihr, die eigentlich nach Hilfe für ihren Hund oder ihre Katze suchten. Um kompetent beraten zu können, absolvierte Everding die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin. In Zusammenarbeit mit Tierärzten bietet sie Futterberatungen für Hund und Katze an und gibt Empfehlungen, mit welchen Kräutern man das Tierwohl unterstützen kann. Aus der »Worschtküche« des Hofes ist mittlerweile die Futterküche geworden, in der sie alles für B.A.R.F-Ernährung anbietet.

Die Pandemie hat den kleinen Kräuterladen allerdings ausgebremst. Das Geschäft war geschlossen, die Kurse konnten lange Zeit nicht stattfinden. Nun hofft Everding darauf, die Schule bald wieder öffnen zu können. Computerkonferenzen seien da kein Ersatz. »Kräuter muss man einfach vor Ort zeigen. Das geht nicht über die Webcam.«

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