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Der Eisengießer steht als Identifikationsfigur vor der einstigen Buderus-Kolonie, einer Wohnsiedlung für die Arbeiter der Stahlindustrie, die Lollar noch heute prägen.

Die Multikulti-Stadt

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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(phk). »Lollar, hoast’n Pulsschlag aus Stahl, Lollar, bist mir net ganz egal«, sang einst die berühmte Mundartgruppe »Kork« über Lollar, die Stadt, die bekannt für Buderus und Co. ist und deren Botschafter die oberhessischen Barden bis zum Abschied 2016 waren.

Und dieses historische Erbe prägt die im 19. Jahrhundert aufgrund ihrer geografisch günstigen Lage an der Main-Weser-Bahn sich schnell industrialisierende Stadt, die später Heimat für viele Gastarbeiter wurde und heute entsprechend multikulturell geprägt ist. Das macht auch den Reiz für Jonas Wissner aus, der Lollar neben Staufenberg, Buseck und Allendorf (Lumda) als Redakteur betreut. Selbst in Allendorf aufgewachsen, war Lollar kulturell, aber auch privat durch etliche Freunde und Schulkameraden schon lange vor seiner Zeit als Journalist ein Bezugspunkt. Es fasziniere ihn, wie das Zusammenleben so vieler verschiedener Kulturen sich ausgestalte - und aufgrund deren Eigenheiten sich schon die Ortsdurchfahrt Lollars »von vielen anderen im Landkreis unterscheidet«.

Während böse Zungen Lollar in der Vergangenheit immer wieder als »Klein-Istanbul« bezeichneten, sagt Wissner: »Das Zusammenleben klappt aus meiner Sicht im Großen und Ganzen ganz gut. Es ist eine Bereicherung für die Region.« Das verdanke man auch der engagierten Arbeit der Integrationsbeauftragten, auch wenn Sprachbarrieren ihm die Arbeit als Journalist teils immer noch schwer machten, wie Wissner berichtet. Dabei seien gerade die Einwanderungsgeschichten interessant, wie etwa die eines Schneiders, die er von ihm erzählt bekam, als dieser ihm zwischen zwei Terminen schnell seinen Parka flickte. »Der Zugang zu anderen Communitys ist für mich eine stetige Herausforderung«, sagt Wissner. »Viele Biografien kriegt man nur zufällig oder gar nicht mit. Das ist schade.«

Deutlich gemächlicher geht es in den Stadtteilen zu, zu denen auch die idyllisch gelegene Schmelz-Mühle, die zu Salzböden gehört, zählt, oder das ebenfalls herrlich gelegene Hofgut Friedelhausen, das zu Odenhausen (Lahn) gezählt wird. Die engen und eher dörflich geprägten Ortsgemeinschaften halten zusammen - und beäugen manchmal kritisch, was in der Kernstadt (politisch) passiert.

Probleme einer wachsenden Stadt

Dennoch ist die gesamte Stadt inklusive der Stadtteile, gut angebunden durch die Bahn und die Bundesstraße 3 zwischen Gießen und Marburg, als Wohnlage sehr beliebt - entsprechend gestalten sich auch das Bevölkerungswachstum und damit einhergehende Fragestellungen nach dem Ausbau von Wohn- und Gewerbeflächen sowie der nötigen Infrastruktur. Bei Letzterem wird auch schon einmal mit dem direkten »Nachbarn« Staufenberg kooperiert, der nur einen Steinwurf über die Brücke der B 3 entfernt ist - mit dem eine eigentlich geplante interkommunale Zusammenarbeit aber vorerst doch nicht zustande kommt.

Zuletzt für besondere Aufmerksamkeit gesorgt hat Wissners Interview mit Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek, dem an Dienstjahren zweitältesten Rathauschef des Landkreises, der sich nach einem schweren Covid-19-Verlauf zurück ins Leben kämpfen musste. »So ein Gespräch bleibt natürlich hängen, das war sehr eindrücklich«, sagt Wissner. »Ich finde es wichtig, den Leuten auch solche Geschichten zu erzählen. Bei solchen Artikeln wünscht man sich, dass es viele erreicht, weil es einfach wichtig ist.«

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