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Minette Kraft mit dem Chor aus Stockhausen…

Die Lust aufs Singen ist noch da

  • Burkhard Bräuning
    VonBurkhard Bräuning
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Die guten Jahre der Vereine sind nicht vorbei, aber einige stehen vor schweren Zeiten. Gerade in den kleinen Dörfern kämpfen viele Vereine ums Überleben. Dem stehen aber auch Neugründungen gegenüber. Wir stellen auf den folgenden Seiten drei Vereine vor. Und haben die Chorleiterin Minette Kraft aus Grünberg-Klein-Eichen zur Lage der Gesangvereine befragt.

Ihr Fazit: Es geht weiter - auch nach der Corona-Pandemie.

Frau Kraft, wie haben Sie als Chorleiterin angefangen?

Mit 19 Jahren bin ich gebe- ten worden, einen »Kleinen Chor« in Lehnheim neben dem bestehenden gemischten Chor zu leiten. Das habe ich zwei Jahre mit Freude getan. Im Jahr 1999 habe ich dann für rund 15 Jahre den neu gegründeten Kinderchor des Männergesangvereins Lardenbach/Klein-Eichen übernommen.

Welche Chöre leiten Sie und welche haben Sie schon geleitet?

Im Jahr 2001 hatte der »Liederkranz« Stockhausen Bedarf und wurde zu meinem Stammverein, bei dem ich viele Jahre bleiben konnte und auch mit projektbezogener Chorarbeit angefangen habe. 2010 habe ich den »Liederkranz« Freienseen mit Männerchor und gemischtem Chor übernommen. Aus verschiedenen Projekten gründete sich nach einiger Zeit die Chorgruppe »CantAmo« mit Sängerinnen und Sängern aus verschiedenen Ortschaften, die dem Freienseener Gesangverein angegliedert ist. Später kam der Kinderchor der evangelischen Kirchengemeinde Ruppertenrod, die »KiChoKids«, dazu und von 2015 bis 2019 außerdem der Kinderchor des Fördervereins der Grundschule Feldatal.

Chorgesang ist über Generationen ein Thema in Ihrer Familie. Ihr Großvater war Vorsitzender des Ohm-Lumdatal-Sängerbundes, Ihr Vater Chorleiter. Was hat sich über diese drei Generationen hinweg verändert?

Vor rund 100 Jahren wurden viele unserer sogenannten Dorfchöre gegründet. Damals gab es weniger Freizeitaktivitäten über das eigene Dorf hinaus und man ging - endlich durfte man abends weggehen - nach der Konfirmation eben in die Vereine. Gesangverein, Schützenverein und Sportverein zumeist. Der Chor hat alle wichtigen Feiern im Dorf festlich umrahmt. Somit hatten unsere Dorfchöre einen großen Stellenwert im örtlichen kulturellen Leben.

Hat sich das seitdem verändert?

Nein, das ist auch heute noch so, aber die Mobilität, auch der gestiegene allgemeine Wohlstand haben die Möglichkeiten, sich seinen Verein oder seine Freizeitaktivitäten auszusuchen, stark beeinflusst. Als ich jung war, war es nicht mehr selbstverständlich, sich seine Hobbys im eigenen Dorf zu suchen. Heute hat ein Chor meist Mitglieder aus verschiedenen Ortschaften. Da wird es mit spontanen Ständchen innerhalb des Dorflebens schon schwierig.

Das wollen die jungen Chöre ja auch gar nicht - oder?

Das ist unterschiedlich. Aber klar ist: Die Gründung vieler »Junger Chöre« mit fremdsprachigem, eher der Popularmusik zugewandtem Repertoire hat vor mehr als zehn Jahren die Chor-Landschaft verändert. Thematisch abgegrenzte Chöre wie Blues-, Jazz-, Pop- oder Gospelchor mit festgelegtem Stil der Chorliteratur haben eine andere Struktur, bereichern allgemein die musikalische Kulturlandschaft.

Und der Nachwuchs heute?

Nun, das Singen hat durch Casting-Shows wie »Voice of Germany« wieder an Stellenwert gewonnen. Viele Kinder und Jugendliche sind in die entsprechenden Chöre gegangen. Ihr Interesse gilt aber eher dem Bereich der Popmusik. Wir haben immer noch viele Chöre, aber nicht mehr in jedem Ort einen. Fakt ist: Noch immer singen viele Menschen, aber sie singen nicht mehr die Lieder von einst.

Corona hat den Chorbetrieb lahmgelegt. Können Sie Ihre Gefühle beschreiben, als Sie jetzt wieder vor Ihren Sängerinnen und Sängern standen?

Als jetzt ein Chorbetrieb unter Sicherheitsauflagen möglich war, habe ich mich echt aufraffen müssen - ich hatte mir das Singen regelrecht abgewöhnt. In dem Moment jedoch, in dem wir wieder gemeinsam mit ein paar Sängerinnen und Sängern zusammenstanden, durchzog mich regelrecht ein Glücksgefühl - und die Lust zu singen kam zurück.

Und die Sänger, wie haben die sich gefühlt?

Ich sah viele frohe Gesichter, habe lebendige Unterhaltungen gehört und Sätze wie »Schön, dass wir wieder zusammen singen können.«

Sind denn alle wieder dabei?

Nein, wir haben leider tatsächlich einen Sänger durch Corona verloren, eine weitere aktive Sängerin und ein passives Mitglied sind gestorben und einige haben angekündigt, aus verschiedenen Gründen nicht mehr wieder anzufangen. Wir sind auch noch nicht wieder im Regelbetrieb. Fluktuation und Wandel sind ja normal, aber das Ausmaß des Schadens am Chor durch Corona kann ich derzeit noch nicht endgültig abschätzen.

Noch einmal zurück zu den Veränderungen: Sind die Ansprüche der Chöre an sich selbst gestiegen?

Den Anspruch, ,auf dem höchstmöglichen Niveau zu singen, hat fast jeder Chor, auch wenn manche Chöre den geselligen Faktor und den Spaß über alles stellen, wie die Hamburger Goldkehlchen. Die können eben nicht in Perfektion singen. Sie geben alles, aber stoßen an ihre Grenzen.

Geht es den Sängerinnen und Sängern auch um Geselligkeit und Vereinsleben? Oder wollen sie einfach »nur« singen?

Immer geht es um gemeinsames Singen und Erleben. Ob das jetzt das Ständchen für einen 70. Geburtstag oder eine Hochzeit ist, oder ein gemeinsam vorbereitetes Konzert. Im traditionellen Dorfchor haben meist ältere Menschen Gelegenheit, sich auszutauschen, sich zu treffen, die Gemeinschaft zu pflegen. In anderen Chorgruppen wird mehr die Stimme, bestimmtes Liedgut, das Singen selbst und die Kultur gepflegt - aber immer geht es dabei um eine lebendige Gemeinschaft.

Gibt es ein Lied, dass Sie besonders gerne mit Ihren Chören singen?

Oh, das sind viele unterschiedliche, da stechen wenige stark hervor. Aber generell liebe ich klangvolle melodische Chorsätze oder Lieder mit einer kleinen Besonderheit oder mit Choreografie.

Wie muss Ihrer Meinung nach die Mischung in der Chorliteratur aussehen?

Ich komme vom traditionellen Volkslied und kenne den ganzen Text von »In einem kühlen Grunde« auswendig. Aber mir sind viele unterschiedliche Chorstücke lieb. Es gibt wunderbare Chormusik aus Filmen oder alte Schlager, die gerne gesungen werden. Bewegung gehört für mich zu manchen Chorstücken und sowieso zum Singen mit dazu. Singen ist etwas Ganzheitliches und verschafft uns ein gutes Körpergefühl. Lieder in anderen Sprachen haben oft einen besonderen Charakter, weil sie aus einem anderen Kulturkreis stammen, und diese erweitern unseren Horizont. Mundart streue ich auch gerne ein, es ist schön, wenn diese nicht ganz verloren geht. An populärer Literatur finde ich immer mehr Gefallen, das gehört heute eben auch dazu.

Werden immer mehr Chöre fusionieren müssen, damit sie »singfähig« bleiben?

Das wird eine Möglichkeit sein, bestehende Vereine zu erhalten. Andererseits gibt es meines Wissens sogar aktuell zwei Neugründungen im weiteren Umfeld.

Oder geht das Ende vom Lied so: »Schluss mit lustig, der GV Heiterkeit hat die Chorproben eingestellt.«

Manchen wird es so ergehen, es gab ja auch vor Corona schon ein gewisses »Chorsterben« in unseren Dörfern. Zuletzt hat ja der Chor in Lauter aufgeben müssen.

Wann werden Sie mit Ihren Chören wieder auf einer Bühne stehen?

Ich traue mich nicht, da eine Prognose abzugeben. Schon letztes Jahr dachten wir, es wird wieder - und dann kam der Rückschlag. Wenn alles gut geht, vielleicht hoffentlich um Weihnachten herum. Aber wer wei߅

…und mit der Chorgruppe »CantAmo« aus Freienseen und Umgebung. FOTOS. PV

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