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Sehenswürdigkeiten - hier die Burg Staufenberg - will Tourismusbeauftragte Anna Erb stärker zur Geltung bringen, aber auch Gastronomen, Freizeitanbieter und andere Akteure im Nordkreis vernetzen.

Die Heimat als Reiseziel

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Hohe Berge oder idyllische Strände gibt es im Nordkreis nicht. Trotzdem sei die Region als Reiseziel beliebt und habe einiges zu bieten, findet die Tourismusbeauftragte Anna Erb. Sie möchte Potenziale stärken, Akteure vernetzen - und auch Einheimische für ihre Heimat begeistern.

Der Norden des Landkreises Gießen als touristisch interessantes Ziel? Das leuchtet nicht jedem Einheimischen ein. »Häufig höre ich: ›Hier ist doch nichts!‹«, berichtet Anna Erb. »Viele denken bei Tourismus an Neuschwanstein, an Berge, Skifahren und Strände. Da können und wollen wir nicht mithalten, wir werden nicht Millionen von Touristen anlocken«, übt sich die 31-Jährige in Realismus. Doch für Kurztrips seien die »Gießener Lahntäler« schon jetzt beliebt, hiesige Ferienwohnungen auf Buchungsportalen durchaus gefragt - nur werde das von der Bevölkerung wenig wahrgenommen. »Es ist auch Teil meines Jobs, den Blick für die Schönheit der Heimat zu schärfen«, findet Erb.

Seit Dezember ist sie als Projektbeauftragte dafür zuständig, die Kommunen Lollar, Staufenberg, Allendorf (Lumda), Rabenau, Buseck und Reiskirchen als Region zu vermarkten, den Tourismus voranzubringen. Eine Aufgabe, bei der Netzwerken das A und O ist. »Fäden zusammenhalten, das war schon immer mein Ding«, sagt Erb. »Nun kann ich es damit verbinden, mich für meine Heimat zu engagieren, Orte bekannter zu machen. Das erlebe ich als sehr sinnstiftend.«

Erb ist im Gießener Land verwurzelt. Sie wuchs in Biebertal auf, absolvierte bei Leica in Wetzlar eine Ausbildung zur Industriekauffrau, setzte ein BWL-Studium mit Schwerpunkt Marketing und Event-Management drauf und brachte sich dann damit bei Leica ein. Nun arbeitet sie in Vollzeit in der Rabenauer Verwaltung, wo die Tourismus-Stelle angedockt ist.

»Die Kommunen im Nordkreis wie Allendorf und Rabenau waren vorher nicht in meinem Bewegungsradius«, räumt Erb ein. Anfangs hätten die sechs Bürgermeister auf ihre Bitte hin je eine Rundfahrt mit ihr durch die Kommunen unternommen. »Es ist noch nicht so, dass ich dort jeden Winkel wie meine Westentasche kenne«, sagt Erb. Doch mit den Kontakten verbessere sich auch die Ortskenntnis. Und sie ist froh, dass sie nicht bei Null anfangen musste, sondern schon auf ein zwischen den Kommunen abgestimmtes Tourismus-Konzept als Basis zurückgreifen konnte.

Bei der Frage nach Stärken und touristischen Potentialen der »Gießener Lahntäler« muss Erb nicht lange überlegen: »Die idyllische Natur und Landschaft sowie das Angebot an Kultur mit einem reichen Erbe an Künstlern - von Rilke über Kurzeck bis Vahle.« Als Beispiele für den Schwerpunkt Kultur nennt sie etwa das Hofguttheater in Odenhausen/Lumda, das Kulturcafé in Daubringen oder »Musik im Park« in Großen-Buseck. »Es gibt schon einiges, was man im Grunde nur strukturieren und konzentrieren muss. Das ist für mich eine Hauptaufgabe: Bündeln, Vernetzen, das, was da ist, präsentieren.«

Schwächen sieht Erb in der aus ihrer Sicht noch mangelnden Ausrichtung auf (Tages-)Touristen. Ein Beispiel: »Die Öffnungszeiten der Gastronomie sind teils schlecht abgestimmt.« Mitunter sei mittags geschlossen, auch an Wochenenden, »das ist für Radler und Wanderer schwierig«. Auch angesichts der Corona-Zeit sei es »definitiv nicht einfach, die Gastronomen Chancen erkennen zu lassen«. Sie wolle »Überzeugungsarbeit leisten, auch ein bisschen Aufbruchstimmung verbreiten«. Nicht nur, aber auch im Gespräch mit Gastronomen müsse sie jedoch häufig erst erklären, wer sie ist und was sie eigentlich macht. »Viele können meine Arbeit erstmal schwer zuordnen und fragen, ob ich eine Anzeige verkaufen will.«

Neben vielen Gesprächen nimmt die Pflege der neuen Online-Datenbank mit Sehenswürdigkeiten, Veranstaltungen und mehr in Erbs Arbeitsalltag einigen Raum ein. Die Datenbank sei inzwischen an die Tourismus-Website (www.giessener-lahntaeler.de) angebunden, müsse nun stets aktuell gehalten werden. Für 2022 ist laut Erb die Gestaltung einer Broschüre mit Highlights geplant. »Gespannt« sei sie auf eine vom Kreis beauftragte »Wanderpotenzialanalyse«. Im besten Fall könne am Ende die Zertifizierung von Wanderwegen stehen, »viele Menschen richten sich gerne nach solchen Qualitätssiegeln«. Und auch, wenn das nicht klappen sollte, lasse sich bei den Routen viel verbessern - von einheitlicher Beschilderung bis hin zu Möglichkeiten für den Toilettengang, »das wird oft vergessen, ist aber wichtig«. Für Erb steht jedenfalls fest: »Ohne Qualität kann man sich im Tourismus schwer behaupten.«

Zentral sei aber auch, dass die hier lebenden Menschen das Potenzial ihrer Orte erkennen. Pluspunkte wie die »schöne Mittelgebirgslandschaft« als Erholungsfaktor würden so oft nicht gesehen. Das hat aus Erbs Sicht auch mit der bisher eher dürftigen Kooperation der Nordkreis-Kommunen beim Tourismus zu tun. Auch der Begriff »Gießener Lahntäler«, der Lumda-, Wieseck- und Salzbödetal zusammenfasst, trifft auf einige Skepsis, erschließt sich vielen nicht. »Es ist auf jeden Fall erklärungsbedürftig«, sagt Erb. »Aber um diese Täler zu beschreiben, muss es ja ein Kunstbegriff sein. Immerhin führt es dazu, dass die Menschen sich damit beschäftigen.«

Bis der Nordkreis-Tourismus hoffentlich einmal zur »Wirtschaftsförderung« beitrage, etwa durch steigende Steuereinnahmen, sei es noch ein weiter Weg. Vielleicht, sagt Erb, könne die Tourismusförderung langfristig auch dem Gastro-Sterben entgegenwirken oder zu besserer Infrastruktur beitragen. Jedenfalls könne die Region nur profitieren, wenn Freizeitangebote besser vernetzt und präsentiert werden.

Erbs Anstellung, die zum Großteil durch Fördergeld finanziert wird, endet in einem knappen Jahr. Wie geht es nach der »Anschubphase« weiter? Erb ist optimistisch, dass den Verantwortlichen in den »Gießener Lahntälern« daran gelegen ist, beim Tourismus voranzuschreiten - und sie ihre Arbeit fortsetzen kann. »Eine Verstetigung wäre schön, nur so können die Kommunen wirklich profitieren«, sagt sie und ergänzt: »Sonst wären diese anderthalb Jahre vergebene Liebesmühe gewesen.«

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