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Für Kundenwünsche eine Lösung finden, das gefällt Ronja-Josephine Niederle an ihrem Job als Optikerin. Am Samstag vertritt die Hungenerin als beste Gesellin Hessen beim Leistungswettbewerb des deutschen Handwerks in der Augenoptik.

Die beste Gesellin ihres Fachs

  • VonChristina Jung
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An ihrem Beruf liebt sie die Abwechslung und den Kontakt mit den Menschen. Dass sie ihn gut kann, hat Ronja-Josephine Niederle bereits bei der Gesellenprüfung unter Beweis gestellt, die sie als Beste in Hessen ablegte. Nun vertritt die Hungenerin ihr Bundesland beim Leistungswettbewerb des deutschen Handwerks in der Augenoptik.

Zettel und ein Taschenrechner liegen auf einem Tisch, darauf ein flaches, rechteckiges Glas, in dem seitlich eine Reiszwecke steckt. Direkt über einem ausgefrästen Quadrat in einem winzigen, von Hand gebohrten Loch. Es gehört zu einer von vielen randlosen Brillen, die Ronja-Josephine Niederle in den letzten Tagen gefertigt hat. Seit Montag vergangener Woche tut sie kaum etwas anderes. Ihr Arbeitgeber hat sie in eine seiner Lehrwerkstätten nach Hamburg geschickt, wo sie sich zusammen mit anderen Fachkräften ihres Berufsstandes vorbereitet. Denn die 25-Jährige aus Hungen vertritt Hessen beim Leistungswettbewerb des deutschen Handwerks in der Augenoptik, der am Samstag in Dortmund ausgetragen wird. Zuvor hatte sie sich als beste Gesellin ihres Jahrgangs qualifiziert.

Ronja-Josephine Niederle gefällt an ihrem Beruf als Optikerin vor allem die Abwechslung zwischen Kundenberatung, handwerklichen Tätigkeiten, Büroarbeiten und dem Aspekt der Gesundheitsvorsorge rund um das Auge. Während sie im Rahmen ihrer Ausbildung bei Fielmann in Wetzlar viel Zeit in der dortigen Werkstatt verbrachte, ist sie seit ihrem Abschluss im Juli überwiegend im Verkauf tätig. Für die vielen unterschiedlichen Menschen mit ihren individuellen Problemen und Wünschen eine Lösung zu finden, das macht ihr Spaß.

Dabei hatte die junge Frau aus der Schäferstadt diesen Beruf eigentlich gar nicht auf dem Plan. Nach dem Abitur an der Gesamtschule Hungen 2015 begann sie ein Studium - Deutsch und Mathematik für die Realschule. Doch nach einem Semester hängte sie das Ganze an den Nagel. »Ich hatte gemerkt, dass es nicht das ist, was ich wollte«, sagt sie. »Ich wollte keinen Job, bei dem man die Arbeit abends mit nach Hause nimmt.«

2017 entschied sich Niederle für eine Ausbildung zur Optikerin. Weil das beim Fachmann vor Ort nicht möglich war, bewarb sie sich bei Fielmann und konnte für ihre Ausbildung zwischen mehreren Filialstandorten wählen. Die Entscheidung für Wetzlar hat sie nicht bereut, auch wenn sie von Hungen bis in die Domstadt täglich 40 Kilometer hin- und wieder zurückfahren muss. »Ich habe mich da von Anfang an angekommen gefühlt.« Wenn es Fragen oder Unsicherheiten gab, konnte sie auf die Unterstützung ihrer Ausbilder zählen, sagt sie. Bei ihren Entscheidungen wurde sie unterstützt.

Im Sommer vergangenen Jahres beendete Niederle ihre dreijährige Ausbildung als beste Gesellin. Dass sie so gut abgeschnitten hatte, erfuhr sie aber erst Ende August. »Es gab ja wegen Corona keine Freisprechungsfeier«, erzählt sie. Irgendwann sei stattdessen ein Päckchen mit ihrer Urkunde zu Hause angekommen. Weil sie hessenweit das beste Prüfungsergebnis erreicht hatte, tritt sie am Samstag beim Leistungswettbewerb an. Den kannte die Hungenerin, die in ihrer Freizeit gerne liest und spazieren geht, bereits aus dem Umfeld der Berufsschule und des Betriebs sowie aus der Fachpresse. Allerdings hätten die Veranstalter diesmal die Anforderungen geändert, erzählt sie. Eigentlich hatten die Gesellen zu einem bestimmten Thema eine Brille entwerfen und fertigen müssen. Diesmal wird stattdessen das Fertigen einer randlosen Brille gefordert, außerdem gilt es, zwei verschiedene Beratungssituationen zu meistern - eine Reklamation und ein Verkaufsgespräch. Letzteres ist für die 25-Jährige kein Problem. »Das mache ich ja sonst auch den ganzen Tag«, sagt sie. Aber wegen der anderen beiden Aufgaben ist sie etwas nervös.

Viereinhalb Stunden dauert der Wettbewerb, je eine halbe Stunde die Beratungen, dreieinhalb Stunden das Fertigen der Brille. Mit Letzterer nimmt Niederle automatisch an einem weiteren Wettbewerb teil: »Gute Form im Handwerk - Handwerker gestalten« nennt er sich und ist quasi ein Kreativpreis, denn der Fokus liegt im Vergleich zum eigentlichen Wettbewerb auf der gestalterisch schöpferischen Arbeit. Dem Gewinner winken 500 Euro Preisgeld, ebenso wie dem Gesamtsieger.

Was die veränderten Anforderungen in diesem Jahr angeht, erklärt Sarah Köster, Sprecherin des Zentralverbandes der Augenoptiker und Optometristen, diese so: Der Beruf des Augenoptikers ist sehr vielschichtig und hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Die geänderten Wettbewerbsanforderungen sollen den tatsächlichen Berufsalltag widerspiegeln, in dem Kundenberatung und Dienstleistung an Bedeutung gewonnen haben und nicht mehr allein das Handwerk im Vordergrund steht.

Coronabedingt war der Bundeswettbewerb verschoben worden. Nun findet er unter Beachtung strenger Hygieneauflagen statt.

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