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Deutsche Buchpreis-Trägerin Anne Weber liest in Lich

  • VonSascha Jouini
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Nach Monaten kultureller Durststrecke setzte die Stadtbibliothek Lich ein Ausrufezeichen: Mit Anne Weber las nun die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2020 im Kino Traumstern. Die Protagonistin des Werks »Annette, ein Heldinnenepos« hat dabei Bezug zur Stadt Lich.

Der Vorsitzenden des Fördervereins der Stadtbibliothek Lich, Dr. Sibylle Starz-acher, war bei der Begrüßung im Kino Traumstern Erleichterung darüber anzumerken, dass nach eineinhalb Jahren Pause wieder eine Veranstaltung möglich war.

Mit Anne Weber hatte der Verein gemeinsam mit »künstLich« zudem eine Autorin gewinnen können, die in ihrem 2020 erschienenen Buch »Annette, ein Heldinnenepos« ein Thema mit Lich-Bezug beleuchtet: Die Protagonistin Anne Beaumanoir lebte viele Jahre in der Partnerstadt Dieulefit, bevor sie in die Bretagne zog. Begleitendes Informationsmaterial im Kinofoyer dokumentierte die Partnerschaft.

Weber hatte Beaumanoir in Dieulefit auf einem Filmfestival kennengelernt. Die »lebhafte Sprechweise, ihr ganzes Auftreten« habe sie sehr angezogen, äußerte die Autorin. 1923 in der Bretagne geboren, studierte Beaumanoir nach dem Zweiten Weltkrieg Medizin und wurde Neurophysiologin.

Bereits als Jugendliche trat sie in die kommunistische Résistance ein. Später engagierte sie sich im Algerienkrieg für die Unabhängigkeitsbewegung. Aufgrund ihrer Aktionen geriet sie in Haft und unter Hausarrest, floh nach Algerien und war in der ersten Regierung im Gesundheitsministerium tätig. Nach dem Militärputsch floh sie weiter in die Schweiz, bis sie im Zuge der Amnestie in ihre Heimat zurückkehrte.

Eigene Perspektive

Weber las zunächst die Anfangspassage, in der sie die familiären Verhältnisse der Protagonistin thematisiert, etwa deren Liebe zur Großmutter. Als Mitglied der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus rettete Beaumanoir in Paris zwei jüdische Jugendliche. Die riskante Aktion beschreibt Weber ebenso einfühlsam wie spannend. Für die Rettung wurde die Heldin in den 1990er Jahren mit dem Titel »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet.

Eine weitere Passage handelte von der Zeit des Algerienkriegs. Mitte der 1950er Jahre reiste die Protagonistin in das nordafrikanische Land, verbrachte dort die Ferien bei Freunden.

Die Hintergrundinformationen nahmen bei der aufschlussreichen Lesung breiten Raum ein. So habe Beaumanoir das Engagement in der französischen Résistance und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung als Kontinuität wahrgenommen, merkte Weber an. Sie führte mit der Protagonistin zahlreiche Gespräche, die die Grundlage für ihr Epos bilden.

Doch erzähle sie die Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive, betonte die Autorin. Beispielsweise reflektiert sie darüber, wie tröstlich es für den Vater der Kinder in Paris gewesen sein könnte, in dem Bewusstsein zu sterben, dass wenigstens sie gerettet sind.

Leider las Weber - womöglich aufgrund innerer Anspannung - mit stockendem Redefluss, dies erschwerte es etwas, ihren Gedanken zu folgen. Beim anschließenden Publikumsgespräch war sie wesentlich lockerer.

Gegenüber den Zuhörern ging die seit 38 Jahren in Paris lebende Autorin auf diverse Aspekte ein, unter anderem auf die Entstehung ihres in freien Versen gehaltenen Buches. Sie schrieb erst die deutsche Fassung, übersetzte dann selbst ins Französische. Sie hoffe, betonte Weber, dass der Rhythmus, den sie gefunden habe, auch den Leser ergreife. Von den reinen Fakten weiche ihr Epos kaum von dem Erinnerungsbuch Beaumanoirs ab, doch sah sie »noch Raum für ein anderes Erzählen«, führte Weber weiter aus und unterstrich den literarischen Anspruch, den sie mit ihrem Werk verbindet. Bei aller Bewunderung habe sie zu vermeiden versucht, die Protagonistin zu verherrlichen. FOTO: JOU

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