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Erinnerungen: In vergilbten Fotoalben und Zeitungsausschnitten blättern die Schmiede-Nachfahren (v. l.) Heike, Luis, Jörg, Tanja und Lennart Wehrum sowie Gudrun Gerlach (2. v. r.).

Der wahre Dorfmittelpunkt

  • Gabriele Krämer
    VonGabriele Krämer
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Heiße Eisen, hell klingende Hämmer, schweißgebadete Menschen, schnaubende Ackergäule - fast meinen sie, die Geräusche und Gerüche von früher zu vernehmen, wenn sie an das Leben anno dazumal in der ehemaligen Hofreite denken. Sorgsam hüten die Nachfahren von Karl Wehrum und dessen Sohn Otto die alte Dorfschmiede in Albach. Heute ist der Bau ein Kulturdenkmal.

Amboss und Esse scheinen noch wie für den nächsten Einsatz vorbereitet, Eisenfeilen unterschiedlicher Stärke und Größe hängen griffbereit in einer Halterung und unzählige Schrauben und Muttern füllen eine große Lade auf der hölzernen Werkbank fast bis an den Rand. »Es war einmal«, seufzt Heike Wehrum in Erinnerung an die Betriebsamkeit in der alten Schmiede, in der 2008 das letzte Feuer glühte.

Dabei war der umtriebige Alltag in der weitläufigen ehemaligen Hofreite mitten in Albach manchmal auch anstrengend für die heute 62-Jährige, deren drei Geschwister und all die anderen Familienmitglieder, die den Hof im Laufe der Jahre bewohnten. Drei Generationen unter einem Dach - das war damals im Dorf die Regel.

So manche Begebenheit rund um (Ur-) Opa Karl und (Groß-) Vater Otto sorgt durchaus für Heiterkeit, als Heike Wehrum, ihre Schwester Gudrun Gerlach (65), Bruder Jörg (53), dessen Ehefrau Tanja (49) und deren Söhne Lennart (17) und Luis (14) nun in vergilbten Fotoalben und Zeitungsausschnitten blättern. Im Schatten der Bäume fügt die familiäre Runde Mosaiksteine aus der Dorfhistorie zusammen. »Wir haben früher jedenfalls öfter mitarbeiten müssen«, resümiert Heike Wehrum.

»In der Schmitt«, wie die Albacher den Komplex in der Licher Straße 13 bis heute nennen, hatten Kinder und Erwachsene früher gleichermaßen mit anzupacken. Und das nicht nur dann, wenn etwa das Eisen rund um die hölzernen Räder der Erntewagen zu biegen war oder - verstärkt ab den Achtzigerjahren - mehr und mehr Hoftore, Treppengeländer, Gartenzäune und Fenstergitter geschmiedet wurden: Die mussten gut festgehalten und flugs von einer Seite auf die andere gedreht werden.

Der Begriff »Schmiede« nämlich ist viel zu kurz gegriffen. Über Jahrzehnte war »bei Wehrums« der eigentliche Ortsmittelpunkt angesiedelt. Handwerksmeister Karl Wehrum (anno 2000 als 93-Jähriger verstorben) war als Hufschmied und Wagner ohnehin gut ausgelastet, betrieb daneben mit seiner Dreschmaschine eine Lohndrescherei. Später wurde die durch einen Mähdrescher ersetzt. Der Senior war zudem Wassermeister und hatte die Herrschaft über die Gemeindewaage. Obendrein betrieb die Familie eine »kleine« Landwirtschaft. Kühe, Hühner, Schweine und Hasen waren zu versorgen und 20 Morgen Land zu bewirtschaften.

Brach im Dorf die Zeit der Hausschlachtungen an, wurden in der Schmiede die mit Wurst gefüllten Dosen mit einem Deckel verschlossen. Ein Gasflaschenverleih sorgte für zusätzliche Fluktuation im Haus. An Blech, Schrauben und Eisen war bei den Wehrums stets reichlich Bedarf. Eigentlich sei es ja auch kein Wunder gewesen, dass Vertreter der Zulieferfirmen »rein zufällig« stets zur Mittagszeit aufgetaucht seien. »Die wussten, dass Oma Marie gastfreundlich war«, schmunzelt Heike Wehrum. »Ihr habt bestimmt Hunger - setzt euch« sei bei ihr schon ein Standardspruch gewesen. In der Erntezeit waren nicht nur die eigenen Maschinen instand zu halten - ging abends auf dem Feld ein Teil kaputt, musste es noch nachts repariert werden. »Montags bis samstags ist das Feuer in der Werkstatt eigentlich nie verglüht«, merkt die älteste Schwester Gudrun an.

Im Grunde sei die Schmiede immer offen gewesen. »Die Woche hatte sechs Arbeitstage. Deswegen waren wir zusammen mit unseren Eltern nie im Urlaub«, bedauert Jörg Wehrum. »Im Sommer sind wir oft morgens um sechs raus und haben zusammen mit unserem Opa Karl Gras für die Tiere geholt«, erinnert sich Gerlach noch gut an die »Ausflüge« mit ihren Schwestern Heike und Kirsten (letztere war zur Familienrunde verhindert) und blickt tiefer in die Familiengeschichte zurück.

Ihr Vater Otto Wehrum hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg in Annerod zum Schlosser- und Schmiedegesellen gebracht und war nach seiner Ausbildung dem Vater daheim in Albach zur Hand gegangen. Als der elterliche Betrieb nicht mehr genügend abwarf, fand er Arbeit bei Keßler und Luch in Gießen. 1972 heuerte er bei der Gemeinde Fernwald an, die einen Mann für die Kläranlage suchte. Als Rentner stand Otto Wehrum bis zu seinem Tod vor zwölf Jahren nahezu täglich in der Schmiede. Selbst als 77-Jähriger hatte er Gefallen an unterschiedlichsten kunsthandwerklichen Arbeiten: Schmiedeeiserne Wohnzimmeruhren und Kerzenständer zieren heute die Wohnzimmer der Verwandten und Freunde. Enkel Lennart war damals gerne mit dem Opa am Werk: »Ich durfte immer auf den Amboss klopfen, das war damals das Highlight«, erzählt er begeistert, wenn er etwa an das Herstellen der eisernen Weihnachtspyramiden denkt.

Noch heute erinnern sich Alteingesessene auch in Steinbach an den ehemaligen Gemeindearbeiter: Der »Albächer Otto« war stets gut informiert. Alte Aufzeichnungen lassen Rückschlüsse zu, warum das so war: »So eine Schmiede im Dorf, das war das Wochenblatt. Da wurden alle Neuigkeiten zusammengetragen, denn im Winter hatten die Bauern viel Zeit. Da wurde ein Aufenthaltsraum zum Schwätzen gesucht - beim Schmied, beim Wagner oder auch am Stammtisch wurde die Dorfpolitik gemacht«. Natürlich trug auch der Festzug zur 850-Jahr-Feier des Dorfes 1989 die Handschrift von Karl und Otto: »Der Gott, der Eisen uns beschied, der gab auch Albach einen Schmied« verkündet die Inschrift einer hölzernen Tafel, die damals an einem Motivwagen angebracht war und heute die Werkstatt ziert.

Einer, der die Historie der Schmiede und der Familie Wehrum akribisch aufgezeichnet hat, war der Erste Beigeordnete Karl Schmitt († 1994). Dessen Sohn Karl-Heinz, der über 40 Jahre in der Kommunalpolitik aktiv war, verwaltet die Aufzeichnungen. Offiziell datiert der ortsbildprägende Fachwerkbau aus dem beginnenden 19. Jahrhundert. Für den Ortshistoriker aber bestand kein Zweifel: »Die Schmiede ist nach dem Dreißigjährigen Krieg zwischen 1648 und 1700 erbaut gebaut worden (...). Ich sage ›Nein‹ zu dem erdachten Baujahr 1820.«

Steckenpferd von Luis Wehrum ist die Ahnenforschung. Er hat recherchiert, dass erstmals 1837 ein Schmied im Hause Wehrum urkundlich erwähnt wurde. »Das Grundstück dürfte es schon um 1600 gegeben habe«, merkt er an.

Die Zeit fliegt, die Runde hält inne. Jörg Wehrum mag es kaum glauben, wie sich seit Vaters Tod 2008 alles jäh verändert hat: »Du hast früher bei uns auf dem Hof unheimlich viele Leute angetroffen. Wo eben noch so viel Leben war, blieb es still. Von einem auf den anderen Tag«.

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