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Der Lumdatalbahnverein pflegt die stillgelegte Strecke und schneidet Bewuchs regelmäßig zurück. ARCHIVFOTO: PM

»Der Reaktivierung so nah wie nie«

Der Verein Lumdatalbahn hat seinen Geschäftsbericht vorgelegt. Mit dem Rückblick entsteht Jahr für Jahr eine Art Chronik der Vereinsarbeit und des ungewöhnlich langen Werbens für die Wiederinbetriebnahme einer Bahnstrecke. Aber der Verein blickt auch nach vorn.

Wir waren der Reaktivierung der Lumdatalbahn noch nie so nahe wie heute.« So beginnt der Geschäftsbericht des Vereins Lumdatalbahn für das abgelaufene Jahr 2021. Allerdings: »Dieser Satz ist in ähnlicher Form in den letzten Jahren mehrfach gefallen.« Aber er gelte noch immer, auch wenn es vielen schwer falle, daran zu glauben, schreibt der Vorstand in seinem Bericht. Denn wichtige Beschlüsse pro Lumdatalbahn seien gefasst, Planungsprozesse in Gang gebracht. Als wichtigster Baustein fehle noch die Neufassung der Kriterien für standardisierte Bewertungsverfahren aus dem Bundesverkehrsministerium, die Richtlinien für die Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU).

Die vom Land Hessen mitinitiierte Neufassung verspreche unter anderem eine stärkere Gewichtung der CO2-Einsparungen bei Investitionen in den öffentlichen Verkehr.

Entscheidend dafür, wie es mit der Lumdatalbahn weitergeht, sei nun eine so genannte Testrechnung. Diese soll in diesen Wochen dem hessischen Wirtschaftsministerium vorliegen, berichtet Vorsitzender Manfred Lotz. Das sei ihm auch vom Landkreis Gießen bestätigt worden. Die Lumdatalbahn galt schon nach den alten, strengen NKU-Richtlinien als förderfähig, wenn auch knapp und unter Zugrundelegung einer vereinfachten Bauausführung ohne Kreuzungsstation sowie unter Verzicht auf eine grundhafte Erneuerung, wo dies vertretbar erschien.

»An diesem Punkt spielt leider der Faktor Zeit gegen die Lumdatal, denn was vor zehn Jahren noch als erneuerbar galt, muss heute neu aufgebaut werden. 40 Jahre ohne Personenverkehr und 30 Jahre ohne Güterverkehr fordern ihren Tribut, auch wenn der Verein Lumdatalbahn und vorher die Lumdatalbahn AG den Verfall an manchen Stellen aufgehalten haben«, schreibt der Vorsitzende im Bericht.

Wenn nun die Koalitionsvereinbarung der neuen Bundesregierung wortgetreu umgesetzt werde, ergebe sich eine weitere Chance für eine baldige Betriebsaufnahme, denn die Planungs- und Genehmigungsverfahren in Deutschland sollen beschleunigt werden. »Dafür ist es höchste Eisenbahn, denn die Klimaerwärmung nimmt keine Rücksicht auf Einspruchsfristen oder Klageverfahren mit aufschiebender Wirkung«, so der Lumdatalbahnverein.

Als eine seiner Hauptaufgaben neben der Reaktivierung der Bahn sieht der Verein, die Strecke von Bewuchs freizuhalten. Allerdings falle es zunehmend schwerer, rein ehrenamtliche Arbeitseinsätze zu organisieren. »Die Motivation für diese Arbeit lässt sich umso schwerer aufrechterhalten, je länger der Reaktivierungsprozess dauert.«

Im Geschäftsbericht geht es auch um den Kommunalwahlkampf Anfang 2021, in dem die Lumdatalbahn ein Thema war. Dabei habe es »viel Rückenwind« für die Bahn gegeben, nahezu alle Parteien seien sachlich und konstruktiv mit der möglichen Reaktivierung zwischen Lollar und Londorf umgegangen. In den Wahlprogrammen sei deutlich geworden, »nahezu alle wollen ökologisch orientierte Verkehrsangebote schaffen« und hielten die Bahn für einen Baustein im Mobilitätskonzept des Lumdatals. Es freue ihn, dass sich viele ehrenamtliche Parlamentarier in die Materie eingearbeitet hätten, erklärt Vereinsvorsitzender Lotz, »denn so kommen Fördermittel in unsere Region und nicht nach anderswo«.

Allerdings registriere er zugleich, dass die Schiene auch innerhalb der Parteien für Diskussionsstoff sorge, schreibt Lotz. So wünsche beispielsweise die CDU in Rabenau die Regionalbahn herbei, während der Stadtverband Allendorf (Lumda) dem Vorhaben »offen skeptisch« gegenüber stehe.

Der Verein nimmt zudem Stellung zur Kritik aus Lollar, wo sich Anwohner des Neubaugebietes »Lumdaniederung« gegen eine Reaktivierung wehren. Ihre Häuser liegen direkt an den stillgelegten Gleisen.

Zwar wünsche sich der Verein Lumdatalbahn auch neue Wohnanlagen im Einzugsbereich der Bahn, aber nicht in nächster Nähe zum Gleis. Manfred Lotz: »Den Fehler der Stadt Lollar sollte man nicht wiederholen, Baugrundstücke unmittelbar an der Schiene auszuweisen. Neben dem Gleis sollten andere Wege verlaufen, etwa Radwege oder Ortsstraßen.«

In Lollar möchte der Lumdatalbahnverein das Beste aus der Situation machen. Durch eine Haltestation im Wohngebiet »Lumdaniederung« bekämen die Menschen einen »konkurrenzlos schnellen Zugang zur Gießener Innenstadt und zum Gießener Bahnhof«. Gleichzeitig würde ein Haltepunkt dafür sorgen, »dass das Wohngebiet mit moderaten Geschwindigkeiten durchfahren wird«.

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