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Auf seiner Grasfläche hat Michael Cavael einen Teich angelegt und kleine Hügel aus Steinen aufgebaut, wo Libellen fliegen und Kröten, Lurche und Salamander kriechen. Das Gras steht teilweise recht hoch. »Zier- und Golfrasen kann ich gar nicht«, sagt der Lindener.

Umweltpreis

Preisgekrönter Garten in Linden: „Ich will zeigen, dass Äpfel nicht bei Aldi wachsen“

  • VonStefan Schaal
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Eigentlich wollte er Tischler werden, dann aber hat er sein Glück im Grünen gefunden: Ein Besuch bei Michael Cavael, den die Stadt Linden kürzlich mit dem Umweltpreis ausgezeichnet hat.

Linden – Mit 18 wusste Michael Cavael sehr genau, was er beruflich machen wollte: Etwas mit den eigenen Händen herstellen, Ergebnisse seiner Arbeit sehen und greifen können, Tische und Schränke bauen. Der Lindener entschied sich für eine Tischlerlehre. Dann aber stellte er fest, dass er als Azubi fast den ganzen Tag nur Fenster einbaute, ständig unter schwerem Zeitdruck. Er hat Konsequenzen gezogen, umgesattelt. Und er hat sein Glück gefunden.

Cavael läuft durch den Garten an seinem Haus. »Vorsicht vor den Tretminen«, ruft er und warnt vor mehreren Kothaufen seines Hundes. In einer Schubkarre liegen Holzscheite, Gebüsch wuchert hier neben großen Pflanzentöpfen, unter einem Dach stehen eine Sitzecke und ein Whirlpool. Cavael, der stellvertretende Leiter des Lindener Bauhofs, hat in seinem Garten auch mehrere von der Stadt ausrangierte Schilder aufgehängt. Auf einem steht »Standesamt Linden«. Ein anderes warnt vor Baumfällarbeiten. Und an einem Holztor am Ende des Gartens weist ein grün-weißes, dreieckiges Schild mit dem Bild eines fliegenden Seeadlers auf ein »Naturschutzgebiet« hin.

Michael Cavael aus Linden im Kreis Gießen liebt sein „Wieschen“

Cavael öffnet das Tor, schreitet über einen Feldweg hinter seinem Garten. Dann streckt er nach wenigen Sekunden seinen Arm aus und sagt: »Hier ist mein Wieschen«. Er spricht den Satz mit einer so unerwarteten Sanftheit aus, dass man sich kurz fragt: Hat er gerade Wieschen oder Lieschen gesagt?

Dann aber steht der 52 Jahre alte Lindener schon mittendrin: auf einer riesigen, 4000 Quadratmeter großen Grünfläche. Knapp 50 Obstbäume stehen hier, Cavael stellt sie einzeln vor. Roter Boskoop, Konstantinopler Quitte, Wagenheimer Frühzwetschge, Mirabelle von Nancy. Er mache aus dem Obst Marmeladen, stelle außerdem 30 verschiedene Likörsorten her, erzählt Cavael. Hinten hat der Lindener einen Teich angelegt und kleine Hügel aus Steinen aufgebaut, wo Libellen fliegen und Kröten, Lurche und Salamander kriechen. Das Gras steht teilweise recht hoch. »Zier- und Golfrasen kann ich gar nicht«, sagt der Lindener. Am Rand der Wiesenfläche liegen alte Holzstämme, Cavael hat sie ganz bewusst an den Stellen platziert. »Käfer und Maden sollen hier ja auch leben«, erklärt er.

Ein großer Garten oder eine Wiesenfläche sind nun nicht gerade außergewöhnlich oder gar auszeichnungswürdig. Und allein dafür ist Cavael vor wenigen Wochen sicher nicht mit dem Umweltpreis der Stadt Linden geehrt worden. Als stellvertretender Bauhofleiter und Verantwortlicher für die Grünflächen in Linden ist er ohnehin von Berufs wegen für den Erhalt und die Pflege der Natur aktiv.

Es ist vielmehr die Hingabe, die Selbstverständlichkeit, mit der Cavael sich auch in seiner Freizeit für die Umwelt einsetzt. »Man muss was tun«, sagt er und zuckt mit den Schultern. Er möchte etwas für die Zukunft, für die Menschen und die Umwelt unternehmen. Seine Wiesenfläche stelle er in den Dienst des Natur- und Artenschutzes. »Die Leute und vor allem Kinder sollen lernen und zu schätzen wissen, was es heißt, einen Baum zu haben. Ich will Menschen zeigen, dass Äpfel nicht bei Aldi wachsen.«

Linden im Kreis Gießen: „Sonst gibt es in der Zukunft kein Obst“

Cavael hilft Menschen beim Schneiden von Obstbäumen, er hat knapp 200 Leute zu Obstfacharbeitern ausgebildet und gibt Kurse für den richtigen Umgang mit der Motorsäge im Garten. »Wenn wir heute keinen Baum pflanzen, gibt es in der Zukunft kein Obst«, sagt er. In einer Zeit, in der von allen Seiten Appelle zum Umweltschutz zu hören sind, Jugendliche auf der Straße für mehr Klimaschutz demonstrieren und sich jede Partei in ihrem Wahlprogramm mit grünen Parolen schmückt, während sich in der Klimapolitik dennoch nur wenig zu bewegen scheint, ist das Engagement des Lindeners, der im Kleinen und ohne Tamtam einfach nur tut und in jeder freien Minute die Umwelt pflegt, fast schon verblüffend.

Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet Cavael nun für den Lindener Bauhof. »Wenn ich heute mannshohe Bäume sehe, die ich im Stadtwald vor 35 Jahren auf kahlen Flächen gepflanzt habe, dann sehe ich einen Ertrag meiner Arbeit«, sagt er. »Das motiviert mich.«

Cavael, der einstige Tischlerlehrling, hat somit doch noch eine Tätigkeit gefunden, in der er Ergebnisse seines Handwerks sehen und greifen kann. Und ganz nebenbei hat er auch seine Tischlerfertigkeiten zum Einsatz bringen können: Er hat mehrere Schränke und Tische für die Kitas der Stadt Linden angefertigt.

Sein Verhältnis zur Natur beschreibt Cavael mit einem Satz Martin Luthers: »Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen endet, würde ich heute noch einen Baum pflanzen.« (Stefan Schaal)

Was alles aus dem Engagement für den eigenen Garten erwachsen kann, zeigt ein Beispiel aus Lauterbach. Ein ehemaliger Selbstversorger beliefert dort mehr als 100 Haushalte mit Obst und Gemüse.

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