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»Der Pakt war mein Herzensthema«

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Christiane Schmahl geht in wenigen Wochen in den beruflichen Ruhestand. Aus der Politik zieht sich das Gesicht der Grünen im Kreis Gießen deshalb aber nicht zurück. Die scheidende Erste Kreisbeigeordnete spricht über Erfolge, Fehler, Ehrenamt und über den Wert des Lebens auf dem Land.

Frau Schmahl, haben Sie eigentlich schon auf der Tribüne gesessen, die nach vielem Hin und Her in der Schulsporthalle an der Anne-Frank-Schule in Linden eingebaut wurde?

Ja sicher!. Und ich habe auch mit Bürgermeister Schöffmann auf der Außensportanlage an der Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim gekickt.

Das waren ja zwei Projekte, bei denen es teils geknirscht hat. Sie standen geraden wegen der Außensportanlage vor fünf Jahren mächtig unter Beschuss.

Stimmt. Aber es ist beides zu einem guten Ende gekommen.

Auch wegen der Sanierung der Willy-Brandt-Schule, der Kreisberufsschule, hat es Kritik gehagelt. Was würden Sie heute am liebsten ganz anders machen? Oer gar ungeschehen machen?

Ach, wissen Sie: Das ist so eine Sache. Bei der Entscheidung zur Willy-Brandt-Schule, da hätte manches anders sein können. Die Idee damals, für die Bauzeit das Depot als Ausweichquartier zu haben, das war ganz spannend. Warum also nicht gleich ganz dorthin? Das war aber letztlich keine so gute Idee. Nicht wegen der Substanz der Gebäude, denn die war gut. Sondern es hat von der Raumstruktur her nicht gepasst. Und es gab immer neue Hindernisse. Mir war gar nicht klar, wie viele Hürden da sind. Vielleicht hätte ich mich seinerzeit stärker durchsetzen bzw. die Koalitionsfrage stellen müssen. Das war mehrfach ein harter Kampf.

Ausgestanden?

Ja. Ich bin sehr froh, dass es jetzt läuft.

Zehn Jahre sind Sie jetzt hauptamtliche Kreisbeigeordnete; gefühlt schon ewig das Gesicht der Grünen im Kreis.

Politisch engagiert bin ich seit meiner Schulzeit, 1990 bin ich in den Kreisvorstand der Grünen gewählt worden, ein Jahr vorher, 1989, mit zwei anderen zusammen in die Gemeindevertretung in Langgöns. Wir haben damals mit CDU und Freien Wählern das erste Dreier-Bündnis dieser Art in Hessen ausgehandelt.

Ganz so, wie es jetzt im Kreis steht?

Ja, fast. Allerdings haben die Grünen und die FW vorher nicht mitregiert. Für mich waren es die ersten Koalitionsverhandlungen überhaupt, sehr spannend. Das Bündnis hat damals immerhin zwei Jahre lang gehalten.

Seitdem hat sich viel geändert. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ein älterer Kollege in einer Kreistagssitzung - nicht im Kreis Gießen - in den frühen 1990er Jahren demonstrativ den Stift aus der Hand legte, wenn ein Grüner zum Rednerpult schritt. Kennen Sie das auch?

Nein. Sowas habe ich hier in den Gremien im Kreis Gießen nicht erlebt. Nicht in Langgöns, nicht im Kreistag. So würden auch hier die linken Parteien noch nicht einmal mit der AfD umgehen.

Sie blicken schon wieder auf Langgöns. Die Zeit dort war wichtig für Sie?

In Langgöns habe ich mich wohlgefühlt. Sowohl im Parlament als auch in der WG. Langgöns war schon damals ein Ort, der wahnsinnig offen ist. Auch wir in der WG, wir gehörten einfach dazu. Ja, ich trauere Langgöns noch immer hinterher, obwohl ich schon lange weg bin. Das richtet sich nicht gegen Laubach, wo wir als Familie ebenfalls schon rund 20 Jahre gerne wohnen.

Sind Sie also in Langgöns quasi politisch sozialisiert worden?

Ein Stück weit schon. Sicherlich. Auch zum dortigen Arbeitskreis »Leben nach Tschernobyl« habe ich dazugehört.

Was war das Spannende an dieser Zeit?

Dass im Parlament richtig diskutiert wurde. Teils bis zwölf oder halb eins in der Nacht. Und ich habe viel gelernt.

Was denn zum Beispiel?

Dass es in den Kommunalparlamenten ganz viele Menschen gibt, die das Beste für ihr Dorf und die Menschen dort wollen, egal welcher Partei sie angehören. Das war mir so neu. Ich kannte es einfach nicht. Schließlich kam ich aus der Stadt, hatte zuvor immer in großen Städten gelebt. Und ich habe gelernt, dass man auf dem Land Kinder sehr gut großziehen kann, ohne viel Geld ausgeben zu müssen.

Wie das? Erklären Sie doch bitte mal.

Es gibt eine Vereinskultur. Während man in der Stadt viel Geld für Ballettunterricht ausgeben kann, gibt es auf dem Land etwa Gardetanz im Sport- oder Karnevalsverein. Oder Natur- und Gemeinschaftserlebnisse bei den Pfadfindern. Da kannte ich vorher so nicht. Das habe ich kennen- und schätzen gelernt.

Warum ziehen Sie sich aus der Politik zurück? Sie sind jetzt 60. Da hätten Sie doch gut noch eine Amtszeit dranhängen können…

Es ist jetzt wirklich Schluss mit der hauptamtlichen Arbeit. Zehn Jahre im Hauptamt sind genug. Das habe ich schon vor einem Jahr, im Mai 2020, für mich entschieden. Auch wenn ich es nicht gleich jedem erzählt habe. Aber ich bin da mit mir im Reinen.

Also Rückzug ins Private?

Ehrenamtlich werde ich mich natürlich weiter einbringen: Im Grünen-Kreisverband, dessen Vorstand ich angehöre. Bei den Grünen in Laubach, gern auch weiter im Zweckverband Oberhessische Versorgungsbetriebe. Und ich möchte weiter in der Regionalversammlung für Mittelhessen mitarbeiten. Das ist ein wichtiges, vielfach unterschätztes Gremium. Der Regionalversammlung gehörte ich 1997 zum ersten Mal an. Dort mitzutun, dazu braucht es eine gewisse Erfahrung und auch Zähigkeit. Schade, dass dort so viele Bürgermeister und Hauptamtliche sitzen...

... und so wenige Frauen…

Und so wenige Frauen! Stimmt! Zuletzt, seit 2016, gehörten der Regionalversammlung nur zwei Frauen an. Wir zwei Grünen, Gerda Weigel-Greilich und ich. Aber wie gesagt: Ich bin froh, dass ich in der Kreisspitze aufhöre.

Klingt das nach Müdigkeit?

Nein. Ich habe in den vergangenen Jahren wirklich eine Menge gemacht. Und vermutlich könnte ich noch eine Menge mehr machen. Schauen Sie: In der ersten Amtsperiode gewöhnt man sich noch ein, lernt viel kennen, schiebt Dinge an. In der zweiten Amtsperiode kann man dann ganz viel umsetzen. Aber vielleicht werden die neuen Ideen irgendwann auch weniger.

Worauf sind Sie denn besonders stolz?

Auf den Pakt für den Nachmittag, ganz klar. Das war mein Herzensthema. Es war klar, dass bei der Betreuung in den Grundschulen etwas passieren muss. Und es war wichtig, dass wir Pilot-Schulträger waren.

Inwiefern Pilot?

Wir sind da gleich mit 20 Grundschulen reingegangen, sind groß gestartet. Das war stressig, aber es war richtig. Denn so gab es gleich ordentlich Fördergeld - und wir konnten mit starken Strukturen starten. Heute sind 35 unserer 39 Grundschulen im Kreis mit dabei. Das gibt es andernorts kaum.

Also ein Erfolgsmodell…

Ja. In jeder Hinsicht eine gelungene Sache. Auch wenn es nicht ganz so einfach war, die Bürgermeister und die Schulleiterinnen mitzunehmen. Aber der Rückhalt war da. Bei den Grünen sowieso, aber auch in der Koalition. Bei dieser Arbeit habe ich übrigens auch Kerstin Gromes kennengelernt, unsere jetzige Landratskandidatin. Wir haben da wirklich was geschafft: Dass alle Eltern die Möglichkeit haben, ihre Kinder bis maximal 17 Uhr gut betreut zu wissen in der Verzahnung von Vor- und Nachmittag, so wie sie es von den Kindertagesstätten vorab kennen.

Kommunalpolitiker beklagen zunehmend, dass der Ton rauer wird, dass Bürger sie angreifen. Der frühere Bürgermeister Bernd Klein aus Lich sprach dieser Tage gar von Politikern als »Freiwild in einer immer radikaler werdenden Gesellschaft«. Kennen Sie das auch?

Ich habe das Glück, in meinem Job nicht ganz so nah dran zu sein wie etwa ein Bürgermeister. Aber natürlich gibt es immer Menschen, die einem mitteilen wollen, dass man nur Scheiße baut. Es kommt immer darauf an, wie man damit umgeht. Die Menschen erwarten viel mehr, dass man mit ihnen redet.

Haben Sie das getan?

Wo es ging, ja. Ich bin bei fast allen Schulen, in denen der Pakt eingeführt wurde, auf Elternabenden gewesen und habe erklärt. Es ist doch okay, wenn die Menschen fragen, wie und warum etwas so gemacht wird und nicht anders. Da muss man das erläutern. Wichtig dabei: Dass man die Ansprüche selbst erfüllt, die man an andere hat. Was schlimmer geworden ist, das ist Facebook mit den Schimpftiraden.

Woran machen Sie das fest?

Da hat sich was verändert. Da verrohen die Sitten, was den Ausdruck angeht und die Formen der Beschimpfung. Auch in Richtung Politik. Das geht so gar nicht.

Was also tun?

Die Menschen setzen sich zunehmend weniger mit dem auseinander, was in der Politik, was in den Parlamenten passiert. Ich bin geneigt, dafür zu werben, Sitzungen zu streamen. Um zu zeigen, dass da nicht die Fußabtreter sitzen, sondern ganz normale Menschen, die ganz viel Zeit reinstecken. Klingt jetzt vielleicht hochtrabend: Aber ehrenamtliche Kommunalpolitik ist der Grundpfeiler der Demokratie.

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