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Mit 18 Jahren bereits hat Diego Semmler 2006 begonnen, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Damals zog er in den Ortsbeirat der Laubacher Kernstadt ein, wo er seit seiner Kindheit lebt.

Der Langstreckenpolitiker

  • VonStefan Schaal
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Diego Semmler aus Laubach tritt für die Freien Wähler als Direktkandidat bei der Bundestagswahl an. Seine Aussichten schätzt er realistisch ein: »Politik ist ein extrem langfristiges Geschäft.«

Die Aussichten auf einen Einzug in den Bundestag sind für Diego Sammler eher gering. Der 34 Jahre alte Freie Wähler geht als Außenseiter ins Rennen um die Direktkandidatur im Wahlkreis 173, wie er selbst einräumt. Was also treibt ihn an? »Es geht darum, meine Ideen voranzubringen«, sagt der Laubacher. »Meine Vorschläge erhalten durch die Kandidatur ein anderes Gewicht. Wenn ich nur daheim in der Küche diskutiere, bringt das wenig.«

Semmler sitzt in einem Café am Laubacher Marktplatz. Bei eine Tasse Kaffee und einem Stück Himbeerkuchen stellt er seine Forderungen vor. Die Region müsse beim Klimaschutz stärker profitieren, sagt er. »Wir dürfen die Menschen nicht gegeneinander ausspielen.« Der ländliche Raum müsse gestärkt werden. Und bei der privaten Rentenvorsorge, schlägt der Laubacher vor, sollten Investitionen in börsengehandelte Indexfonds staatlich geschützt werden.

Vor drei Jahren hat der promovierte Physiker für Aufsehen gesorgt, als er für die Freien Wähler als Klageführer Einspruch gegen das Ergebnis der Landtagswahl eingelegt hat. Ihm waren in knapp 40 Wahllokalen ungewöhnliche Ergebnisse aufgefallen. »Da wurden Ergebnisse für einzelne Parteien beim Auszählen in den falschen Spalten eingetragen, es gab zum Beispiel Verwechslungen zwischen den Freien Wählern und den Piraten«, erzählt er. Abweichungen bei der Erst- und der Zweitstimme hätten dies deutlich gemacht.

Das Wahlprüfungsgericht wies den Einspruch Semmlers am Ende zurück und verweigerte eine Neuauszählung der Stimmen mit dem Argument, dass die Abweichungen für das Endergebnis nicht relevant gewesen seien, landesweit ging es um 500 Stimmen. »Das Urteil war politisch geprägt«, sagt Semmler heute. »Wir hätten frühzeitig die Presse einschalten und öffentlichen Druck aufbauen müssen.« Innerhalb der Freien Wähler hat sich der Laubacher mit der Klage indes durchaus einen Namen gemacht.

Mit 18 Jahren bereits hat Semmler begonnen, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Er gründete die Freien Jungwähler in Laubach und zog in der Kernstadt, wo er seit seiner Kindheit lebt, in den Ortsbeirat ein. Im Laubacher Stadtparlament ist er in der Fraktion der Freien Wähler heute derweil nicht vertreten, sondern ein Nachrücker.

Auf der politischen Bühne, auch im Bundestag, seien zu wenige Menschen mit naturwissenschaftlichem Sachverstand vertreten, betont Semmler unterdessen. »Nichts gegen Lehrer und Beamte«, sagt er. Doch gerade die Pandemie habe verdeutlicht, »dass sich der eine oder andere Politiker schwer damit tut, Zahlen zu interpretieren und zum Beispiel zu verstehen, was exponentielles Wachstum bedeutet.« Als Physiker könne er sich mit wissenschaftlicher Nüchternheit im Parlament einbringen.

Physik habe er studiert, »weil ich wissen will, was hinter den Dingen steckt«, sagt Semmler. Nach seiner Promotion an der TU Darmstadt im Bereich der Kernphysik hat der Laubacher eine Stelle als Unternehmensberater für eine GmbH in Frankfurt angetreten. Er unterstütze Unternehmen in der IT, führe Software-Updates durch.

Die Corona-Krise habe dazu geführt, dass er deutlich weniger auf Reisen war und den Kontakt mit Unternehmen überwiegend per Videokonferenz geregelt hat, erzählt Semmler. »Ich bedauere das nicht.« Pro Woche habe er zehn bis zwölf Stunden Reisezeit eingespart.

Auf die Frage, wo er sich beruflich in zehn Jahren sieht, erzählt er indes von der Idee eines Start-ups. Er weist auf »Progtechs« hin, auf das Anbieten von Rechenzentrumsdiensten. »Es geht um Mieten und Vermieten«, sagt er. »Wenn es mit der Bundestagskandidatur nichts wird, werde ich das Start-up mit einem weiteren Physiker und einer Juristin angehen«, sagt Semmler.

Als Hobby gibt der Laubacher das Erstellen von Internetseiten an - auch wenn seine eigene Homepage eher altbacken wirkt. Seit längerer Zeit schlage er sich mit Facebook herum, erzählt er. Offenbar wegen technischer Probleme habe er drei Accounts angelegt.

Für die Arbeit in Vereinen oder Urlaubsreisen bleibe wenig Zeit. Kürzlich sei er allerdings in Thailand gewesen. »Ich habe an einem Mini-Marathon teilgenommen«, erzählt er. »13 Kilometer bei 30 Grad, morgens um fünf Uhr, mit Maske.« Auf die Zeit von 92 Minuten sei er als Untrainierter durchaus stolz.

Einen langen Atem will Semmler derweil auch in der Politik beweisen, auch wenn es am Ende mit dem Einzug in den Bundestag nicht klappen sollte. »Ich nehme mich nicht allzu wichtig«, sagt Semmler. »Es geht auch um den Wettstreit von Ideen. Politik ist ein extrem langfristiges Geschäft.«

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