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Er trage eben Verantwortung, sagt Peter Neidel. »Und das möchte ich über Förmlichkeit ausdrücken.«

Der Förmliche

  • VonStefan Schaal
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Der Heuchelheimer Peter Neidel hat jahrelang als Richter gearbeitet. Als Bürgermeister in Gießen hat er dafür gesorgt, dass wieder Leben in die Alte Post eingekehrt ist. Nun will der 52 Jahre alte Neidel Landrat werden. Was will der sachlich und nüchtern auftretende CDU-Kandidat im Landkreis erreichen?

Die Buseckerin blickt durch die geöffnete Tür nach draußen, in der Hand hält sie eine Dose Sauerkraut, gerade wollte sie kochen, nun lacht sie vor Überraschung. Denn draußen steht Peter Neidel. Er trägt ein weißes Hemd und eine dunkelblaue Anzugshose, in der Hand hält er sein Sakko. Er sagt Sätze, die er in der vergangenen Stunde auch den Nachbarn der Frau in Beuern und deren Nachbarn gesagt hat. Er wolle Landrat werden, erklärt er. Im Gegensatz zur aktuellen Landrätin habe er die Regierungskoalition im Kreistag hinter sich. »Ich würde mich freuen, wenn Sie mich unterstützen.«

Neidel zieht wahlkämpfend als Kandidat der CDU durch die Dörfer des Kreisgebiets. Wer ihn von Haustür zu Haustür begleitet, lernt einen Menschen kennen, der sich ruhig und nüchtern präsentiert, ja förmlich, fast spröde. Unbeschwerter Smalltalk kommt bei Neidel selten auf. Ein Menschenfischer ist er eher nicht.

Nüchtern und förmlich hat Neidel allerdings in den vergangenen drei Jahren auch als Bürgermeister in Gießen agiert - und er hat dabei durchaus Spuren hinterlassen. Dass beispielsweise endlich Leben in die jahrelang vor sich hin vergammelnde Alte Post eingekehrt ist, ist ein wesentliches Verdienst Neidels. Der Jurist hat dafür gesorgt, dass gegen die alte Eigentümerfamilie ein Enteignungsverfahren eingeleitet wurde. »Dass ich den Eigentümer mit massiven finanziellen Belastungen konfrontiert habe, hat letztlich Bewegung in die Sache gebracht«, betont er.

Dass Neidel durch sein nüchternes Auftreten förmlich wirkt, streitet der Landratskandidat gar nicht ab. »Ich hoffe, dass ich dadurch nicht distanziert erscheine«, sagt er. Doch er trage eben Verantwortung. »Und das möchte ich über Förmlichkeit ausdrücken.« Neidel fügt hinzu: »Wer mich kennt, weiß, dass ich dadurch keine Barriere aufbauen will. Privat kehre ich die Straße in Jeans und im T-Shirt.«

Neidels Auftreten hat auch viel mit seiner beruflichen Laufbahn zu tun. Der 52 Jahre alte Heuchelheimer hat als Staatsanwalt und viele Jahre als Richter gearbeitet, zuletzt war er Vorsitzender der Großen Jugendkammer am Gießener Landgericht. Es sind Aufgaben, in denen Sachlichkeit und Neutralität das oberste Gebot sind. »Ich habe einen Einblick in soziale Milieus erhalten, die man gar nicht haben möchte«, sagt er. »Die aber Realität sind«, fügt er im nächsten Moment hinzu, »und mit denen man sich auseinandersetzen muss.«

Neidel erzählt von einem Fall, als in seinem Gerichtssaal ein neun Jahre altes Mädchen - Opfer eines schweren Missbrauchsfalls - in Gegenwart des Angeklagten aussagen musste. Damit das Kind sich möglichst wohl fühlte, zeigte Neidel der Neunjährigen vorher den Saal und erklärte ihr die Abläufe des Verfahrens. Nach ihrer Aussage begleitete er sie schließlich nach draußen. »Und dann hat mich das Kind zum Dank umarmt.« Er habe gespürt, sagt Neidel, wie bedeutsam für die Neunjährige dieser kleine Moment der Zuwendung war, ihr unter anderem vorher den Saal zu zeigen. »Das hat mich sehr berührt.«

Ein anderes Missbrauchsverfahren unter Neidels Vorsitz machte vor sechs Jahren auf ein schweres Versagen des Gießener Jugendamts aufmerksam. Neidel trat damals für einen Augenblick aus seiner Nüchternheit heraus. »Über Jahre haben Sie Akten vollgeschrieben«, warf er im Gerichtssaal einer Mitarbeiterin des Jugendamts vor. »Aber die Situation vor Ort beim Vater hat sich niemand angeschaut.«

So stellt sich die Frage, ob Neidel später, als Kommunalpolitiker und Gießener Bürgermeister, Konsequenzen aus solchen Erfahrungen gezogen und beispielsweise Veränderungen im Jugendamt vorgeschlagen hat. Er schüttelt den Kopf. »Dazu ist es nicht gekommen«, sagt Neidel. »Das war in der Zuständigkeit der Dezernentin Gerda Weigel-Greilich, die Bereiche waren streng getrennt.«

In die Politik sei er dennoch gewechselt, weil er in diesem Feld mehr gestalten könne. »Als Richter habe ich mich vor allem mit den negativen Seiten des Lebens beschäftigt«, sagt Neidel. Außerdem habe er im Bereich des Jugendstrafrechts häufig die Erfahrung gemacht, dass Verurteilungen bei den Tätern nur wenig bewirken, ihr Verhalten sei zu sehr in deren sozialem Umfeld verfestigt. »Als Kommunalpolitiker kann ich deutlich mehr zukunftsgewandt agieren.«

In den Bereichen der Schule und der Ganztagsbetreuung könne man zumindest dazu beitragen, dass Kinder möglichst wohlbehütet aufwachsen. Auch Sport- und Musikangebote und die Förderung sozialer Einrichtungen seien wichtig. »Und wenn es darum geht, gegen Jugendkriminalität vorzubeugen, fängt es schon bei Bebauungsplänen an, dass man keine gefährlichen Räume entstehen lässt.«

Vor allem im Bereich der Schulen wolle er als Landrat einen Schwerpunkt setzen, sagt Neidel. Eine Menge an Sanierungen und auch so mancher Neubau seien erforderlich, erklärt der Kandidat, ohne aber konkrete Schulen zu nennen. Er wolle keine falschen Hoffnungen schüren. Zwei seiner Kinder besuchen die Herderschule in Gießen. Die dortigen Abiturienten, beklagt Neidel, hätten das Gymnasium nun in ihrer gesamten Schulzeit als Baustelle erlebt.

Der CDU-Kandidat nennt weitere Schwerpunkte, die er setzen möchte. Als Landrat wolle er sich für die Stärkung der Ortskerne und des Busverkehrs auf dem Land sowie die Anbindung der Dörfer ans Hochgeschwindigkeitsinternet einsetzen. Dass bei der Verlegung von Glasfaserkabeln in den Gemeinden wie zum Beispiel in Langgöns einzelne Ortsteile ausgeschlossen werden, dürfe man nicht hinnehmen. In solchen Bereichen, hoffe er, sich als Jurist einbringen zu können. Man müsse Unternehmen wie die Deutsche Glasfaser vertraglich verpflichten, auch unattraktiv erscheinende Standorte zu erschließen.

Ziel müsse die Gleichheit von Lebensverhältnissen und Chancen im Gießener Land sein. »Die Menschen drängt es in die Städte. Aber wir wollen doch nicht, dass die Kommunen ausbluten.« Es gelte, die Ortskerne zu stärken.

Verbesserungsbedarf sieht Neidel außerdem in der Kommunikation im Landratsamt. Vor allem in Zeiten der Pandemie seien viele Menschen im Kreis verunsichert gewesen. »Viele haben gefragt: Was gilt denn jetzt? Da war sicher ein Defizit«, kritisiert Neidel die Amtsinhaberin.

Auf die Frage, warum er eigentlich Landrat und nicht etwa Gießens Oberbürgermeister werden will, antwortet Neidel, der CDU-Kreisverband habe sich zusammengesetzt und sei zu der Erkenntnis gekommen, dass seine Nominierung auf Kreisebene und die Kandidatur Frederik Bouffiers in Gießen eben die besten Erfolgsaussichten hätten. Sicher, räumt Neidel ein, wäre eine OB-Kandidatur naheliegend gewesen. »Aber der Landrat ist auch eine schöne Position. Und ich bin Heuchelheimer, ein Kreisgießener.«

Echte Leidenschaft für ein politisches Amt klingt anders. Doch Feuer und passionierter Ehrgeiz auf das Amt des Landrats strahlt in diesem Wahlkampf keiner der drei Kandidaten so recht aus.

Als Neidel vor wenigen Tagen durch Beuern schlendert und an Haustüren klingelt, stößt er auf eine ältere Frau, die eine Platte mit Kuchenstücken trägt. »Meine Enkelin, die Jasmin, wird 18«, sagt sie. Und kurz darauf steht Jasmin draußen und unterhält sich mit dem CDU-Kandidaten. Dass am 26. September Bundestagswahlen sind, wisse sie, sagt sie. Die Landratswahl aber, gesteht sie, sei ihr neu. Dann kehrt sie zu ihrer Geburtstagsfeier zurück.

Neidel ist selbst Familienmensch. Er hat zwei Söhne im Alter von 19 und 14 und eine 15 Jahre alte Tochter, wohnt mit ihnen und seiner Frau im Ortskern Heuchelheims in einem Fachwerkhaus. Der älteste Sohn wird bald in die USA nach Cupertino ins kalifornische Silicon Valley ziehen, um Wirtschaft zu studieren. Die Tochter spielt wie Neidel früher Handball, er besucht häufig ihre Spiele für die Vereinsgemeinschaft Bieber/Heuchelheim, außerdem feuern Neidel und seine Tochter gemeinsam regelmäßig die HSG Wetzlar an, sie haben Dauerkarten.

Neidels Frau stammt aus der Türkei und ist am Schwarzen Meer aufgewachsen. »Wir feiern die christlichen Feiertage«, erzählt der Landratskandidat. Zu den muslimischen Feiertagen backe die Mutter seiner Frau aber ebenfalls Kuchen. Die Ehe und die Begegnung mit der türkischen Kultur bereichere sein Leben sehr, berichtet Neidel, er erzählt von großen türkischen Hochzeiten, von der Herzlichkeit der Menschen in der Heimat seiner Frau. Dass seine Frau türkischer Abstammung und Muslima ist, »weitet meinen Blick«, sagt Neidel. Zu Konflikten über religiöse Fragen komme es nicht, »weil wir beide die Religion des jeweils anderen respektieren und tolerieren und zum Beispiel alle Feiertage gemeinsam begehen«

Um sich fit für den Wahlkampf zu halten, wird Neidel auch in diesen Tagen hin und wieder auf sein Rennrad steigen. Und wenn er dann wieder als Wahlkämpfer durch die Dörfer im Gießener Land tingelt, um an Türen zu klingeln, werden Erinnerungen des Heuchelheimers an die Kindheit wach werden. Neidel ist mit dem Sport aufgewachsen, hat als kleines Kind Leichtathletik betrieben und Handball gespielt, war für Spiele und Turniere im ganzen Kreisgebiet unterwegs. »Dem Sport verdanke ich unter anderem«, sagt Neidel, »dass ich mit den Dörfern im Kreis seit meiner Kindheit vertraut bin.«

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