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Der erste Akt

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Das Maik-Krahl-Quartett begeistert mit viel Musikalität und Detailreichtumbei der Eröffnung der Licher Kulturtage. © Heiner Schultz

Gedanken an Pandemie, Krieg und Zukunft auf der einen Seite. Hochwertige Jazzmusik auf der anderen. In einer besonders schwierigen Zeit sind die Licher Kulturtage im Kino Traumstern gestartet.

Mit einem ebenso würdigen wie glanzvollen Auftakt sind am Freitag die Licher Kulturtage gestartet. Unter Berücksichtigung der ungünstigen Verhältnisse, zugleich aber frohgemut und selbstbewusst, erlebte das Musik- und Kunstfestival seine Eröffnung mit einem hochwertigen Jazzkonzert des Maik-Krahl-Quartetts. Das Publikum im voll besetzten Kino nahm das Programm ebenso genießerisch wie sachkundig zur Kenntnis und spendete nicht erst am Ende großzügigen Applaus.

Klare Hinweise auf die Infektionslage gab die krankheitsbedingte Abwesenheit von Bürgermeister Dr. Julien Neubert, Künstlich-Vorsitzender Katja Karla Leisen und Kulturkoordinator Peter Damm. Im Grußwort des Rathauschefs, vorgetragen von der städtischen Mitarbeiterin Christiane Agel, hieß es, dass Kulturschaffende durch die Epidemie heute immer noch existenziell bedroht seien. »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein«, nannte er das Motto der Tage und erinnerte an die Bedrohung »für unser gesamtes kulturelles Leben« und daran, dass dies auch fürs Publikum gelte. Und: »Wir sind dieser Tage in Gedanken bei den tapferen Menschen in der Ukraine, die für ihre Freiheit kämpfen.«

Anschließend sprach er der in Lich lebenden Ukrainerin Vitalina Pucci (Vorstand KünstLich, Ensemble »Bittersüß«) »höchsten Respekt« dafür aus, dass sie bei der Eröffnung mit ihrer aus Kiew eingetroffenen Nichte Anastasia Kostovitz (Bratsche) ein Lied eines ukrainischen Komponisten spielte.

Rezitator Sven Görtz übernahm auch stellvertretend für die Kulturwerkstatt die Einführung in den Abend und versprach ein »prallvolles, abwechslungsreiches und erlesenes Kulturprogramm« mit Konzerten, Lesungen, Workshops, und mehr. Es sei unsere Pflicht, weiterhin als einzelne wie als Gemeinwesen das zu sein, was wir sind und mutig so zu leben, wie wir beschlossen haben zu leben. »Wir schaffen mit den Kulturtagen einen Rahmen, um Menschen zusammenzubringen«, sagte Görtz und gab damit die Bühne frei für den ersten Akt - das Maik-Krahl-Quartett, das sein neues Album »Fraction« vorstellen wollte.

Musikalität und Detailreichtum

Die Besetzung mit Maik Krahl (Trompete), Constantin Krahmer (Klavier), Jakob Kühnemann (Bass) und Fabian Rösch (Schlagzeug) versprach klassische Jazzqualitäten und noch mehr. Und wie man noch im Wechselbad der Gedanken zu sich fand - Pandemie, Krieg, Zukunft - stieg die Kölner Truppe mit einem samtweichen Ansatz (»Opening«) ins Konzert ein. Ein träumerisches Trompetenintro bestimmte die Stimmung, ein sanfter Flow nahm die Menschen mit in eine Zukunft, die zumindest für die kommenden fünf Minuten nur Gutes verhieß. Das Klavier sprudelte sehr variabel, der Bass wanderte träumerisch mit, während Schlagzeuger Rösch einen leisen, sehr schönen und dichten Teppich unter alles legte.

Zu »Drizzle counter« stellte man sich nach Krahls Einführung ein beruhigendes Rauschen über der Dachwohnung vor. Und so war auch der Duktus des Stücks, die Musik des Quartettes weist überhaupt einen sehr hohen Chill-Faktor auf. Dazu trägt Krahls Trompetenspiel wesentlich bei. Er konzentriert sich auf die leiseren Töne und schwingt sich selten zu lauteren, schon gar nicht grellen Äußerungen auf. In den unteren Dezibelbereichen widmet er sich geradezu liebevoll den Nuancen und Kleinigkeiten des Klangs. Die sanfte hochtransparente Vielfalt des Titels bringt den gestressten Zuhörer in Gefahr, einzunicken - einfach zu entspannend, das Ganze.

Wenn Krahl dann - wie etwa bei »Flawless Sunday« - elektronisch eine Oktave hinzufügt und dabei den Klang leicht ins Orgelige verfremdet, ist das von seltener Schönheit. Gelegentlich morpht er mit dem Looper wie gehaucht ins eigene Echo hinein. Eigentlich ist seine Musik aufregend, kontrastreich und lebhaft. Sie kommt aber so sanft daher, dass man zweimal hinhören muss. Es lohnt sich, denn man erlebt eine definitiv eigene Musikalität und einen Detailreichtum, den man ansonsten suchen muss.

Das Publikum hatte verstanden, war wirklich hingerissen und applaudierte lange und kraftvoll.

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