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Bei der Sterbebegleitung kann es hilfreich sein, auf Hilfe von Außenstehenden zurückzugreifen. Beim ambulanten Hospizdienst der Oberhessischen Diakonie in Laubach bieten 32 Ehrenamtliche Unterstützung an. SYMBOLFOTO: DANIEL REINHARDT/DPA

Den Tod akzeptieren

  • Lena Karber
    VonLena Karber
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Nach mehreren schwierigen Monaten haben die Ehrenamtlichen des Laubacher Hospizdienstes ihre Arbeit inzwischen wieder aufgenommen und unterstützen Sterbende und deren Angehörige. Dabei geht es um Nähe und Akzeptanz, um Entlastung und um grundlegende palliativmedizinische Kenntnisse - je nach Bedarf der Betroffenen.

Mittlerweile kehrt in die meisten Lebensbereiche wieder etwas mehr Normalität ein - auch dort, wo der Begriff wohl unpassend klingt, weil Menschen sterben und Angehörige sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden. Doch Betroffene müssen die Situation nun zumindest nicht mehr alleine durchstehen, sondern können sich Unterstützung suchen, etwa beim ambulanten Hospizdienst des Oberhessischen Diakoniezentrums in Laubach. »Nicht nur die Sterbenden selbst, sondern auch die Angehörigen werden von uns begleitet, wenn sie es zulassen«, sagen die Koordinatorinnen Karin Studnitz und Katharina Hoffmann.

In den vergangenen Monaten hatten die beiden zeitweise nicht viel zu koordinieren, denn persönliche Kontakte und Nähe - Grundvoraussetzungen für die Hospizarbeit - waren nur eingeschränkt möglich. Nach Einschätzung von Hoffmann blieb das nicht ohne Folgen. Durch die seltenen Besuche hätten sich ältere Menschen zum Teil sehr einsam gefühlt und keinen Sinn mehr gesehen, sagt sie. »Viele sind daran gestorben.« Umso erleichterter ist man in Laubach, dass die meisten der 32 ehrenamtlichen Mitarbeiter inzwischen geimpft sind - darunter Barbara Bugdahl, die nach 15-jähriger ehrenamtlicher Tätigkeit bei der Telefonseelsorge seit zehn Jahren Sterbende und deren Angehörige begleitet. »Ich muss schon ein bisschen was tun«, begründet die 78-Jährige ihr Engagement lapidar - schwergefallen sei ihr die Arbeit nie. »Bei der Telefonseelsorge wurde man mit ganz anderen Sachen konfrontiert, von denen man sich echt abgrenzen musste. Manche Biografien haben mir die Luft genommen«, erzählt Bugdahl. Im Rahmen des Hospizdienstes zu sehen, wie sich Menschen, die man fast schon für tot gehalten habe, durch Zuwendung wieder erholten oder Dankbarkeit für die eigene Anwesenheit spüre, erfülle sie mit Zufriedenheit. Dass man irgendwann Abschied nehmen müsse, gehöre dazu, sagt sie. »Ich war darauf vorbereitet, Distanz zu wahren.«

Überwiegend werden durch den Laubacher Hospizdienst aktuell Menschen betreut, die in einem Pflegeheim untergebracht sind, doch auch häusliche Unterstützung ist kostenfrei möglich - und zwar in dem Rahmen, den sich die Betroffenen wünschen. Ein kurzer Besuch, damit Angehörige in Ruhe einen Kaffee trinken können, um neue Kraft zu sammeln? Auch das ist möglich. »Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen für häusliche Besuche melden würden«, sagt Studnitz.

Denn pflegebedürftige Menschen im Seniorenheim unterzubringen, da sind sich Studnitz und Hoffmann einig, sei nicht immer der richtige Weg. Stattdessen gehe es darum, den Willen der Person zu akzeptieren - und zwar in letzter Konsequenz auch im Prozess des Sterbens. »Oft leben die Menschen nur noch für ihre Kinder, weil sie spüren, dass die sie nicht gehen lassen wollen«, sagt Studnitz. Für die Zeit des Besuches würden sie sich dann zusammenreißen, sich anschließend jedoch den Mitarbeitern anvertrauen. Hier gehe es darum, Akzeptanz für den Tod zu schaffen.

In unserer Gesellschaft sei das häufig ein Problem, sagen die beiden. Auch bei Hausärzten und medizinischem Personal stehe oft der kurative Ansatz stark im Fokus, während der palliative vernachlässigt werde. Dabei sei es kontraproduktiv, einem Sterbenden eine Infusion anzuhängen, wenn seine Organe nicht mehr richtig arbeiten, sagt die examinierte Krankenschwester Hoffmann, die aus diesem Grund in den Palliativbereich gewechselt ist. »Die Leute laufen voll mit Wasser und bekommen Ödeme, Atemnot, Übelkeit oder Durchfall«, sagt sie. Stattdessen sei das Gegenteil sinnvoll: »Leichte Austrocknung setzt Endorphine im Gehirn frei und hilft gegen die Angst.« Hier mangele es oft an Wissen. »Die Menschen sterben nicht, weil sie aufhören zu essen und zu trinken«, sagt Hoffmann. »Sie hören auf zu essen und zu trinken, weil sie sterben.« Früher habe man das akzeptiert, doch heute sei der Tod ein Tabuthema.

Sich mit dem Tod zu beschäftigen, sagt Studnitz, helfe auch dabei zu lernen, mit der eigenen Endlichkeit umzugehen. Erfahrungen aus der Sterbebegleitung könnten dabei hilfreich sein. »Mit einem Lächeln sind die wenigsten gegangen, aber man spürt eine Akzeptanz«, sagt Studnitz über die Fälle, in denen sie selbst den Moment des Todes miterlebt hat. »Ich kann nicht sagen, dass es schlimm ist.«

So sieht es auch Bugdahl, die sich nun aus der Hospizarbeit zurückziehen will, um mehr Zeit zu haben, sich um Bekannte und Freunde zu kümmern, die nicht mehr so fit sind wie sie. »Ich habe mehr bekommen, als ich gegeben habe«, sagt sie. »Es gibt einem Zufriedenheit und Dankbarkeit für das eigene Leben.«

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