Deftiger Streit zwischen Verteidigern

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
    schließen

Gießen (jwr). Wie hart sollten Zeugen vor Gericht in die Mangel genommen werden? Und welche Fragen führen die Verteidigung am ehesten zum Ziel, Vorwürfe der Anklage zu entkräften? Darüber haben die Anwälte im »Kanalreiniger-Prozess« vor dem Gießener Landgericht offenbar sehr unterschiedliche Ansichten, wie sich am Donnerstag gezeigt hat. Es gipfelte in einem Wortgefecht zwischen zwei Anwälten - und einer Unterbrechung, um die Gemüter wieder zu beruhigen.

Angeklagt sind vier Geschwister aus dem Kreis Gießen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, als führende Köpfe einer Kanalreinigungsfirma mit Sitz in Heuchelheim in 45 Fällen Kunden in verschiedenen Bundesländern betrogen zu haben, etwa durch völlig überteuerte Rechnungen für teils nicht erbrachte Leistungen.

Am vierten Verhandlungstag wurden nun drei Zeuginnen gehört, die jeweils 2015 verstopfte Abflüsse reinigen lassen wollten und über die »Gelben Seiten« auf Inserate der Firma gestoßen waren. Eine 57-Jährige aus Heidelberg berichtete, sie habe die Firma damals wegen einer Verstopfung im Bad kontaktiert. »Es war schon ein bisschen kurios«, sagte sie, die beiden Monteure hätten eine Art Gartenschlauch in den Abfluss geleitet. Stutzig sei sie auch geworden, weil ihr zunächst die Reinigung auf einer Länge von 20 Metern in Rechnung gestellt worden sei, obwohl es sich nur um ein wenige Meter langes Rohr gehandelt haben könne - und weil sie gut 700 Euro bar bezahlen sollte.

Anwalt: »Leck mich am A...!«

Die Verteidiger hakten zu mehreren Punkten nach, besonders Dr. Ulrich Endres. Von wem und bei welcher Gelegenheit die Gesamtlänge des Rohrs vermessen worden sei und ob sie dabei die ganze Zeit zugesehen habe, wollte Endres unter anderem wissen. Der Ton des Anwalts wurde zunehmend lauter und schärfer, er bezichtigte die Zeugin der Lüge - und geriet mehr und mehr in Konflikt mit der Vorsitzenden Richterin Dr. Kathrin Exler: »Herr Dr. Endres, Sie müssen mal runterkommen.« Verteidiger Frank Richtberg regte an, die Frage umzuformulieren, Endres: »Ich brauche keine Hilfe!« Richtberg, der schon zuvor über Fragen seines Kollegen verwundert schien, ließ sich daraufhin zu einem Zwischenruf hinreißen: »Leck mich am Arsch hier!«, so seine Reaktion, »entweder er geht oder ich gehe«. Schließlich blieben beide und rauften sich augenscheinlich wieder zusammen.

Eine 76-Jährige aus Schwalbach berichtete, die Monteure hätten sie nach ihrem Einsatz aufgefordert, bar zu bezahlen. Als sie von der Bank zurückgekommen sei, habe das Bad unter Wasser gestanden. Ihre Tochter habe im Beisein der Monteure geäußert, es handle sich um Betrüger, »dann waren die ganz schnell weg«. Die Verteidigung monierte, dass die Polizei die Frau und ihre Tochter zusammen vernommen habe, was die Strafprozessordnung nicht vorsehe.

Zuletzt sagte eine 53-jährige Braunfelserin aus, die sich ebenfalls von Monteuren der Firma betrogen fühlte. Den aus ihrer Sicht völlig überzogenen Rechnungsbetrag von 917 Euro habe sie nicht zu Hause gehabt. »Die haben sich einfach ins Wohnzimmer gesetzt und gesagt: ›Wir fahren erst, wenn bezahlt ist‹.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare