Das verschwundene Freibad

  • vonPatrick Dehnhardt
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Das Hungener Freibad ist in der Region bekannt. 1965 wurde es eingeweiht. Zuvor mussten die Hungener auf den Badespaß aber nicht verzichten. 1926 wurde das alte Schwimmbad an der Obermühle eingeweiht. Längst ist das Becken zugeschüttet.

Es ist ein Geheimnis, das sich im Untergrund verbirgt, unterhalb von Resten einer kaputten Ampelanlage, demontierter Innenstadtdekoration aus Metall und Brettern. Heute ist es eine etwas abseits gelegene Abstellfläche des Bauhofs. Vor beinahe 100 Jahren war es jedoch wohl eine der größten Freizeitattraktion Hungens. Die Rede ist vom alten Hungener Freibad.

Bademöglichkeiten waren vor 150 Jahren in Hungen ein Dauerthema. »In kaum einem Haus befand sich eine Badewanne, geschweige denn ein Badezimmer«, heißt es etwa im »Buch der Stadt Hungen«. Darin ist auch geschildert, dass ein Dr. Ferdinand Rouge damals bei der Gemeinde den Antrag stellte, zwei Badewannen anzuschaffen, die von der Bevölkerung ausgeliehen werden sollten.

Die erste Spur einer öffentlichen Badeanstalt in Hungen stammt aus dem Jahr 1883: Damals erhielten Philipp Müller II. und Friedrich Bach die Genehmigung, »bei der Horloff in den Bergen« eine solche einzurichten. Wie diese aussah, wie sie ausgestattet war, wie lange sie bestand - darüber ist nichts bekannt.

1905 wollte jedenfalls ein Verein eine Badeanstalt an den Weihern bei der Obermühle errichten. Der Gemeinderat lehnte dies jedoch ab. 1913 wurden schließlich beim Bau der Volksschule einige Kabinen mit Badewannen und einem großen Brauseraum im Kellergeschoss errichtet. Die Anlage war übrigens bis in die 1960er Jahre in Betrieb.

Zehn Pfennig Eintritt

Doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Schäferstadt ein richtiges Schwimmbad bekommen würde. 1926 war es soweit. Dafür wurde einer der zwei Weiher an der Obermühle umgebaut. Der Eintritt kostete in der ersten Saison für Erwachsene zehn, für Kinder fünf Pfennige.

Die Badeanstalt konnte sich sehen lassen: Mit Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken sowie Einzelumkleidekabinen war es ein beliebter Treffpunkt. An heißen Sommertagen kam es vor, dass die Kapazitätsgrenze erreicht und Badewillige abgewiesen werden mussten.

Adolf Schmidt war in den 1950ern oft in dem Schwimmbad zu Gast: »Das war ein Becken mit 25 mal zehn Metern Länge«, schätzt er die Dimensionen. »Ich war da mit meinem Onkel schwimmen.«

Schmidt kann sich noch gut daran erinnern, woher das Wasser für das Bad stammte: Oberhalb des Schwimmbades verlief der Mühlbach. Von ihm wurde Wasser abgezweigt und ins Becken geleitet, welches einen Abfluss direkt in die Horloff hatte. »Wenn es auch nicht immer ganz sauber war, so störte sich daran niemand«, heißt es in der Stadtchronik. Zudem wurden die Becken öfters abgelassen und gereinigt.

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde die Instandhaltung des Bades vernachlässigt. Das hatte Folgen: Das Becken wurde undicht. Die Reparaturversuche scheiterten. Während das Bad 1952 noch in Betrieb war, kam kurze Zeit später das aus. Denn nicht nur das Becken, auch die Wasserqualität wurde zum Problem: Horloff und Mühlbach führten immer mehr Schmutzwasser mit sich, sodass an Baden nicht mehr zu denken war. Das Bad wurde geschlossen. Auch die Obermühle wurde in den 1980ern abgerissen.

Die Badewilligen suchten Ersatz, gingen in den »Drei Teichen« schwimmen, wie die »Freie Presse« 1957 vermeldete: »Auch die Kaulquappenschwärme und das schmutzige Wasser können die Freude der Badelustigen nicht trüben. Das dunkle und trüb gewordene Wasser kündet noch von der Invasion einer Bevölkerung, die auszog, ein Schwimmbad zu suchen.«

Die Stadt Hungen beschloss schließlich den Neubau eines Freibades: 1961 wurde der Standort beschlossen, 1964 Richtfest gefeiert und 1965 schließlich geöffnet. Die Hälfte der 1,3 Millionen DM Baukosten wurde durch Zuschüsse von Land und Kreis finanziert. Noch heute ist das Hungener Freibad mit Drei-Meter-Sprungturm, Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken, Rutsche und dem 16 Meter breiten Kinderplanschbecken ein Publikumsmagnet - wenn nicht gerade eine Pandemie den Badebetrieb einschränkt. In die »Drei Teiche« muss also niemand mehr hineinspringen.

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