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Die Schaffung von Betreuungsplätzen ist ein Dauerthema. Auch die aktuelle Bedarfsplanung zeigt: Insbesondere für die unter Dreijährigen gibt es in der Mehrheit der Kreiskommunen zu wenig Plätze. Im kommenden Jahr könnte sich die Situation noch verschärfen. SYMBPLFOTO: DPA

»Das sind alles nur Bypässe«

  • VonChristina Jung
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9161 Betreuungsplätze stehen im Kreis in Kitas und Kindertagespflege derzeit zur Verfügung. Zu wenig für die Kinder, die darauf einen Anspruch haben. Im kommenden Jahr könnten sogar Gruppen geschlossen werden.

Der Bedarf an U3-Betreuung im Landkreis wächst seit Jahren. Lag er 2016 noch bei 46 Prozent, ist er im vergangenen Jahr auf 69 Prozent gestiegen. Vielerorts wird an-, um- oder neu gebaut, um zusätzliche Kita-Plätze zu schaffen. Doch die diesjährige Bedarfsplanung für das Kreisgebiet, die der zuständige Dezernent Hans-Peter Stock gemeinsam mit Simone Hackemann (Fachdienstleiterin Kinder- und Jugendhilfe) sowie Martina Viehmann (Fachaufsicht und Trägerberatung sowie stellvertretende Teamleiterin Kindertagesbetreuung) gestern im Rahmen eines Pressegesprächs vorstellte, zeigt: Das Angebot an Kindertagesbetreuung reicht nicht mehr aus.

Während die Versorgungsquote mit Ü3-Plätzen aktuell bei 95,3 Prozent liegt, beläuft sie sich für den Bereich der unter Dreijährigen auf 54,3 Prozent - gerade mal gut die Hälfte der Kinder mit Bedarf verfügt also auch über einen Platz.

Weiterhin hohe Jahrgangsstärken beziehungsweise Geburten, die Ausweisung neuer Baugebiete und Zuzüge, der Wunsch vieler Eltern, Kinder immer früher betreuen zu lassen und der Fachkräftemangel sind die Hauptursachen des Problems.

Verschärft wird die Situation durch das Gute-Kita-Gesetz, das seit 1. August 2020 in Kraft ist und über einen erhöhten Stellenschlüssel - also mehr Personal - die Qualität der Betreuung verbessern soll. Doch der Markt ist leergefegt, Kommunen werben sich gegenseitig Mitarbeiter ab.

Dabei ist das Ende der Fahnenstange nach Einschätzung Stocks noch nicht erreicht. Denn zum 1. August 2022 endet die Übergangsfrist für Bestandskitas. Heißt konkret: Wer nach diesem Stichtag den Mindestpersonalbedarf nicht vorweisen kann, muss mit Konsequenzen in Form von Auflagen seitens des hessischen Sozialministeriums rechnen. Stock: »Dann gibt es in den Einrichtungen den Knall.« Und das bedeutet im schlechtesten Fall die Schließung bestehender Gruppen, wie Viehmann verdeutlicht. Wenn auch nur als »allerletzten Schritt«.

Denn bevor es so weit kommt, wird der Landkreis, der nicht nur die Fachaufsicht hat, sondern den Kita-Trägern auch beratend zur Seite steht, im Rahmen seiner Möglichkeiten nach anderen Lösungen suchen - Fachkräfte anerkennen, die eigentlich keine sind beispielsweise, um sie in den betroffenen Einrichtungen einzusetzen, wie Hackemann erläutert. Denn eines steht für die Expertinnen und den Dezernenten fest: Trotz Ausbildungsoffensive wird es dauern, bis ausreichend Personal verfügbar ist.

Was die Schaffung von Übergangslösungen angeht, ist man bei der Fachaufsicht ohnehin seit Jahren in Übung. erteilt befristete Ausnahmegenehmigungen für überbelegte Gruppen, ermöglicht die Nutzung von Dorfgemeinschaftshäusern beziehungsweise Außenbereichen (Wald-/Naturkitas). Viehmann: »Wir prüfen immer, welche Räume da sind.« Und bisher habe man mit Ausnahmegenehmigungen, Interimslösungen oder dem kurzfristigen Verbleib von über Dreijährigen in der Kindertagespflege jede Bedarfsanfrage geklärt. Doch, so Stock, »das sind alles nur Bypässe«. Und damit einher gehe vielfach eine Minderung der Betreuungsqualität. Kinder nicht nur aufzubewahren, sondern sie bei ihrer Entwicklung altersgerecht und individuell zu fördern, funktioniere nicht, »wenn wir uns von Nötlösung zu Notlösung hangeln«, ergänzt Hackemann. Deshalb seien auch die Träger gefordert, ihre Hausaufgaben zu machen, findet Stock. »Hier geht es nicht um politische oder persönliche Interessen, sondern um die Zukunft von Kindern.«

Unterschiede in den Kommunen

In den Städten und Gemeinden allerdings genieße die Kinderbetreuung nicht überall höchste Priorität. »Bei einigen steht sie ganz oben, andere planen und planen, aber aus unterschiedlichen Gründen gibt es keine Beschlüsse«, so Viehmann. Und deshalb stellt sich der Bedarf auch nicht überall gleich dar.

Über ein ausreichendes Betreuungsangebot verfügen derzeit lediglich Allendorf, Fernwald, Linden, Staufenberg und Rabenau. In Biebertal, Buseck, Grünberg, Heuchelheim, Hungen, Lich und Lollar entstehen zusätzliche Baugebiete, doch das Angebot in den sieben Kommunen reicht schon jetzt nicht mehr aus, Interimslösungen sind notwendig und spätestens mit der Realisierung der Neubaugebiete müssen diese Kommunen ihr Betreuungsangebot ausbauen. In Laubach, Reiskirchen, Pohlheim und Wettenberg sind auch ohne das weitere Ausweisen von Grundstücken zu wenig Plätze vorhanden.

Keine guten Aussichten für den Landkreis, der als Träger der öffentlichen Jugendhilfe für ein ausreichendes und bedarfsgerechtes Angebot an Betreuungsplätzen zu sorgen hat, wenn auch die Kommunen vor Ort sie zur Verfügung stellen müssen. In der Bürgermeisterdienstversammlung sei das Betreuungsplatzproblem deshalb jüngst Thema gewesen. Nun ist geplant, es beim hessischen Landkreistag aufzurufen. Eine schnelle Lösung der Problematik allerdings ist nicht zu erwarten.

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