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Das Schloss im Krofdorfer Forst

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Von: Rüdiger Soßdorf

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Nur nach Grabungen rekonstruierte Fundamentreste künden noch von dem vor mehr als 1000 Jahren erbauten befestigten Haus unweit der Salzböde. © Ruediger Sossdorf

Ein Schloss im Krofdorfer Forst - die Holztafel am Wegesrand erweckt Aufmerksamkeit. Doch wer Klein-Neuschwanstein vor dem geistigen Auge hat, der irrt. Der Weg in den Wald lohnt gleichwohl - es ist einer der wahrhaft geschichtsträchtigen Orte in der Region.

Wanderer, kommst Du zur Schmelz… dann hast Du womöglich das Gronauer Schloss passiert, ohne es überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Kein Wunder. Denn auf einem Felssporn vielleicht 20 Meter oberhalb des Salzbödetales, an dessen Nordwestrand in Krofdorfer Gemarkung, künden im Wald nur noch zwei Holztafeln und ein paar Steine von einem mittelalterlichen festen Haus. War es eine Sicherung der Furt über die Salzböde? Hat gar Karl der Große auf einem seinem Feldzüge gen Osten, gegen die Sachsen, dort Rast gemacht, vielleicht sogar übernachtet? Wie lange hatte das sogenannte Gronauer »Schloss« überhaupt Bestand? Über dessen Bedeutung gibt es einige Theorien, die versuchen, Antworten zu geben. Und noch mehr Fragen. Denn schriftliche Überlieferungen sind Mangelware. Das fängt schon mit der Entstehung an. Im 8. Jahrhundert? Vielleicht auch erst im 9. oder 10. Jahrhundert. Fakt ist: Die wenigen Überreste im Wald sind mehr als 1000 Jahre alt.

Womöglich zu karolingischer Zeit, vielleicht schon zur Zeit der Reichsgründung Karls des Großen oder in der Regentschaft von einem seiner Nachfahren, etwa Ludwig dem Frommen, wurde auf einem Hang nahe der Salzböde am Rande des Krofdorfer Forstes das »Gronauer Schloss« errichtet. Im Volksmund ist dieser Osthang übrigens als Schlossberg bekannt.

Wann auch immer erbaut, so wurde lange vermutet, dass es errichtet wurde, um Heerstraße und Handelswege, die sogenannte »Weinstraße«, und im Besonderen die Furt durch die Salzböde zu sichern.

In den 1930er Jahren hat dort der Marburger Historiker Dr. Willi Görich Grabungen an den Gebäudefundamenten vorgenommen. Der Wissenschaftler hatte die Arbeiten nach dem 2. Weltkrieg mit einer Teilrekonstruktion der Fundamente abgeschlossen.

Er stellte die These auf, dass die Anlage zu Zeiten des Hausmeiers Karl Martell um 720 erbaut und womöglich anlässlich des Sachsenfeldzugs von Kaiser Karl dem Großen im Jahr 772 modernisiert wurde. Aus dieser Zeit soll auch das einstige feste Haus stammen - eine Überlegung, die schon der Krofdorfer Geschichtsinteressierte und Heimatkundige Helmut Leib gestützt hat.

Grabungen

Auch etwa die Wißmarer Lehrer Rolf Henrich und Helmut Best (†) sowie der frühere Förster von Salzböden, Rüdiger Pohl, stützten sich auf diese Überlegungen, als sie sich vor rund 15 Jahren um das Sichern der verbliebene Spuren des »Schlosses« im Wald verdient machten.

Wobei der Begriff »Schloss« eher hochtrabend ist. Es war wohl eher ein kleines steinernes Haus mit einem angrenzenden quadratischen Turm. Samt Nebengebäuden soll das Gehöft auf rund 1,6 Hektar Fläche gestanden haben. Die bisherige Theorie: Das Haus könnte Etappenstation an der Heer- und Handelsstraße gewesen sein und als Übernachtungsmöglichkeit für Besucher auf den Fernwegen nach Wetzlar, Marburg, Amöneburg oder Wetter gedient haben.

Grabungen in den Jahren 2015/2016 durch den Oberhesssischen Geschichtsverein und mit Unterstützungen von Hessen-Archäologie mit Untersuchungen von Tierknochen-Resten lassen indes den Schluss zu, dass zumindest ein Teil der Anlage ins frühe 10. Jahrhundert zu datieren ist. Michael Gottwald, Volker Hess und Christoph Röder beschreiben in den »Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins als Ergebnis ihrer Grabungen »...steinerne vermörtelte Fundamente eines bislang völlig unbekannten saalartigen Gebäudes mit Putzresten«. Und sie schlussfolgern: »Sowohl die aufwendige Bauausführung als auch die prominente Lage innerhalb der Befestigung deuten auf eine herausgehobene Bedeutung des Gebäudes hin«. Das erlaubt die These, dass zumindest dieser Teil des Schlosses von den Konradinern errichtet wurde - hessischen Grafen, die so im 9. und 10. Jahrhundert ihr Herrschaftsgebiet zu sichern suchten.

Wie auch immer: Womöglich genauso alt ist das Gronauer Feld oder Battingsfeld. Dieses Stück Ackerland im Forst westlich des Tales diente einst zur Versorgung der Bewohner des Gronauer Schlosses und wird heute vom Kronauer Hof im Weiler Schmelz aus bewirtschaftet. Wann das »Schloss« aufgegeben wurde, das ist nicht genau bekannt. Gut möglich ist aber, dass der eine oder andere Stein, der dort ehedem verbaut war, bis heute in Fundamenten oder Wänden von Häusern in Salzböden oder Odenhausen zu finden ist.

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