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Das Haus der Träume

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Von: Patrick Dehnhardt

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Es war ein Ort, an dem Geschichten von Liebe und Romantik, Historisches und Erfundenes erzählt wurden. An dem ein Hauch von Hollywood durch die Sitzreihen wehte, während auf die Kinobesucher am nächsten Tag wieder die Arbeit auf dem Feld oder in der Fabrik wartete: Das Rex-Kino in Lollar. Peter Kurzeck hat es in seinen Werken verewigt.

Wie in Gießen, wie in Amerika. Eher noch großartiger, weil alles ganz neu ist.« Für Heimatdichter Peter Kurzeck war es ein Ort der Träume: das Kino Rex in Lollar. An zahlreichen Stellen schreibt er in seinen Werken über den Filmpalast.

So schildert er etwa, wie er als Zwölf- oder Dreizehnjä hriger an einem Sonntag im Winter vor dem Kino steht. Rund herum sind Jugendliche und Kinder aus den Nachbardörfern. »Und natürlich, sagte ich, die Mädchen. Alle in Sonntagskleidern.« Doch ihm geht es nicht um den Film, sondern den »einzigen Augenblick, bevor man reingeht und weiß, daß es dann gleich anfängt«.

Die schwärmerischen Ausführungen Kurzecks mag man kaum glauben, wenn man sich heute Bilder des Gebäudes anschaut. Es versprüht darauf den Charme einer 1950er-Jahre-Turnhalle oder Supermarktes - wahrlich keine architektonische Perle. Doch damals wurde das wohl anders gesehen - vielleicht auch wegen der Superlative dieses Baus für Lollar.

Es ist eine Zahl, die man heute kaum glauben mag: In nur acht Wochen wurde das Kino errichtet. Am 14. Oktober war Spatenstich, am 18. Dezember Eröffnung. Heinrich Heyer jun. erfüllte sich damit eine Vision.

Die Architektur wurde in einem Bericht zur Eröffnung in der »Freien Presse« in höchsten Tönen gelobt: »Durch zwei Flügeltüren betritt man die geräumige Vorhalle. Eine reizvolle Leuchtstoffröhrenbeleuchtung taucht den Raum in warmes Licht und betont die Farben der hübsch gemusterten Decke und Wände. Vorhalle und Foyer demonstrieren eine Baugesinnung, die guten Geschmack und vollendete technische Formung in sich vereint.« Damit habe Lollar eine Kulturstätte ersten Ranges erhalten, so der Bericht aus 1953. Übrigens: Das Kino ließe sich leicht auf den »plastischen Film« umstellen - schon damals wurde von 3D geträumt.

Der Saal fasste 504 Sitze, wobei da die 3,15 mal 5,15 Meter große Leinwand auf der 13 Meter langen Querseite geradezu winzig wirkt. Der Kinobesuch war in der Zeit des Wirtschaftswunders eine beliebte Freizeitaktivität - und noch lange Zeit stand nicht in jedem Wohnzimmer ein Fernseher. So wurden in den Kinos nicht nur Filme, sondern auch Nachrichtensendungen gezeigt. Nur wer in die Lichtspielhäuser ging, der wusste, was in der Welt los war.

Momumentalfilme

Vor dem Rex-Bau wurden Filme zunächst von »fliegenden Vorführern«, dann in den Sälen der Gaststätten gezeigt. Darum konnte man sie nur am Wochenende sehen - »und dies auch nur mit ständigen Pausen und technischen Problemen, »die an die Anfänge des Tonfilms erinnerten«, wie die Zeitung damals schreibt.

Premiere feierte das Rex mit dem »Kaiserwalzer«, einem Heimatfilm, den man heute noch manchmal nachmittags auf den Öffentlich-Rechtlichen zu Gesicht bekommt.

Das Programm reichte von Kinderfilmen und Märchen über Krimis, Spiel und Unterhaltungsfilme bis hin zu Nachrichten. Die Kassen füllten jedoch vor allen Dingen Spiel- und Unterhaltungsfilme.

Heyer wollte in dem Kino keinen Stillstand einkehren lassen, sondern mit dem technischen Fortschritt beim Film Schritt halten. So investierte er 1957 etwa in Projektoren und Leinwand, um Cinemascope-Filme zu präsentieren.

Monumentalfilme waren in Lollar auch zu sehen: Vom 8. bis 4. Januar 1960 lief im Rex etwa »Die zehn Gebote« mit Charlton Heston als Moses, wie eine Anzeige im Archiv der »Freien Presse« belegt. In einer Zeit, als bei Massenszenen noch nicht mit Computern getrickst werden konnte, dürfte das Spektakel von Tausenden Darstellern auf der Leinwand noch mehr beeindruckt haben.

Doch die Tage des Kinos in Lollar waren endlich. Unter anderem spürte es die Konkurrenz der privaten Fernsehgeräte. Kurzeck bedauert in einem Text das Ende des Lichtspielhauses - und dass er nicht mehr weiß, welcher Film als letztes lief.

Im September 1976 wurde der Antrag gestellt, das Gebäude in ein Kaufhaus umzubauen. Dazu wurde eine Zwischendecke eingezogen. 754 Quadratmeter Verkaufsfläche entstanden - heute ist jeder Discounter größer. Die Außenmauern blieben stehen. Doch mittlerweile ist auch das Kaufhaus Heyka verschwunden. Heute klafft an der Stelle in der Gießener Straße eine Lücke, existiert das »Rex« nur noch in der Erinnerung und in Kurzecks Werken.

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