Das Ende eines Traditionsbetriebs

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Früher hatte jedes Dorf eine eigene Metzgerei. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Betriebe jedoch stark zurückgegangen. 369 Jahre lang gab es in Lich die Metzgerei Rau - 2008 schloss sich die Ladentür für immer.

Das Fleisch auf dem Mettbrötchen ist herrlich zart, die Würzmischung des Metzgers verleiht ihm einen unverwechselbaren Geschmack. Das Brötchen stammt aus der Bäckerei nebenan, das Schwein ist beim Bauern im selben Ort groß geworden, konnte sich im Freien im Schlamm suhlen. Es klingt wie eine Zukunftsvision für nachhaltige Lebensmittelproduktion - und war bis vor 70 Jahren noch der Standard in der Region.

In den vergangenen Jahrzehnten sind zig Traditionsmetzgereien im Landkreis Gießen verschwunden. Die Ursachen sind meist eine Mischung aus unterschiedlichen Gründen: Es ließ sich kein Nachfolger finden, der Betrieb konnte in der Konkurrenz mit Billigfleisch aus dem Discounter nicht bestehen, neue Normen hätten hohe Investitionen erforderlich gemacht, die sich nicht rentiert hätten.

Die Geschichte der Metzgerei Rau in Lich ist darum nur ein Beispiel für eine allgemeine Entwicklung, deren Ende noch nicht absehbar ist.

1649 gründete Johann Balthasar Rau in der Hintergasse 22 den Familienbetrieb. Über zwölf Generationen hinweg sollte immer wieder ein Familienmitglied den Beruf des Metzgers erlernen - 369 Jahre lang würde der Traditionsbetrieb bestehen.

Im Jahre 1910 zog die Metzgerei an ihren letzten Standort - direkt gegenüber vom Schloss. »Damals gab es acht Metzger in Lich«, erzählt Reinhard Rau. »Alle hauptberuflich.« Heute sind es noch zwei. Sein Urgroßvater trug in der Stadt den Spitznamen »Bockschächter«. »Das kam daher, dass er die Berechtigung hatte, koscheres Fleisch für Juden herzustellen«, erklärt der Urenkel.

Nach der Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebte die Metzgerei einen großen Aufschwung. Damals führte Hermann Rau die Geschäfte. 1956 baute er ein modernes, 60 Quadratmeter großes Kühlhaus. »Selbst Kollegen aus anderen Metzgereien lagerten dort ihre Ware«, erinnert sich Reinhard Rau. 1964 wurde schließliche ein modernes Schlachthaus errichtet, 1966 der Laden renoviert und 1972 ein letztes Mal umgebaut.

Die 1970er bis 1990er Jahre waren goldene Zeiten für die Branche, erinnert sich Rau, der 1972 die Meisterprüfung ablegte, danach in Kitzbühel und Gießen arbeitete. Die Licher Metzgerei belieferte zahlreiche Gaststätten und die US-Streitkräfte, bot zudem einen Partyservice an.

Drei Spießbraten für 400 Hungrige

Die Innung habe damals unter Obermeister Werner Schmitt viel Werbung für den Berufsstand gemacht. In Grünberg wurde etwa im Festzelt eigens eine Wurstküche aufgebaut. »Das wäre heute nicht mehr erlaubt«, sagt Rau und seufzt.

Ein Höhepunkt für ihn war, als er zusammen mit dem Launsbacher Heinz Schnaut und weiteren Kollegen auf dem Bundespresseball in Bonn für die Bewirtung sorgte. Der Spießbraten auf Brötchen war so gefragt, dass er ihnen auszugehen drohte. Schnaut gelang das Kunststück, drei Braten unter über 400 Leuten zu verteilen. Die Scheiben waren hauchdünn, »das war Uffschnitt«, erinnert sich Rau. »Das hieß danach bei uns nur ›Bonner Schnitt‹.«

Doch die Zeiten wurden schlechter. Mit dem Wirtshaussterben fielen Rau mehrere Großkunden weg.. Dann zogen die US-Streitkräfte aus Gießen ab. Die gesamte Branche bekam die Konkurrenz von Billigfleisch aus den Discountern immer deutlicher zu spüren. Zudem sorgten immer neue EU-Auflagen dafür, dass die Betriebe stetig investieren mussten.

1985 hatte Rau nach dem Tod des Vaters den Familienbetrieb übernommen. Als seine Mutter 2005 starb, dachte er erstmals über einen Verkauf nach. Diese Gedanken waren für ihn nicht leicht, er fühlte sich der jahrhundertealten Familientradition verpflichtet. Treue Stammkunden kauften bei ihm seit Jahrzehnten Fleisch und Wurst.

Rein wirtschaftlich betrachtet ergab die Fortführung des Geschäftes schon lange keinen Sinn mehr, erzählt Rau. Zudem wollte er diese schwere Entscheidung nicht seinem Sohn aufbürden, der auch den Metzgerberuf erlernt hatte. Dieser jedenfalls hat die Entscheidung des Vaters nie bereut: Er ist heute als Logistikleiter in einem Schweizer Unternehmen tätig.

»Wichtig ist, dass man mit der Entscheidung leben kann«, sagt Rau. »Und mir war wichtig, dass ich diese Entscheidung selbst treffe.« Am 31. Juli 2008 wurde die Ladentür endgültig abgeschlossen, ein Jahr später das Haus verkauft. Rau zog nach Mücke.

In dem Haus in Lich ist mittlerweile eine Spielothek beheimatet. Wenn er heute am alten Laden vorbeigeht, verspüre er keine Wehmut, sagt Rau. »Diese Entscheidung musste sein.« Viele weitere Berufskollegen haben mittlerweile auch schließen müssen - eine Trendwende ist nicht in Sicht.

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