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In den Köpfen der Senioren, Pfleger und Leiter der Einrichtungen im Kreis sitzen die Erfahrungen noch tief, als das Virus wütete - und allein im Dezember vergangenen Jahres 81 infizierte Bewohner von Pflegeheimen im Kreisgebiet starben.

„Von Normalität weit entfernt“

Corona in Seniorenheimen: Lage noch „nicht ausgestanden“ im Kreis Gießen

  • VonStefan Schaal
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Auch wenn die meisten Bewohner der Seniorenzentren im Kreis zum Schutz vor Corona inzwischen geimpft worden sind, bleibt die Situation in den Heimen angespannt. Die Lage sei noch »nicht ausgestanden«, betont Jens Dapper. Geschäftsführer der AWO Gießen.

Das dunkelste Kapitel der Pandemie ist noch immer gegenwärtig. In den Seniorenzentren im Gießener Land ist in den vergangenen Wochen zwar ein Hauch von Normalität zurückgekehrt, die meisten Bewohner und viele Pfleger sind geimpft. Doch tief sitzen in den Köpfen der Senioren, Pfleger und Leiter noch Erfahrungen, als das Virus und die nackte Angst in den Heimen wüteten - und allein im Dezember 81 infizierte Bewohner von Pflegeheimen im Kreisgebiet starben.

Pflegeheime im Kreis Gießen: „Wir trauern“

Von Normalität könne noch keine Rede sein, betonen Heimleiter und Geschäftsführer von Einrichtungen in Gießener Land. »Für die Pflegeheime ist die Situation nicht ganz ausgestanden«, betont Jens Dapper von der AWO Gießen. Ein Grund dafür seien die neuen Varianten des Virus. »Mit hohem Respekt beobachten wir die Komplexität der britischen Mutante«, sagt Dapper.

Wie sehr die Corona-Krise die Bewohner und Mitarbeiter weiterhin belastet, beschreibt Christa Hofmann-Bremer, Leiterin des Seniorenzentrums in Linden. »Wenn wir in den Speisesaal gehen, zum Beispiel zu kleinen Feiern, dann schauen wir zu den Tischen«, erzählt sie. »Wir erinnern uns dann, wo sie gesessen haben.«

24 der 105 Bewohner sind während eines Ausbruchs in dem Heim infolge einer Infektion mit dem Virus gestorben. »Es wird Zeit brauchen, bis wir das verarbeitet haben«, sagt Hofmann-Bremer. »Wir trauern.«

Pflegeheime im Kreis Gießen: 90 Prozent der Bewohner geimpft

Die Situation habe sich durch das Impfen verbessert, erklärt sie. Es gebe in dem Heim aktuell keine Corona-Fälle.« Doch die Besuche seien weiterhin eingeschränkt, man achte bei der Terminvergabe beispielsweise darauf, dass sich in den jeweiligen Wohnbereichen nicht zu viele Angehörige gleichzeitig aufhalten.

Bis zu einer sorgfältigen Aufarbeitung der Wochen, als das Virus in den Heimen wütete, wird noch Zeit vergehen. Einrichtungsleiter stellen indes die Frage, ob Fehler begangen wurden. Hofmann-Bremer bedauert, dass es im Herbst vergangenen Jahres generell noch keine gründliche Teststrategie in den Heimen gegeben habe. »Hätte man diese gehabt, hätten wir Infektionsketten durchbrechen können.« Die Leiterin der Lindener Einrichtung ergänzt: »Heute sind wir alle schlauer.«

Optimistisch stimmt die Einrichtungsleiter unterdessen, dass die meisten Bewohner in den Seniorenzentren inzwischen geimpft sind. Bei mehr als 90 Prozent der Bewohner im Kreisgebiet seien die Impfungen erfolgt, sagt Dapper. »Bei der AWO sind es 95 Prozent.« Viele Pflegekräfte waren bei den Impfungen anfangs bekanntlich zögerlich. »Mittlerweile sind aber 77 Prozent des Personals geimpft«, sagt Dapper. Immer mehr Mitarbeiter entscheiden sich dem AWO-Geschäftsführer zufolge auch für eine Impfung, »weil die dritte Welle in vollem Gange ist«.

Pflegeheime im Kreis Gießen: „Entspannter, was die Angst betrifft“

Ähnliches berichtet Bernd Klein Leiter des Oberhessischen Diakoniezentrums, das drei Seniorenzentren mit 237 Bewohnern in Lich, Hungen und Laubach betreibt. So gut wie alle Senioren in den drei Heimen seien geimpft - und auch ein Großteil des Personals. »Zehn bis fünfzehn Prozent weigern sich«, berichtet Klein. Davon gehe allerdings keine Gefahr in der Pandemie aus. »Sie beteiligen sich an den regelmäßigen Corona-Tests.« Im Fall eines positiven Befunds würde man den jeweiligen Mitarbeiter eben in Quarantäne schicken.

Die Pandemie habe vor allem eines aufgezeigt, betont Klein: In Seniorenzentren gehe es nicht nur um die Pflege alter Menschen, sondern auch um soziale Betreuung. In der Zeit der Schließung, als zum Schutz vor Corona Besuche untersagt wurden »sind Bewohner zusammengebrochen, das hat sie psychisch schwer getroffen.« Krise verdeutliche: »Pflegeheime sind nicht einfach nur Schubladen, in die man Menschen hineinsteckt.«

Aufgrund der weiterhin hohen Fallzahlen müsse man auch in den Pflegeheimen weiter wachsam und vorsichtig sein, erklärt Klein. »Wir sind entspannter, was die Angst betrifft«, fügt er hinzu. »Aber von einer Normalität sind wir weit entfernt.«

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