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Vorlesen in der Kuschelecke: Enger Kontakt zu Kindern gehört bei Erzieherinnen zum Alltag. In Zeiten einer Pandemie allerdings ist das ein Problem. Die Berufsgruppe hat ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. SYMBOLFOTO: DPA

Das Dilemma der Erzieherinnen

  • vonChristina Jung
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Einerseits sollen sie Abstand halten, andererseits gehören enge Kontakte in ihrem Beruf dazu. Wer in der Kinderbetreuung arbeitet, hat ein höheres Risiko, an Corona zu erkranken. Während sich die einen ausreichend geschützt fühlen, nehmen bei anderen mit zunehmender Dauer der Pandemie Sorgen und Ängste zu.

Eine Mutter steht an der Tür zum Kindergarten und übergibt ihre Zweijährige. Die Kleine weint, will sich nicht trennen. Klar, dass die Erzieherin das Mädchen in den Arm nimmt, um es zu trösten. Szenen wie diese sind Alltag in den Tagesstätten. Sie zeigen exemplarisch, dass Kinder Nähe brauchen. Immer wieder. In unterschiedlichsten Situationen. Auch in Zeiten einer Pandemie.

Zwar gibt es in den Einrichtungen seit vergangenem Frühjahr strenge Hygienekonzepte. Doch nicht immer sind Schutzmaßnahmen mit Blick auf das Wohl der Kinder so einzuhalten, wie es vielleicht erforderlich wäre. Die Folge: Erzieher sind in ihrem Beruf einem nachweisbar höheren Risiko ausgesetzt, an Corona zu erkranken, als Menschen in anderen Jobs.

Bestätigt wurde dies vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) im Rahmen einer Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten von Mitgliedern. »Berufe in der Betreuung und Erziehung von Kindern waren von März bis Oktober 2020 am stärksten von Krankschreibungen im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen«, heißt es in dem Papier, das Ende Dezember veröffentlicht wurde und wonach ein Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und der Menge an Kontakten besteht.

Nicht jede Erzieherin macht sich dieses Risiko im Alltag bewusst. Je nach Situation am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld wird mit der »Dauergefährdung« unterschiedlich umgegangen. Bahareh Kellmann, Leiterin der Kita Am Gründchen in Lich, hat in ihrem Team keine Ängste in Bezug auf Corona wahrgenommen. »Das Hygienekonzept gibt uns Sicherheit«, erklärt sie. Und die Stadt als Träger tue ihr Bestes zum Schutz des Personals.

»Ich habe keine Angst vor dem Virus«, sagt Conny Jimenez, Erzieherin in der katholischen Kita St. Elisabeth in Großen-Buseck. Aber sie lasse das Thema auch nicht so nah an sich ran. Dass es in der Einrichtung andere Stimmen gibt, weiß Leiterin Claudia Sharifi. »Das Empfinden im Team ist sehr unterschiedlich. Die einen haben mehr Sorgen als die anderen«, sagt sie.

Angelika Kahle, Leiterin der Kita Gleienberg in Lich, in der schon ein großer Teil der Erzieherinnen an Corona erkrankt war, sagt: »Die Sorgen und Ängste sind seit dem Frühjahr stetig gewachsen. Es kostet immer mehr Kraft, damit die Kinder nichts davon spüren.« Sie und viele ihrer Berufskolleginnen haben im privaten Umfeld ihr Verhalten angepasst. Sie halten Abstand, vermeiden Begegnungen, gehen Menschenansammlungen aus dem Weg. Doch im Job können sie Kontakte nicht verhindern, und das stellt viele vor ein Dilemma: Einerseits müssen sie sich selbst schützen, andererseits wollen sie den Kindern und ihren Bedürfnissen gerecht werden.

Dass die hessische Landesregierung im Gegensatz zum ersten Lockdown für die Kitas kein Betretungsverbot verhängt, sondern es bei einem Appell an die Eltern gelassen hat, erschwert die Situation und wird vielfach kritisch gesehen. »Klarere Regeln wären aus meiner Sicht besser gewesen«, findet Claudia Sharifi.

Auch mancher Träger hätte sich diesbezüglich mehr Klarheit gewünscht. »Eine Notbetreuung wie im Frühjahr wäre einfacher zu handeln gewesen«, sagt Lichs Bürgermeister Dr. Julien Neubert. Amtskollege Stefan Bechthold formuliert es deutlich schärfer: »Die Landesregierung macht sich auf Kosten von Eltern und Erziehern einen schmalen Fuß. Das ist ein Unding.«

Was die Belegung der Kitas angeht, ist die Situation sehr unterschiedlich. Manche Gruppen sind nahezu voll, andere wenig frequentiert. Je nach Inanspruchnahme durch die Eltern. Im Durchschnitt werden in den 120 Kitas im Landkreis derzeit 37 Prozent der eigentlich angemeldeten Kinder betreut, heißt es auf GAZ-Anfrage aus der Kreispressestelle. Zu Beginn des ersten Lockdowns sei diese Zahl deutlich geringer gewesen, mit der Erweiterung der berechtigten Personengruppen und der sukzessiven Öffnung aber immer weiter gestiegen.

Die aktuellen Regelungen finden auch Verständnis. Gerade mit Blick auf mögliche Überforderungssituationen in den Familien sei es schwierig, wie im ersten Lockdown nur bestimmten Berufsgruppen die Möglichkeit einer Notbetreuung einzuräumen, findet Bahareh Kellmann.

Rebecca Neuburger-Hees, Bereichsleitung Kindertagesstätten der Lebenshilfe, ist diesbezüglich zwiegespalten. Einerseits sei es für manche Kinder gut, wenn sie in die Einrichtungen kämen, anstatt zu Hause zu bleiben. Andererseits sei die Belastung der Erzieherinnen in der aktuellen Situation enorm, was eine Umfrage unter den Mitarbeitern bestätige. Laut Neuburger-Hees ist aber nicht die Angst vor dem Virus das vorherrschende Thema, sondern die Frustration und Erschöpfung, »weil man sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen muss«.

Eine Begleiterscheinung der Pandemie, mit der Menschen in vielen Bereichen zu kämpfen haben. Was aber tun? Ein Ausbau der Besprechungskultur könne laut Neuburger-Hees bei einer Verbesserung der Situation helfen. Also mehr Zeit für den gegenseitigen Austausch oder kollegiale Beratungen. Das stärke das Gefühl von Verbundenheit, welches durch die coronabedingten Strukturen - Abstand halten, keine Durchmischung der Gruppen, etc. - leide.

Darüber hinaus findet die Fachfrau, wie etwa auch Kahle oder Sharifi, dass den Erziehern eine höhere Priorisierung bei der Impfung eingeräumt werden sollte, weil enge Kontakte - ähnlich wie in der Altenpflege - in Kitas unvermeidbar seien. Doch gerade mit Blick auf die Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten und Lernrückständen bei Kindern sei es notwendig, Betreuung aufrechtzuerhalten.

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