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Hochelheim ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen.

"Von oben"

Darum ist Hochelheim ein Mekka für Handkäseliebhaber

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Handkäse hat Hochelheim einst viel Wohlstand eingebracht. Mindestens ebenso erstaunlich aber ist, wie geräuschlos vor 51 Jahren der Zusammenschluss mit Hörnsheim vonstatten ging.

Die Hessen lieben ihren Handkäse - zumindest die, die sich schon einmal getraut haben, ihn trotz seines ganz eigenen Dufts zu probieren. Denen, die noch nicht so viel Mut hatten, kann man nur raten, es endlich zu wagen: Sonst hat man was im Leben verpasst. In Hochelheim geht diese Liebe jedoch noch ein Stück weiter: Dort wird der Käse gerne auch als "Hüttenberger Gold" bezeichnet. Denn der runde Käse hat für Wohlstand im Dorf gesorgt.

Wer sich im Boden rund um Hochelheim auf der Suche nach Gold machen würde, der dürfte außer verlorenem Schmuck kaum etwas finden. Doch nicht etwa das fehlende Edelmetall, sondern die mittelmäßige Bodenqualität sorgte lange Zeit dafür, dass die Hochelheimer Bauern oft mit ein wenig Neid zum Nachbardorf Hörnsheim blickten.

Käse in der Satteltasche

Dann kam der etwas andere Goldrausch: Die Hochelheimer verstanden es einfach, wie man guten Handkäs zubereitet. In zahlreichen Häusern wurden die Käse per Hand, später dann auch mit Hilfe von Maschinen hergestellt. Die Frauen packten sich Taschen mit Handkäse ans Fahrrad und fuhren auf die Märkte im Umkreis, um das Hüttenberger Gold zu verkaufen. "Die sind halt geschäftstüchtig gewesen", erinnert sich Anni Weber an diese Zeiten. "Die Leute sind auch mit ihren Schubkarren nach Langgöns gefahren und dann in die Eisenbahn nach Frankfurt gestiegen."

Die Besuche in der Stadt hatten Folgen: Die Hochelheimer sahen vieles, was es vorher auf dem Dorf so nicht gab. Was ihnen gefiel, brachten sie mit - und so zog ein Stück Stadt ins Dorf ein. Und auch die Frauen, die aufgrund von Haushalt und Familie nicht auf die Märkte ziehen konnten, blieben nicht untätig. Viele Frauen verdienten sich einst durch Zigarrendrehen ein Zubrot.

Günter Weber, der über etliche Jahre eine Gärtnerei führte, berichtet, dass die Hochelheimer auch Tabakpflanzen kauften und selbst auf dem Feld großzogen. Später fanden viele Frauen Arbeit in den großen Hüttenberger Käsereien, von denen heute noch drei existieren.

1969 erfolgte der Zusammenschluss

Anni Weber war nach dem Zweiten Weltkrieg über viele Jahre Sekretärin im Rathaus. Der Krieg selbst hatte bereits kurz nach Beginn für schlechte Jahre im Dorf gesorgt. Lange Zeit mussten Weber und ihre Kollegin Lebensmittelkarten verwalten. Da die Lebensmittel rationiert wurden, wurde bei den Bauern genau hingeschaut, beispielsweise bei Schlachtungen. Denn auch den Besitzern stand nur das ihnen laut Rationierung zugeteilte Fleisch zu: "Wenn das Schwein zu schwer war, musste Fleisch abgegeben werden."

Günter Weber weiß noch gut, wie die Kinder den Auftrag erhielten, Kräuter für die Soldaten an der Front zu sammeln. Bergeweise lagen Kräuter damals zum Trocknen auf den Dachböden des Dorfes. Er erlebte auch, wie sich vor der Gärtnerei eine hundert Meter lange Schlange bildete, als es einmal Gemüsepflanzen zu kaufen gab.

Es sind Episoden wie diese von Anni und Günter Weber, die von der Geschichte des Ortes noch vor dem Zusammenschluss erzählen. Seit 1969 bilden Hochelheim und Hörnsheim den Ort Hüttenberg. Das Hochelheimer Rathaus gibt es lange nicht mehr. Dass diese beiden Dörfer einmal zusammenwachsen würden, hätte zuvor kaum jemand geglaubt.

Eine Art Niemandsland

Zwar gab es nur einen rund 500 Meter breiten Streifen zwischen den Orten. "Da hätte aber keiner gebaut", erinnert sich Günter Weber. Es war eine Art Niemandsland. Und so wurden beim Zusammenschluss der beiden Orte auf die ehemalige "Grenze" eine Sporthalle, ein Hallenbad und die Hüttenberger Bürgerstuben gesetzt.

Wobei zunächst auch da noch geschaut wurde: Denn mitten durch die Bürgerstuben ging die ehemalige Gemarkungsgrenze. Günter Weber hat miterlebt, wie Besucher angesprochen worden: "Du sitzt gerade in Hörnsheim." Rund um das neue Zentrum entstanden nach und nach Häuser, die Lücke schloss sich - und eine Besonderheit bildete sich heraus: Denn auf nur 50 Metern Straße gibt es hier drei Bankfilialen.

Mittlerweile ist nicht nur die Gemarkungsgrenze, sondern auch die in den Köpfen verschwunden. "Das ist mit dem Zusammenschluss neutralisiert worden", sagt Günter Weber. "Hochelheim und Hörnsheim sind gut zusammengewachsen." Die Jugend geht zusammen weg, die Sänger singen miteinander, die Sportler gehen gemeinsam auf Torejagd oder in Wettbewerben an den Start. Nur eines ist noch getrennt: es gibt eine Kirmes in Hochelheim und eine in Hörnsheim. Dass aber wohl vor allem deshalb, weil man so gleich zweimal im Jahr feiern kann. Selbstverständlich gibt es dabei dann auch das Hüttenberger Gold, den Handkäse.

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