Damit der Hirsch weiter röhrt

  • Rüdiger Soßdorf
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Können die Hirsche im Krofdorfer Forst zufrieden röhren und ihre Kühe begatten? Nur bedingt. Denn sie leiden - unter dem Freizeitdruck auf dem Wald, unter der Bejagung außerhalb des Rotwildgebiets und vor allem unter genetischer Verarmung. Ein Lebensraum-Gutachten zeigt auf, was zu tun ist.

Dem Rotwild im Krofdorfer Forst geht es nur bedingt gut. Denn es gibt seit Jahren nicht genug "frisches Blut". Die Tiere können sich nicht in ausreichendem Maße mit Populationen aus anderen Regionen austauschen. In Konsequenz droht Inzucht. Zudem lastet Freizeitdruck auf dem Krofdorfer Forst.

Eine Bestandsaufnahme liefert nun ein Lebensraumgutachten der Rotwild-Hegegemeinschaft "Krofdorfer Forst". Seit einigen Wochen liegt das fast 150 Seiten starke Werk vor. Herausgekommen ist weit mehr als nur die Pflichtübung, die der Gesetzgeber allen Hegegemeinschaften und Jagdrechtsinhabern auferlegt hat. Die Studie bietet über die Bestandsaufnahme hinaus ein veritables Bewirtschaftungskonzept für die 38 Reviere in der Region zwischen Bischoffen im Westen und Ruttershausen im Osten, zwischen Rollshausen im Norden und Launsbach im Süden.

Das Ziel: Der Erhalt eines guten, gesunden Rotwildbestandes in einem Areal, in dem der Freizeitdruck aufgrund der Nähe der Städte Gießen und Marburg erheblich ist.

"Jagd- und Forstwirtschaft sowie Naherholung müssen aufeinander abgestimmt werden", gibt Prof. Sven Herzog deshalb als künftige Aufgabe aus. Der Hochschullehrer aus Dresden ist einer der Experten, die an dem Gutachten mitgearbeitet haben, das in dieser Umfänglichkeit seinesgleichen sucht.

Mehr als drei Jahre Arbeit stecken in der Studie. 2016 wurde von der Rotwildhegegemeinschaft einmütig beschlossen, dieses Gutachten zu erstellen. Zu klären war, was zu tun ist, um den Lebensraum des Hochwildes zu verbessern: Etwa das Schaffen von Ruhezonen und Äsungsflächen, Besucherlenkung im Wald sowie Information der Waldbesucher. Und nicht zuletzt ein nachgeschärftes Jagdkonzept. Denn es betrifft viele Beteiligte: Die Forstwirtschaft, die Landwirtschaft, die Jäger, die Kommunen, Wandervereine, Mountainbiker, andere Waldbesucher und so weiter.

Die Hegegemeinschaft hatte eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Volker Krauhausen aus Hüttenberg gebildet und vorab ein Konzept für das Gutachten erarbeitet. In Sven Herzog konnte ein international anerkannter Rotwild-Fachmann gewonnen werden. Er ist Leiter des Lehrstuhles für Wildbiologie an der Uni Dresden.

Zudem hat Prof. Gerald Reiner von der Uni Gießen ein Gutachten zur "Sicherung der genetischen Vielfalt beim hessischen Rotwild" erstellt. Das Ergebnis: In einem der kleinsten hessischen Rotwildgebiete gibt es nur noch eine Inselpopulation, was zu einer genetischen Verarmung und in Folge zu Missbildungen führt.

Ein genetischer Austausch der Tiere im Krofdorfer Forst findet im wesentlichen nur mit dem Lahn-Bergland und dem Dill-Bergland im Norden und Westen statt. Austausch mit dem Taunus oder dem Vogelberg? Fehlanzeige. Das reicht auf Dauer nicht aus, um einen gesunden Bestand zu erhalten.

Die daraus abgeleitete Forderung: Gerade die jungen Hirsche im Alter bis zu vier Jahren wandern zu lassen. Dies wird als dringend notwendig erachtet, um einer weiteren genetischen Verarmung vorzubeugen. Angeregt wird daher, den Abschuss von Rotwild außerhalb der Rotwildgebiete zu reduzieren und spezielle Wanderkorridore zwischen Rotwildgebieten einzurichten, in denen keine Tiere geschossen werden dürfen.

Nicht zuletzt wurde eine Bachelorarbeit am Fachbereich Agrarwissenschaften der Uni Göttingen eingebunden. Darin wird die Futtermittelkapazität erfasst und bewertet, die den Tieren im Krofdorfer Forst zur Verfügung steht. Dazu wurden die Reviere der Hegegemeinschaft begangen, kartografiert und mit ihren jeweiligen lokalen Besonderheiten erfasst. So wurde nach Ruhezonen für das Wild geschaut, nach vorhandenen Wander- und Radwegen - und eben nach Wanderwegen des Rotwildes.

Drei Jahre mit weit über 2000 Stunden intensiver Arbeit bilanziert Krauhausen. Er ist stolz darauf, dass das Knowhow von drei Universitäten gebündelt wurde. Dies mache die Studie einzigartig. Was das Gutachten darüber hinaus auszeichnet, ist die geballte lokale Sachkunde, die sich darin niederschlägt. Dafür stehen neben Krauhausen vor allem der frühere Gießener Forstamtsleiter Klaus Schwarz, der frühere Wettenberger Forstamtsleiter Harald Voll und der langjährige Krofdorf-Gleiberger Revierleiter Hans-Joachim Leicht.

Damit es aber nicht bei dem gut gemachten Papier bleibt, haben alle Beteiligten verabredet, dass daraus ein dauerhafter Verbesserungsprozess folgen soll. Das Konzept für den Krofdorfer Forst soll laufend fortgeschrieben werden, um den größten wildlebenden Wiederkäuer im heimischen Wald zu erhalten.

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