»Da liegt keine Leiche«

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Ein Team der Spuren- sicherung hat im Juni 2020 auf einer Hofreite bei Hungen nach Blutspuren und Leichenteilen gesucht. Doch die Ermittler fanden keinen Hinweis auf den Mord an Daniel M., der dort im November 2016 von zwei Kumpels erschossen worden sein soll.

Ein 623 Quadratmeter großes Grundstück, 190 Quadratmeter Wohnfläche auf zwei Etagen, dazu jede Menge Lagerraum: gut 100 000 Euro sollte die Hofreite im alten Ortskern eines malerischen Dorfs im Raum Hungen kosten. Ein Schnäppchen, das sagen die Eheleute, die den Komplex schließlich kauften, noch heute. Ende November 2016, so ihre Erinnerung, haben sie die Immobilie erstmals in Begleitung eines Maklers besichtigt. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Ihr Traumhaus soll gerade einmal zwei Wochen zuvor Schauplatz eines brutalen Verbrechens gewesen sein. Dort soll am 17. November 2016 der damals 39 Jahre alte Daniel M. ermordet worden sein. Der Tat angeklagt sind der 44 Jahre alte Gymnasiallehrer Olaf C. und dessen einstiger Studienfreund, der 40-jährige Robert S., dem die Hofreite gehörte. Die beiden Männer aus Südhessen schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Im Prozess vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen stand gestern der mutmaßliche Tatort im Mittelpunkt. Die Hofreite war von Experten des Polizeipräsidiums Gießen gründlich untersucht worden. Allerdings erst im Juni 2020, also dreieinhalb Jahre nach der Tat, die viele Rätsel aufgibt. Bis heute wurde die Leiche von Daniel M. nicht gefunden.

Lange galt der Hanauer als vermisst. Erst im Mai 2020 war Lehrer C. zur Polizei gegangen und hatte Robert S. der Ermordung des gemeinsamen Freundes beschuldigt. Unbemerkt von der Außenwelt soll Daniel M. hinter den hohen Toren der komplett umfriedeten Hofreite erschossen worden sein. Robert S., der vor Gericht bislang schweigt, hat bei seiner Vernehmung durch Polizei und Staatsanwalt ausgesagt, dass er den Leichnam zerstückelt, die Leichenteile einbetoniert und im Starnberger See versenkt habe. Die Suche durch Taucher dort blieb erfolglos, und den Experten für Spurensicherung des Polizeipräsidiums Mittelhessen erging es auf der Hofreite ähnlich. Bei der Untersuchung im Frühsommer 2020 nahmen sie vor allem einen Lagerraum unter der Lupe, der sich gleich links neben dem großen ochsenblutfarbenen Hoftor befindet. Hier soll nach Angaben der beiden Angeklagten die Leiche von Daniel M. nach der Bluttat versteckt worden sein. Robert S. hat ausgesagt, den toten Körper an diesem Ort später zersägt zu haben.

Doch die Fachleute von der Spurensicherung fanden vor Ort keine Hinweise auf diese grausamen Tat. Nicht nur der große zeitliche Abstand erschwerte ihre Arbeit, sondern auch ein Hochwasser, das zwei Jahre zuvor über den Ort geschwappt war. Wie die heutigen Besitzer berichteten, war auch der Lagerraum von Schlammwasser überflutet.

Dennoch zog die Spurensicherung alle Register. Bilder von einer 360-Grad-Kamera verschaffen den Prozessbeteiligten einen plastischen Eindruck von der Szenerie. Der zehn Quadratmeter große Lagerraum wurde komplett ausgeräumt und mit Lumiscene behandelt, einer chemischen Lösung, die auf eisenhaltige Proteine reagiert, also auch auf Blut. »An einigen Punkten leuchtete es blau auf«, berichtete der 44 Jahre alte Experte vom Erkennungsdienst im Zeugenstand.

Das Ergebnis des Einsatzes war letztlich jedoch enttäuschend: »Wir haben uns mehr davon versprochen.« Der relativ neu wirkende Betonestrich wurde gleich mehrfach und immer wieder ein Stück tiefer angebohrt. Dann kam ein Leichenspürhund zum Einsatz. »Aber er hat nicht angeschlagen. Auch nicht beim dritten Versuch«, berichtete der Zeuge. »Da war uns klar: Unter der Betonplatte liegt keine Leiche. Und auch keine Leichenteile.«

Sichergestellt wurde dagegen eine Bügelsäge, die im Stall hing und die die neuen Eigentümer beim Kauf übernommen hatten. Ebenfalls zum alten Bestand gehören angebrochene Zementsäcke und zwei ineinandergestapelte Plastikbottiche, die mit einem Sand-Kies-Gemisch gefüllt sind. »Die stehen noch da, wo sie vorher standen. Die habe ich nicht weggekriegt«, berichtete der jetzige Besitzer.

Seine Frau hatte die Hofreite im November in einem Immobilienportal entdeckt und zunächst mit einem Makler, dann mit Eigentümer Robert S. über den Kauf verhandelt. Ihrem Eindruck nach war S. daran gelegen, das Haus möglichst schnell zu verkaufen.

Dateien gelöscht?

Ebenfalls Gegenstand der gestrigen Verhandlung waren Computer- und Handydateien, die die Ermittler beim Angeklagten Olaf C. sichergestellt hatten. Auffallend: Die Internet-Nutzung im November 2016, dem Monat der Tat, war ungewöhnlich gering. War der Lehrer damals wenig im Netz unterwegs? Oder hat er Verläufe und Dateien gelöscht?

Der Prozesstag endete mit einer Kontroverse. Olaf C. hatte der Hanauer Polizei vorgeworfen, jahrelang mit ihren Ermittlungen im Vermisstenfall Daniel M. nicht weitergekommen zu sein. Da platzte Staatsanwalt Thomas Hauburger der Kragen: »Sie hätten es in einer Minute klären können. Dass Sie hier der Hanauer Polizei Vorwürfe machen, finde ich dreist.«

Der Prozess wird fortgesetzt.

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