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»Da kann man sich nur schämen«

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Von: Stefan Schaal

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Seit nun 20 Jahren gibt es in Garbenteich in der ehemaligen Voko-Villa den Bordellbetrieb »FKK World«. © Stefan Schaal

Pohlheimer Kommunalpolitiker haben sich im Sozialausschuss über die prekäre Situation von Prostituierten informiert. Dass die Stadt durch Steuereinnahmen des Bordells »FKK World« in Garbenteich von Prostitution profitiert, stößt den Ausschussmitgliedern bitter auf. Encarni Ramirez Vega vom Verein »Frauenrecht ist Menschenrecht« macht ihnen einen Vorschlag.

Helge Stadelmann brachte die Eindrücke auf den Punkt. Was sich in Garbenteich im Bordell »FKK World« abspielt, »bewegt sich am Rande der Kriminalität«, erklärte er. »Darüber fühlen wir uns unwohl.« Gleichzeitig profitiere die Stadt aber auch von der Prostitution - durch Gewerbe- und Grundsteuereinnahmen. »Da kann man sich nur schämen«, betonte Stadelmann.

Der Vertreter der CDU-Fraktion sagte dies nach einem Vortrag der stellvertretendenden Geschäftsführerin des Beratungszentrums »Frauenrecht ist Menschenrecht«, Encarni Ramirez Vega, im Rahmen einer Sitzung des Sozialausschusses der Stadt Pohlheim.

Vega referierte über die Situation von Prostituierten in Etablissements wie dem Pohlheimer »FKK World«. 60 bis 80 Prozent der Prostituierten leben und arbeiten in prekären Verhältnissen, berichtete sie. Häufig fehle ihnen der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. »Sie sind oft nicht mal in ihren Heimatländern krankenversichert.«

Im Bordell in Garbenteich, wo bis zu 60 Prostituierte arbeiten können, seien die Frauen überwiegend aus Rumänien. Die Betreiber stellen ihnen nahe des Bordellbetriebs auch Schlafplätze zur Verfügung. Dazu seien die Betreiber verpflichtet, weil die Prostituierten nicht in ihrer Arbeitsstätte schlafen dürfen. »Diese gesetzliche Regelung sollte eigentlich dazu führen, dass die Frauen auch mal aus dem Milieu herauskommen«, sagte Ramirez Vega. Stattdessen habe sie aber dazu geführt, dass für die Prostituierten Schlafstätten im direkten Umfeld des Bordells organisiert werden, für die die Frauen zusätzliche Miete zahlen müssen.

Der Verein »Frauenrecht ist Menschenrecht« mit Sitz in Frankfurt ist im Kreis Gießen regelmäßig im Rahmen von Beratungsgesprächen tätig. Seit 2017 müssen sich Prostituierte behördlich anmelden, wo sie arbeiten. Außerdem sind immer wieder Informationsgespräche bei der Behörde Pflicht - alle zwei Jahre für Prostituierte über 21 und jährlich, wenn das Alter unter 21 liegt. Im Rahmen dieser Gespräche werde auch ihr Verein eingebunden, berichtete Ramirez Vega. Gesundheitsberatung stehe im Vordergrund. Doch auch später suchen Prostituierte häufig die Beratung beim Verein. Im Kreis Gießen habe man in diesem Zusammenhang seit 2020 rund 50 Klientinnen außerhalb der verpflichtenden Gespräche beraten. »Der Großteil dieser Frauen arbeitet in Pohlheim.«

Der Vortrag am Dienstag vor dem Pohlheimer Sozialausschuss beschränkte sich zum großen Teil auf allgemeine Aussagen. Auf konkrete Angaben zur »FKK World« in Garbenteich verzichtete Ramirez Vega weitgehend. Als ein Fraktionsmitglied der Grünen nachfragte, wer das Bordell in Pohlheim eigentlich betreibt und ob es richtig sei, dass die Hells Angels das Etablissement führen, antwortete sie, sie wolle sich bedeckt halten, die Presse sei ja anwesend.

Wie sichtbar der Bordellbetrieb das Leben in Garbenteich prägt, machte Angelika Bartosch von der SPD-Fraktion deutlich. »Wenn draußen am Rewe-Markt Männer in Jogginghosen vor der Bäckerei Künkel sitzen, wenn Autos mit bulgarischen und rumänischen Kennzeichen auf dem Parkplatz stehen und wenn man in der Poststelle Frauen begegnet, die Formulare ausfüllen, um Geld nach Hause zu schicken, dann weiß man schon, was los ist«, erklärte sie.

Der Vortrag werde die Ausschussmitglieder noch lange beschäftigen, sagte der Vorsitzende Uwe Happel (SPD). Stadelmann erklärte, er fühle sich »schlechter als vorher«. Ramirez Vega erwiderte: »Sie könnten als Stadt Steuergelder, die sie durch den Bordellbetrieb verdienen, für die gesundheitliche Versorgung von Prostitution verwenden.«

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