Die Hüttenbergerin und die handgeschriebene Bibel

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Neun Jahre lang hat Annette Hesmert die Bibel abgeschrieben, Wort für Wort. Der Pharmazeutisch-Technischen Angestellten ging es dabei nicht um Rekorde. Es war ihr wichtig, die Bibel vom ersten bis zum letzten Wort "schreibend" zu lesen.

Neun Jahre lang hat Annette Hesmert die Bibel abgeschrieben, Wort für Wort. Der Pharmazeutisch-Technischen Angestellten ging es dabei nicht um Rekorde. Es war ihr wichtig, die Bibel vom ersten bis zum letzten Wort "schreibend" zu lesen.

Bereits als Jugendliche hatten sie die Kaligraphen der Klöster fasziniert: "Sie haben ihr Leben lang teilweise nichts anderes gemacht, als ein einziges Exemplar eines Buches zu kopieren." Ihr erster Versuch, die Bibel abzuschreiben, endete nach 35 Kapiteln im 1. Buch Mose.

Bereits ihr Leben lang greift sie regelmäßig zur Bibel. Mit ihrem Mann Michael engagierte sie sich viele Jahre in der kirchlichen Jugendarbeit und in der Fortbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter im Christlichen Verein junger Menschen (CVJM). Doch in den letzten Jahren fehlte es ihr oft an Konzentration. In dieser Zeit erinnerte sie sich, dass sie sich während ihrer Ausbildung immer am Besten konzentrieren konnte, wenn sie das Gehörte mitschrieb. 2009 holte sie deshalb ihr angefangenes Bibelschreibprojekt wieder hervor.

"Die Bibel gibt Tipps und Orientierung in allen Lebenslagen", sagt sie. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort und dann Kapitel für Kapitel wuchs ihr Werk. "Beim Abschreiben denkt man viel intensiver über einen Text nach als beim Lesen", sagt sie. Vor allem Hiob hat Hesmert grenzenlos beeindruckt in seiner tiefen Treue zu Gott: "Er hatte alles unverschuldet verloren, was ihm irdische Sicherheit gab."

Die Phasen der Rat- und Machtlosigkeit kannte das Ehepaar Hesmert aus eigenem Erleben. Michael Hesmert ist von Geburt an körperbehindert und seit vielen Jahren Dialysepatient. "In so manchen schweren gesundheitlichen Krisen und vielen Fragen nach dem ›Warum‹ haben wir genau wie Hiob erlebt, dass Gott lebt und erfahrbar ist."

An manchen Passagen wie dem Buch der Könige und der Chronik hat sie sich die Zähne ausgebissen – hier reiht sich Name an Name, spannend wie ein Telefonbuch.

Die Schreibphasen waren für Hesmert häufig entspannend. Sie konnte zur Ruhe kommen. Eigene gesundheitliche Einschränkungen wirkten sich zwar auf Ausdauer und Energie aus. Gerade in Krisenphasen war der Platz am Schreibtisch aber ein Zufluchtsort. Manchmal gab es lange Schreib-Pausen, weil sie über manche Texte erst fertig nachdenken wollte, bevor sie weiter schrieb. In 13 karierten "Herlitz-Heften" hat sie das Werk vollendet. Für die Schreibfehler mussten einige Tipp-Ex-Mäuse herhalten. "Der Verschleiss an Stiften war enorm", betont die Autorin. Fast nebenbei ist ein Dossier über Frauen in der Bibel entstanden. Das Thema hat Hesmert schon früh beschäftigt. Mit Paulus würde sie aufgrund seines Frauenbildes gerne noh "ein Hühnchen rupfen".

Mit dem einen Projekt zu Ende hat sie bereits mit dem nächsten angefangen. Sie hat begonnen, die Apokryphen abzuschreiben. Das sind die Bücher, die es nicht in den biblischen Kanon geschafft haben, die aber laut Reformator Martin Luther sehr lesenswert sind. Vielleicht kann Annette Hesmert hinterher sagen, dass es sich auch lohnt, sie abzuschreiben. (jow/Foto: jow)

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