+
Im Friseursalon kommt man sich nahe. Wie also umgehen mit der Corona-Krise? FOTO. DPA

Aufmachen oder nicht?

Coronavirus: Nicht alle Friseure im Kreis Gießen finden die Ausnahmeregelung gut

  • schließen

Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Friseure müssen ihren Kunden aber nahekommen, dennoch dürfen sie ihre Betriebe weiter öffnen. Nicht alle im Kreis Gießen finden das gut.

Den Umhang nach jeder Kundin wechseln, die Handtücher sowieso. Vor dem Haarschnitt Hände waschen. Nach dem Haarschnitt Hände waschen. Außerdem desinfizieren, desinfizieren, desinfizieren.... Das Friseurhandwerk ist von der Corona-Krise stark betroffen.

Und die Betriebe stecken in einem Dilemma. Auf der einen Seite sind sie nicht von den angeordneten Schließungen betroffen, dürfen ihre Salons also weiterhin öffnen. Auf der anderen Seite gehören sie zu einer Berufsgruppe, die der Kundschaft nahekommen muss. Die Gewerkschaft Verdi hat mit Blick auf die gesundheitlichen Risiken für Mitarbeiter und Kunden bereits die Schließung der Betriebe gefordert und sich gleichzeitig für "gute und schnelle Lösungen" ausgesprochen, um Beschäftigten und Betreibern die "nackte Existenzangst" zu nehmen.

Positionen gehen auseinander

Innerhalb der Branche allerdings gehen die Positionen auseinander. Die einen würden lieber heute als morgen schließen. Andere wollen durchhalten und sich nicht auf Vater Staat verlassen. Auch auf Ebene des Landesinnungsverbands Friseurhandwerk läuft die Diskussion. Man befinde sich in der "Erkenntnisphase" und habe sich noch keine abschließende Meinung gebildet", teilt Geschäftsführer René Hain auf Anfrage mit.

Evelyn Scheld, die Obermeisterin der Friseurinnung Gießen, kennt die Nöte ihrer Kolleginnen und Kollegen. "Eigentlich ist es ja gut, dass wir weiter öffnen dürfen", sagt sie. Aber die Umstände seien schwierig. Und eine Schließung auf eigene Faust hätte für die Betriebe fatale Folgen. Weil die Friseure unter die Ausnahmeregelung fallen, können sie in der gegenwärtigen Situation nicht auf staatliche Unterstützung hoffen. Den Einnahmeausfall müssten sie alleine schultern. "Für viele geht es ums Überleben", weiß Björn Hendrischke, der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Gießen.

Dirk Müssig gehört zu jenen, die eine radikale Lösung bevorzugen würden. "Alles zwei oder drei Wochen lang komplett zu und hoffen, dass es dann besser ist", sagt der Inhaber eines Salons in der Hungener Obertorstraße. Aber solange die Lage so ist, wie sie ist, versucht er, mit ihr zurechtzukommen. Neben ausgedehnten Hygienemaßnahmen heißt das vor allem: Abstand halten. Zwischen Friseur und Kunde geht das natürlich nicht. Aber zwischen Kunde und Kunde schreibt das Robert-Koch-Institut einen Mindestabstand von 1,5 Metern vor, die Zahl also, die für alle Dienstleister geboten ist.

Müssig achtet darauf, den Publikumsverkehr in seinem Salon zu kanalisieren. Die Kunden, die bereits Termine haben, werden weit auseinander gesetzt. Die anderen werden bedient, wenn der Laden wieder leer ist. "Und wir sprechen mit den Leuten über die Risiken", sagt der Inhaber, der auch Ortsvorsteher von Langd ist.

Problem: Desinfektionsmittel sind rar

Zur Reaktion der Kunden gibt es unterschiedliche Aussagen. Von "hohen Umsatzrückgängen" ist in einer Pressemitteilung der Kreishandwerkerschaft Gießen die Rede. Aus einzelnen Salons hört man dagegen von einer nach wie vor guten Auftragslage.

Auch Obermeisterin Scheld, die ihren Salon im Rosenweg in Reiskirchen vor gut einem Jahr an ihre Nachfolgerin Olga Will übergeben hat, dort aber weiterhin einmal wöchentlich mitarbeitet, spricht von bislang nur vereinzelten Absagen. Das seien dann eher ältere Leute, die von ihren Kindern ermahnt werden: "Mama, du musst jetzt nicht zum Friseur."

In einem Punkt sind sich aber alle Gesprächspartner einig: Die Nachbestellung von Desinfektionsmitteln gestaltet sich schwierig. "Wenn man es bekommt, dann nur zu einem exorbitanten Preis", sagt Björn Hendrischke. Wohl dem, der noch genügend auf Lager hat. Mundschutz sei überhaupt nicht mehr verfügbar, berichtet Dirk Müssig. Er hält ihn allerdings, wie auch manche Experten, im Alltag sowieso für wenig zielführend.

Und so bleibt dem Friseurhandwerk in diesen Tagen nichts anderes übrig, als die weitere Entwicklung abzuwarten. "Vielleicht ist in zwei Tagen eh schon alles zu", sagt Müssig. Obermeisterin Scheld allerdings hat für sich eine Entscheidung getroffen. Sie ist 69 Jahre alt und wird in den kommenden Wochen vorerst nicht mehr im Salon helfen. "Das musste ich meinen Kindern versprechen."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare