Aufgrund der Kritik am Betriebsablauf im Corona-Testcenter in der Gießener Rivers-Sporthalle drängt der Kreis nun beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen auf Verbesserungen. (Archivfoto)
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Aufgrund der Kritik am Betriebsablauf im Corona-Testcenter in der Gießener Rivers-Sporthalle drängt der Kreis nun beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen auf Verbesserungen. (Archivfoto)

Corona-Tests

Furcht vor Infektion im Corona-Testcenter ‒ Kreis reagiert auf massive Kritik

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ein Getesteter erhebt schwere Vorwürfe: Das Corona-Testcenter in Gießen berge eine hohes Infektionsrisiko. Die Zuständigen spielen sich den Ball gegenseitig zu.

Gießen - Der Vorwurf wiegt schwer: »Ich habe mich noch nie so corona-unverantwortlich verhalten wie im Gießener Testcenter«, sagt Johannes Schöning - und das sei wegen der Bedingungen vor Ort nicht anders möglich gewesen. Zweimal hat er sich kürzlich dort testen lassen, eigentlich sollten ihm die Negativ-Befunde ein Stück Sicherheit geben. Stattdessen, erzählt der Vater aus Gießen, mache er nun täglich Tests, fürchte ein positives Ergebnis - und denke darüber nach, in diesem Fall Anzeige »wegen Körperverletzung« zu erstatten.

Anlass der Testung waren Corona-Fälle in der Kita, die seine Tochter besucht. Das Kreis-Gesundheitsamt habe daraufhin über die Kita einen Termin für die Testung dort betreuter Kinder am 11. März mitgeteilt, berichtet Schöning. Auch er und seine schwangere Frau hätten sich bei dieser Gelegenheit testen lassen, dann ein zweites Mal am vergangenen Samstag (20.03.2021). Der Grund: Die Tochter brauche ein negatives Testergebnis, um nun nach Ende der Isolation die Kita wieder besuchen zu können.

Kritik an Abläufen im Testcenter in Gießen: Corona-Warnapp schlägt nach Besuch an

»Eigentlich läuft es ja gar nicht so schlecht«, blickt er auf den Testcenter-Besuch in Gießen am Samstag zurück. »Man wartet draußen, wird dann reingebeten« - soweit sei »alles gut«. Doch innerhalb der umfunktionierten Sporthalle sei das anders. »Im Wartebereich ist überhaupt nichts organisiert«, kritisiert Schöning. Zwar seien die Stühle für Wartende mit Abstand gestellt und es bestehe Maskenpflicht. Doch die zu Testenden rückten von Stuhl zu Stuhl, bis sie an der Reihe sind. Kinder liefen umher, was freilich kaum zu vermeiden sei. Von Desinfektionsmaßnahmen sei nichts zu sehen.

Angesichts einer Verweildauer von bis zu einer Stunde im Wartebereich im Testcenter in Gießen, gemeinsam mit etlichen anderen, fürchtet er ein erhebliches Infektionsrisiko - zumal auch Menschen mit positivem Schnelltest dort auf ihren PCR-Test warten. Bei ihm, seiner Frau und anderen Kita-Eltern habe nach dem Besuch am Samstag die Corona-Warnapp angeschlagen. Im Center habe er einen Anweiser auf die Situation hingewiesen - und die Antwort bekommen, er könne ja gehen, wenn es ihm nicht passe.

Corona-Testcenter in Gießen: Zeit im Warteraum „relativ unnötig“

Aktuell treffe er sich nicht mit anderen, betont Schöning. Falls er nun positiv getestet werde, sei er daher sicher, dass die Ansteckung nur am Samstag im Testcenter in Gießen stattgefunden haben könne. Besorgt ist er auch mit Blick auf seine Tochter: Die Quarantäne sei für sie »richtig schlimm« gewesen. Wenn sich nur ein Kita-Kind oder Elternteil im Testcenter angesteckt habe, müsse sie das womöglich noch einmal durchmachen.

Eine Feststellung ist Schöning wichtig: Keineswegs wolle er dem ärztlichen Personal einen Vorwurf machen - und ebensowenig den Betrieb im Testcenter in Gießen generell infrage stellen. »Mir ist völlig klar, dass man das nicht perfekt machen kann - aber so passt es halt einfach nicht.« Der letzte Schritt vor der Testung, also die Zeit im Warteraum, sei »relativ unnötig.«

Nachbesserungsbedarf im Corona-Testcenter in Gießen

Der Landkreis ist den Vorwürfen inzwischen nachgegangen: Das Gesundheitsamt habe die Kita-Reihentestung am 11. März veranlasst, bestätigt Kreis-Sprecher Dirk Wingender. Nach Abstimmung habe das Amt die Umsetzung dann an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen überwiesen, der die Testung »vorgenommen hat und den Ablauf sicherzustellen hatte«.

Auch aus Kreis-Sicht gibt es Nachbesserungsbedarf: »Das Gesundheitsamt hat den ÄBD nach den vorliegenden Erkenntnissen aufgefordert, umgehend durch geeignete Vorkehrungen dafür Sorge zu tragen, dass es zu keinen Kontakten zwischen wartenden Personen kommt, die ein Infektionsrisiko bergen«, so Wingender. Nun sollten PCR-Testungen ausgebaut werden, die außerhalb der ÄBD-Betriebszeiten in Kooperation mit DRK und Johannitern erfolgen und vom Gesundheitsamt veranlasst werden.

Kritik an Abläufen im Testcenter in Gießen: KV sieht Verantwortung beim Kreis

Die KV verweist dagegen darauf, dass man auf den Test-Betrieb kaum Einfluss habe, spielt den Ball zurück: »Der Landkreis steuert die Kontaktpersonen und bestellt beispielsweise ganze Kitas zu vollen Stunden ein. Davon erfahren wir in der Regel erst am gleichen Morgen per Fax. Es findet keinerlei Taktung statt«, äußert sich KV-Sprecher Karl Roth auf Anfrage.

Die KV vergebe keine Termine, könne die Menge vor Ort nicht steuern. »Die Personen warten vor der Tür und werden von der Security eingelassen«, so Roth. Die Securitiy-Firma sei vom Kreis beauftragt. Inwiefern sieht die KV Optimierungsbedarf bei den Abläufen? Man habe der Servicestelle des Landkreises das »Testmobil« für Auftragstestungen - etwa bei Kitas - als Alternative zum bisherigen Vorgehen angeboten, äußert sich Roth dazu.

Ähnliche Erfahrung

Ein anderer Vater aus dem Kreis Gießen berichtet von ähnlichen Erfahrungen: Nach einem Positiv-Befund eines Kindes in einer Kita sei eine Quarantäne-Anordnung ergangen und eine Reihentestung im Testcenter erfolgt. Er habe sich vor Ort etwa eine Dreiviertelstunde mit seinen Kindern im Wartebereich aufgehalten. Eine vorgesehene Reihenfolge habe er nicht erkennen können, mitunter sei von Stuhl zu Stuhl nachgerückt worden. Kinder seien umhergelaufen, hätten mit wenigen Ausnahmen keine Maske getragen. »Ich habe gedacht: Wenn ich noch nicht infiziert bin - jetzt bestimmt«, sagt der Vater.

Corona-Testcenter in Gießen: Zuständigkeit kompliziert

Die Stühle im Wartebereich im Testcenter in Gießen seien nicht in einer Reihe angeordnet, »sodass eigentlich ein Nachrücken nicht passieren sollte«, sagt der KV-Sprecher. Gleichwohl räumt er ein: »Natürlich kann es aber je nach Andrang zu der Vermischung von Auftragstestungen, symptomatischen Patienten und Schnelltestwilligen in den Wartebereichen kommen« - also zu jener Situation, die Schöning erlebt hat und die ihn nun bangen lässt. Dass die Zuständigkeit im Testcenter kompliziert ist, Kreis und KV Hessen als beteiligte Akteure auf den jeweils anderen verweisen, dürfte ihm seine Sorge kaum nehmen.

Immerhin: Am Freitag hat Schöning eine »sehr persönliche E-Mail« vom Kreis erhalten, wie er sagt. Man habe sich gewissermaßen bei ihm entschuldigt und wolle nun auf seine Schilderung reagieren. (Jonas Wissner)

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