Betreuungskräfte aus Osteuropa sind in der Pflege unverzichtbar. Doch was, wenn sie plötzlich nicht mehr kommen?
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Betreuungskräfte aus Osteuropa sind in der Pflege unverzichtbar. Doch was, wenn sie plötzlich nicht mehr kommen?

Pflegekräfte

Corona-Krise im Landkreis Gießen: Plötzlich ohne Pflegekraft

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Pflegekräfte aus Osteuropa sind unverzichtbar. Ohne sie würde die Betreuung älterer Menschen in Deutschland zusammen brechen. Doch die Corona-Krise bringt auch dieses System ins Wanken.

Die drei Geschwister haben ihr Elternhaus im Gießener Umland schon vor Jahrzehnten verlassen. Sie alle wohnen jetzt mehrere hundert Kilometer entfernt. Ihren alten und zunehmend hilfsbedürftigen Vater besuchen sie regelmäßig an den Wochenenden. Im Alltag wissen sie ihn in guten Händen. Zwei Frauen aus Polen wohnen abwechselnd bei ihm im Haus und sorgen für sein Wohlergehen. Dieses System war lange Zeit stabil. Jetzt, in der Corona-Krise, ist es ins Wanken geraten. Die Helferin, die aktuell den Haushalt führt, wird nach Ostern heim zu ihrer Familie reisen. Und ihre Kollegin will nicht zurück nach Deutschland kommen. Jetzt sucht die Familie fieberhaft nach einer Lösung. In Zeiten von Corona ist das mehr als schwierig.

Reisemöglichkeiten stark eingeschränkt

Auch Pejman Sharif-Pour kennt solche Fälle. Dem Inhaber von Sonnenschein Betreuungen in Grünberg wird in der aktuellen Krise viel Improvisationstalent abverlangt. "Auch unsere Firma ist betroffen", erzählt er. Das Unternehmen vermittelt rund 300 selbstständige Betreuungskräfte aus Polen, Litauen und Kroatien. Dass manche davon in der aktuellen Krise kurzfristig ausfallen, hat laut Sharif-Pour unterschiedliche Gründe.

Einer sind die sehr eingeschränkten Reisemöglichkeiten; Polen und Litauen haben sich weitgehend abgeschottet. Ein anderer ist schlicht und ergreifend Angst. In den polnischen Medien werde sehr eindringlich vor der Corona-Gefahr in Deutschland gewarnt, erzählt der Grünberger. Er muss es wissen. Seine Frau stammt aus Polen, er selbst spricht fließend polnisch und nimmt die Nachrichten im polnischen Fernsehen zur Kenntnis. Dort werde sehr drastisch über die Lage in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien und die Ansteckungsgefahr berichtet. Manche bleiben deshalb lieber daheim, wo die Zahl der Krankheitsfälle deutlich niedriger liegt. Manche haben aber auch einfach keine Möglichkeit mehr, nach Deutschland zu kommen. Die gern genutzten Linienbusse haben ihren Betrieb eingestellt. "Der letzte Sindbad-Bus ist Freitag vor einer Woche gefahren", berichtet Sharif-Pour. Auch die privaten Transportunternehmen, die mit ihren Kleinbussen die Betreuungskräfte teilweise von Haustür zu Haustür brachten, verkehren nur noch sehr reduziert.

Diese Situation hat aber auch einen umgekehrten Effekt. Manche Helferinnen kommen jetzt nicht mehr nach Hause, andere scheuten, solange es noch ging, vor der Busfahrt und den vielen Kontakten auf engem Raum zurück. Der Chef von Sonnenschein weiß von zehn bis 15 Fällen, in denen Betreuerinnen, die eigentlich schon Ende März heimfahren wollten, ihre Verträge bis Ende Mai verlängert haben. Ein Glück für die Familien, aber teilweise emotional schwierig für die Betroffenen, die die Osterfeiertage nicht, wie erhofft, daheim verbringen können.

Bei Sonnenschein Betreuungen hat man es vergleichsweise noch gut. Das Geschäftsmodell der vor gut fünf Jahren gegründeten Firma basiert nach Angaben des Inhabers nur zu etwa 60 Prozent auf der Vermittlung von Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Das Unternehmen beschäftige daneben auch zehn Mitarbeiter für haushaltsnahe Dienstleistungen. Auf sie könne man nun zählen. "Wenn eine 24-Stunden-Kraft ausfällt, können wir den Familien zumindest eine stundenweise Betreuung anbieten", sagt Sharif-Pour.

Das gehe aber nur bei Klienten, die rund um Grünberg leben, und auch nur in eingeschränkter Form. "Größeren pflegerischen Aufwand oder eine nächtliche Rufbereitschaft können wir nicht leisten." Einer Handvoll Familien, die weiter weg wohnen, musste Sharif-Pour absagen. Sie werden, so schwer es ist, ihr Problem wohl irgendwie intern lösen müssen, denn auf Unterstützung von außen können pflegende Angehörige momentan kaum zählen.

"Die Lage ist katastrophal", weiß Andrea Kramer von der Beratungs- und Koordinierungsstelle für ältere und pflegebedürftige Menschen (BeKo). Der durch Personalmangel bedingte Pflegenotstand habe sich durch die Corona-Krise noch einmal drastisch verschärft. Sie rät Familien, sich auf das zu konzentrieren, was existenziell ist und bei anderen Dingen auch mal Abstriche zu machen. "Aufs Essen und auf ihre Medikamente können ältere Menschen nicht verzichten. Aber das Badezimmer muss nicht dauern geputzt werden."

Bei Sonnenschein Betreuungen in Grünberg fahren die Verantwortlichen auf Sicht. "Für April steht die Organisation", sagt der Chef. Alles weitere hängt von zwei Fragen ab: Führt Polen die Reisebeschränkungen auch nach dem 13. April fort? Und wie entwickelt sich die Lage in Deutschland? In einem Punkt ist sich der Grünberger gewiss: "Das ist kein Problem, das nach Ostern einfach gelöst ist."

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