Corona-Fälle Seniorenheime Hessen
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Ein Ende der bedrohlichen Situation für Bewohner von Seniorenzentren ist in Sicht. 918 Bewohner und 644 Mitarbeiter in Pflegeheimen des Kreisgebiets wurden in den vergangenen Tagen gegen das Coronavirus geimpft (Symbolbild).

Appell zu mehr Wertschätzung

Corona im Kreis Gießen: Pflegeheime stehen unter großem Druck - Mitarbeiter lehnen Impfung teils ab

  • VonStefan Schaal
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In bereits 18 Seniorenzentren im Kreis Gießen wurden Bewohner gegen Corona geimpft, zahlreiche Pfleger lehnen die Schutzimpfung hingegen ab. Immer noch stellt sich die Frage: Warum trifft die Pandemie die Heime so hart?

Gießen – Erna Kollin greift am 23. Dezember im Seniorenzentrum in der Neuen Mitte in Pohlheim zum Telefonhörer und ruft bei ihrer Familie an. »Es geht mir schlecht«, berichtet die 85 Jahre alte Frau. Sie ist mit dem Coronavirus infiziert. Die Frau leidet zu dem Zeitpunkt unter Übelkeit, sie ist umgekippt. Es ist das letzte Gespräch mit ihrer Familie. Sechs Tage später ist sie tot.

Pflegeheime im Kreis Gießen: Angehörige vermissen Aufklärung

In den Worten ihrer Enkelin Karolin Yekda klingen Trauer, Ärger und Verwunderung, als sie von den verzweifelten Versuchen während der Weihnachtsfeiertage erzählt, ihre Oma zu kontaktieren oder zumindest Informationen über ihren Gesundheitszustand zu erhalten. An Heiligabend meldet sich das Uniklinikum Gießen wegen einer Patientenverfügung, aus Datenschutzgründen könne man über die Großmutter aber keine Auskunft geben.

Die Pflegekräfte gehen nicht mehr auf dem Zahnfleisch. Sie haben keins mehr.

Bernd Klein, Oberhessisches Diakoniezentrum

Danach habe die Familie nur noch die Mitteilung über den Tod Kollins erreicht, berichtet die Enkelin. »Wir haben die Leitung des Pflegeheims mehrfach um Aufklärung gebeten. Aber wir haben keine Antwort erhalten.«

Die Familie habe erst Bescheid bekommen, »als wir die Gegenstände meiner verstorbenen Großmutter wie Fernseher, Kühlschrank und Kleidung abholen sollten«. Die Enkelin sagt: »Für die Pflegeeinrichtung ist damit der Fall abgehakt.«

Pflegeheime im Kreis Gießen: Druck auf die Einrichtungen ist hoch

Eine Sprecherin der Trägergesellschaft, der Alloheim Senioren-Residenzen SE, widerspricht den Vorwürfen. In dem Pohlheimer Seniorenzentrum würden Angehörige regelmäßig auf dem Laufenden gehalten, erklärt sie. »Unsere Einrichtungen kommunizieren hier sehr transparent.« Der Leiterin der Einrichtung seien keine Fälle bekannt, in denen Auskünfte verweigert wurden. »Angehörigen wird zum Beispiel auch jederzeit die Möglichkeit gegeben sich im Rahmen der Sterbebegleitung zu verabschieden.«

Die Schilderungen der Enkelin lassen dennoch die Ausnahmesituation erahnen, in der sich viele Pflegeheime derzeit befinden - und wie schwierig die Lage gleichsam für Bewohner und deren Angehörige ist. »Der Druck auf die Einrichtungen ist hoch - und gleichzeitig sind Pflegeheime personell nicht auf Rosen gebettet«, sagt Daniel Bauer, Sprecher und Prokurist der AWO Hessen-Süd, die als Träger unter anderem für das Heinz-Ulm-Haus in Langgöns zuständig ist.

Bisher sind 30 bis 40 Prozent der Pflegekräfte bereit, sich impfen zu lassen.

Daniel Bauer, AWO Hessen-Süd

Bauer weist auf die derzeit zunehmend hohe Bedeutung hin, Pflegekräfte zu unterstützen. »Sie brauchen das Gefühl der Entlastung. Damit sie wieder mehr Zeit haben, sich um die Menschen in den Heimen zu kümmern.« Medizinstudenten oder Bundeswehrsoldaten könnten zumindest bei den Tests von Besuchern aushelfen und sollten ohne hohen Verwaltungsaufwand engagiert werden können, schlägt Bauer vor.

Wie belastend die aktuelle Situation für Pflegekräfte ist, verdeutlicht Bernd Klein. »Wir leben nur noch für Corona«, sagt der Leiter des Oberhessischen Diakoniezentrums, das drei Seniorenzentren mit 237 Bewohnern in Lich, Hungen und Laubach betreibt. »Die Pflegekräfte gehen nicht mehr nur auf dem Zahnfleisch. Sie haben gar keines mehr.«

Pflegeheime im Kreis Gießen: Hätten Corona-Ausbrüche verhindert werden können?

Und doch stellt sich auch die Frage, wie es in den vergangenen Wochen zu so vielen und so heftigen Corona-Ausbrüchen in Seniorenzentren wie in Lollar, Fernwald, Pohlheim und Linden kommen konnte, obwohl die Pflegeheime bereits seit März durch zahlreiche Infektionen und Todesfälle in Einrichtungen in Bayern vorgewarnt sein mussten.

Trotz der Kenntnis solcher Fälle und trotz aller Kontaktbeschränkungen sei es nicht möglich, Infektionen völlig auszuschließen, betont AWO-Sprecher Bauer. »Es gibt dann immer noch viel Verkehr. Bewohner müssen ins Krankenhaus transportiert werden, Ärzte und Therapeuten besuchen das Heim. Und die Mitarbeiter haben ein Familienleben.« Durch Schnelltests gelinge es immer wieder, infizierte Mitarbeiter zu erkennen und sofort unter Quarantäne zu stellen. Schnelltests sind allerdings nicht völlig zuverlässig, wenn keine Symptome vorliegen. Man könne durch Hygienemaßnahmen, FFP2-Masken und Schnelltests nur die Gefahr minimieren. »Sie können das Virus nicht aussperren«, betont auch Klein. Der Betrieb eines Pflegeheims sei eben auf soziale Kontakte angewiesen.

Vor wenigen Tagen hatte der Ärztliche Direktor der Licher Asklepios-Klinik gegenüber dieser Zeitung erklärt: In mancher Hinsicht sei man gegen das Virus „machtlos“. Vor allem, wenn der Ursprung der Infektion nicht gleich festzustellen sei. „Im Altenheim ist das extrem schwierig“, Bei einem Mitarbeiter oder einem Besucher ohne Symptomen könne der Schnelltest eben ein negatives Ergebnis haben. „Der Mitarbeiter geht dann ins Seniorenzentrum, pflegt, tut seine Arbeit, viele Bewohner sind geschwächt oder vorerkrankt, dann gibt es gemeinsame Essen. Da kann sich das Virus mit seiner hohen Ansteckungsrate extrem schnell ausbreiten.“

Nach dem Tod meiner Großmutter haben wir das Pflegeheim um Aufklärung  gebeten. Wir haben bis heute keine Antwort. 

Karolin Yekdar

Das im Kreis aktuell am schwersten betroffene Seniorenzentrum ist das »Haus am grünen Weg« in Lollar, das vor einer Woche 98 infizierte Bewohner und 43 Mitarbeiter vermeldete. »Die Besonderheit in Lollar ist, dass mehrere Mitarbeiter in WGs zusammenleben und zum Personal auch Familien gehören«, erklärt Tanja Kurz, Sprecherin der Trägergesellschaft Korian.

Leiter von Pflegeheimen und Sprecher der Trägergesellschaften äußern indes Verbesserungsbedarf. AWO-Prokurist Bauer vermisst »eine klare Linie« und einheitliche Regeln, beispielsweise was die Tests von Besuchern angeht. Nur für Mitarbeiter sind bisher wöchentliche Schnelltests verbindlich.

Pflegeheime im Kreis Gießen: 918 Bewohner und 644 Mitarbeiter geimpft

Währenddessen sind in den Seniorenzentren im Kreis die Schutzimpfungen angelaufen. Mobile Impfteams haben bisher 18 von 28 Pflegeheimen besucht, 918 Bewohner und 644 Mitarbeiter wurden gegen das Coronavirus geimpft. Die Impfung laufe hessenweit gut, berichtet Bauer von der AWO. Unter den Bewohnern ließen sich rund 95 Prozent impfen. Gleichzeitig erklärten sich dazu allerdings nur 30 bis 40 Prozent der Pfleger bereit. Viele hätten Bedenken, weil der Impfstoff sehr kurzfristig entwickelt worden ist. »Keiner ist zum Impfen verpflichtet«, sagt Bauer. »Wir müssen dafür werben.« In den kommenden Wochen werde die Bereitschaft steigen, ist er sicher.

Eine Sprecherin des Landkreises erklärt hingegen, die Impfbereitschaft unter Bewohnern und Mitarbeitern in Pflegeheimen sei »sehr hoch«. Wer eine Corona-Infektion überstanden hat, werde nicht geimpft, anderen bleibt dies aus medizinischen Gründen verwehrt. Außerdem werde immer nur ein Teil der Mitarbeiter in Seniorenzentren geimpft, »damit im Falle auftretender Impfreaktionen ausreichend Pflegekräfte zur Verfügung stehen«. Bedingt dadurch liege die Impfquote unter Bewohnern bei rund 61 Prozent und bei den Mitarbeitern bei 42 Prozent.

Pflegeheime im Kreis Gießen: Beruf „schon immer systemrelevant“

Könnten Pflegekräfte, die eine Impfung auch zukünftig kategorisch ablehnen, später auf berufliche Probleme stoßen - beispielsweise wenn sie sich in einem Seniorenzentrum bewerben? Vermutlich nicht, weil der Bedarf an Pflegern hoch ist. »Der Beruf war schon immer systemrelevant«, betont Klein vom Oberhessischen Diakoniezentrum. Mittelfristig müsse es aber zu einer anständigen Bezahlung kommen. Eine Altenpflegerin verdient in Vollzeit durchschnittlich 2621 Euro brutto im Monat, arbeitet im Schichtbetrieb, Überstunden sind derzeit Alltag. »Es reicht nicht, Pflegekräften Beifall zu klatschen«, ruft Klein zu mehr Wertschätzung auf.

ZAHLEN UND FAKTEN ZUM IMPFEN

Das Impfzentrum des Landkreises Gießen hat bis zum 7. Januar insgesamt 2840 Impfdosen erhalten. Die Liefermenge teilt sich auf in 1150 Impfdosen für das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) sowie 1690 Impfdosen für das Impfzentrum in Heuchelheim. Vom Impfzentrum aus haben mobile Impfteams bisher 18 von 28 Pflegeheimen im Landkreis besucht. Dort wurden 918 Bewohner und 644 Mitarbeiter geimpft. »Die aktuell 1562 geimpften Bürger sind ein kleiner erster Schritt in Richtung Ende der Pandemie«, sagt Landrätin Anita Schneider.

Für die mobilen Impfteams sind derzeit täglich vier Ärzte, vier medizinische Fachkräfte und vier Verwaltungsfachkräfte im Einsatz. Die Servicestelle »Mobiles Impfen« ist jeden Tag von 6 bis 23 Uhr in zwei Schichten mit insgesamt vier Mitarbeitern besetzt. In der Verwaltung, IT, Logistik und Leitung arbeiten 15 Mitarbeiter im Mehrschichtbetrieb.

Das Impfzentrum in Heuchelheim wird ab dem 19. Januar in Betrieb gehen. Neben den über 80-Jährigen werden als Erste auch die Mitarbeiter der Rettungsdienste und der mobilen Altenpflegedienste geimpft.

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