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In der Bevölkerung sei noch nicht »das Bewusstsein« angekommen, dass eine neue Variante des Virus grassiert, »die ansteckender und tödlicher ist«, sagt Dr. Anja Hauri vom Gesundheitsamt des Landkreises.

Corona-Krise

Corona im Landkreis Gießen: Gesundheitsamt fordert „massive“ Verhaltensänderung der Bevölkerung

  • vonStefan Schaal
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Die Pandemie grassiert zunehmend in Betrieben des Kreisgebiets. Dr. Anja Hauri vom Gesundheitsamt Gießen und Landrätin Anita Schneider sprechen von »deutlich mehr Ausbrüchen« des Virus in heimischen Firmen, vor allem in Bereichen der Produktion. Sie plädieren für schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie.

Gießen - Die Zahl, die nun seit einem guten Jahr jeden Tag die größte Aufmerksamkeit im Kreis auf sich zieht, ist gesunken. Vorerst. Bei 164,8 liegt die Inzidenz im Gießener Land nun. Doch unaufhaltsam wächst gleichzeitig ein Gefühl von Pandemiemüdigkeit. Kritische Stimmen werden lauter. Und Zweifel in der Bevölkerung an der Corona-Politik.

Auch Landrätin Anita Schneider und Dr. Anja Hauri, die Leiterin des Fachdiensts Hygiene im Gesundheitsamt des Landkreises, beobachten die Entwicklung. Die Wissenschaftlerin Hauri lässt allerdings keinen Zweifel daran, was aus ihrer Sicht notwendig ist: »Ich glaube, dass es den harten Lockdown braucht.«

Hauri und Landrätin Anita Schneider sitzen in einem großen Raum der Kreisverwaltung am Riversplatz. Schneider stimmt ihrer Mitarbeiterin zu, was einen harten Lockdown angeht. »Wir hätten eine schnellere und bessere Wirkung gegen die Pandemie«, sagt sie.

Es ist erst sechs Wochen her, als die Landrätin in einem Interview erklärt hat: »Wir haben die Lage aktuell im Griff.« Der Satz stammt aus einer scheinbar anderen Zeit. Die Situation schien damals wesentlich aussichtsvoller, auch wenn Wissenschaftler bereits eindringlich vor der dritten Welle und weit gefährlicheren Mutationen warnten. Die Inzidenz aber lag bei 49,1.

Corona im Landkreis Gießen: Verhalten der Bevölkerung müsse sich „massiv“ ändern

Die Situation habe sich geändert, sagt die Landrätin. In der Bevölkerung sei allerdings noch nicht »das Bewusstsein« angekommen, »dass wir jetzt eine neue Variante des Virus haben, die ansteckender und tödlicher ist«, erklärt Hauri. Es seien mehr Vorkehrungen zum Schutz vor der Pandemie notwendig. »Die Frage, ob wir die Lage im Griff haben, hängt davon ab, wie sich in der Bevölkerung das Verhalten ändert.« Dann fügt Hauri hinzu: Das Verhalten müsse sich »massiv« ändern.

Hauri berichtet auch, dass das Virus derzeit zunehmend in Betrieben grassiere, sie spricht von »deutlich mehr Ausbrüchen« in heimischen Unternehmen. Zahlen und konkrete Unternehmen nennt Hauri nicht. Doch sie macht deutlich, dass die Lage bedrohlich sei. »Wenn Menschen Zeichen einer Erkältung spüren, gehen sie häufig immer noch zur Arbeit«, beklagt sie.

Corona im Kreis Gießen: Für weitreichende Vorkehrungen dem Kreis die Hände gebunden

Rufe nach strengeren Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie werden zunehmend auch an den Landkreis gerichtet. Für weitreichende Vorkehrungen seien dem Kreis aber die Hände gebunden, betont die Landrätin. »Wir müssen uns am Eskalationskonzept des Landes Hessen orientieren«, erklärt sie.

Vor zwei Wochen indes hat der Landkreis einen Versuch unternommen, um die Bevölkerung mit einer Maßnahme zu mehr Schutzvorkehrungen vor Corona anzuleiten. Er ist dabei gescheitert. Innerhalb weniger Stunden hat der Landkreis die Bestimmung zurückgenommen, Schnelltests als Pflicht einzuführen, um Geschäfte wie Friseursalons, Fitnessstudios und Baumärkte betreten zu dürfen, Aus der Pflicht wurde eine Empfehlung.

Anita Schneider

Es sei eine »Fehleinschätzung« gewesen, räumt Schneider ein. Weil man in Laubach, wo die Inzidenz zwischenzeitlich Werte über 800 erreichte, mit einer Schnelltestpflicht gut gefahren sei. Daher habe man gedacht, dass die Maßnahme auch kreisweit »auf Akzeptanz treffen könnte«. Der Schritt sei durch keine Verordnung abgesichert gewesen, erklärt die Landrätin. »Er wurde von vielen Menschen als Einschränkung ihrer Freiheit empfunden. Damit ist ein solcher Schritt schnell juristisch anfechtbar.«

Auf die Frage, ob der Kreis Fehler in der Bekämpfung der Pandemie begangen hat, schweigt die Landrätin zunächst, für 20 Sekunden herrscht Stille. »Wir sind alle nicht als Experten dieser Pandemie auf die Welt gekommen«, sagt sie dann.

Neben der Inzidenz, die täglich die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht, gaben Ende Februar andere Zahlen Rätsel auf: 8669 Menschen hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt mit dem Virus im Gießener Land infiziert. 321 von ihnen waren verstorben, was 3,7 Prozent aller Infizierten entsprach und die bundesweiten Sterblichkeitsrate in Höhe von 2,9 deutlich übertraf.

Corona im Landkreis Gießen: Zahlen für Pflegeheime zuverlässiger als bundesweit?

Gibt die Zahl einen Hinweis darauf, wie sehr die Pandemie in Seniorenzentren vor allem im Kreisgebiet wütete und im bundesweiten Vergleich deutlich mehr Todesopfer forderte? Hauri vom Gesundheitsamt widerspricht. »Ich glaube nicht, dass die Sterblichkeit bei uns höher ist«, erklärt sie. »Das ist ein reines Erfassungsproblem.«

Der Landkreis habe viel investiert, um zu den richtigen Zahlen zu kommen. »Auch bei den Pflegeheimen waren wir sehr stark hinterher, dass die Todesfälle infolge einer Corona-Infektion gemeldet wurden.« Sie denke, »dass die Zahlen hier im Kreis Gießen genauer und zuverlässiger sind als bundesweit«.

So deutlich Schneider und Hauri den Wunsch nach einem harten Lockdown formulieren, so klar mahnt die Landrätin gegen Ende des Gesprächs zu mehr Eigenverantwortung der Menschen im Kreis. »Die Pandemie hat viel mit dem Verhalten der Menschen zu tun.«

Das sei ein Schlüssel, sagt sie. »Dass man sich als ein Teil des Ganzen begreift, der etwas tun kann, damit es besser wird.«

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