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Die Grünberger Straße (B 49) in Reiskirchen ist eine stark frequentierte Strecke, davon profitiert Jannik Wißner als Betreiber der Waschanlage.

Corona-Delle in der Waschanlage

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Seit 2020 führt der Kesselbacher Jannik Wißner die Waschanlage an der B 49 in Reiskirchen. Die Corona-Krise hat auch ihn hart getroffen, zuletzt profitierte er vom sonnigen Wetter - und erklärt, wie sich das Waschgeschäft verändert hat.

Für viele Kinder ist es ein aufregendes Erlebnis, für manche Erwachsene eher eine Pflichtaufgabe, um Vogelkot und Co. loszuwerden: Ein paar Meter durch die Waschanlage rollen, das Auto abschrubben und -spritzen lassen, bis es wieder blitzblank ist.

Für Jannik Wißner ist diese Prozedur beruflicher Alltag. 2020 hat der 29-Jährige die Waschanlage an der B 49 in Reiskirchen übernommen. Ein mutiger Schritt in die Selbstständigkeit, aber nicht sein erster: Noch während der Ausbildung zum Elektroniker hat er für einen befreundeten Gerüstbau-Unternehmer die Pflege des Fuhrparks übernommen - und sich nicht nur in seinem Heimatort Kesselbach einen Ruf als Auto-Aufbereiter erarbeitet. »Angefangen habe ich bei meinen Eltern in der Garage, anders wäre das nicht möglich gewesen«, blickt Wißner dankbar zurück. Dann ging es in einer größeren Halle weiter. Spezialisiert hat er sich auf »hochklassige Fahrzeuge«, darunter viele Oldtimer. Die Palette reicht von Waschen und Polieren bis Lederreparatur und Lackpflege. Heutzutage würden viele Autos geleast, sagt Wißner - und viele sähen es mit der Pflege nicht ganz so eng, wenn ihnen das Auto selbst nicht gehöre. Gegen Ende der Vertragslaufzeit hätten es manche aber sehr eilig: »Wenn dann der Gutachter kommt, wird jede Schramme berechnet, da kann man durch eine professionelle Aufbereitung schon Geld sparen.«

Die Aufbereitung in Kesselbach betreibt er nach wie vor, setzt weitgehend auf Mundpropaganda in der Oldtimer-Szene. Vor etwa anderthalb Jahren kam die Waschstraße hinzu - und Wißner konnte noch nicht wissen, als wie ungünstig sich dieser Zeitpunkt erweisen sollte. »Da gab es viel Regen und es war lange kalt - das ist schlecht für uns.« Vor allem erwischte dann die Corona-Krise den Inhaber eiskalt. Zwar habe er die Waschanlage im Laufe des Jahres nicht schließen müssen. Trotzdem wurde es schwierig: »Die Kunden der Waschstraße kommen zu einem Großteil aus dem Vogelsberg - viele sind Geschäftsleute, die dann nur noch im Homeoffice waren.«

Auch Vertreter, die normalerweise viele Kilometer auf Deutschlands Autobahnen zurücklegen und ihre Autos pflegen, seien 2020 kaum noch gekommen. »Das hat gefehlt. Viele Leute hatten keinen Grund, rauszufahren, haben auch gespart.« Bei Autohäusern, die auch zu Wißners Kundschaft zählen, brach der Umsatz teilweise ein, Fahrlehrer waren weniger unterwegs. Kurzum: Corona hat zu weniger Kontakten geführt, die Auto-Mobilität gebremst - und das haben Wißner und seine Mitarbeiter deutlich zu spüren bekommen. »Bezogen auf die Waschanlage ist das Geschäft um 40, 50 Prozent runtergegangen. Jetzt zieht es an, die Leute sind wieder draußen unterwegs.« Während bei Regen fast niemand komme, rollten die Kunden an sonnigen Tagen teils schon morgens um acht an, berichtet Wißner. Und Sonne gab es in den letzten Wochen ja zuhauf.

Die Corona-Delle scheint er, zumindest vorerst, überwunden zu haben. Doch auch davon abgesehen haben sich die Rahmenbedingungen für Waschanlagen-Betreiber verändert. In Zeiten von Leasing und Car-Sharing einerseits, gesteigertem Umweltbewusstsein und Wassersparsamkeit andererseits muss sich Wißner am Markt behaupten. »Das Waschgeschäft wird immer mehr zum Infotainment-Geschäft«, sagt er und verweist auf LED-Lichteffekte, die er neu eingebaut hat. Gerade jüngeren Kunden, die sich schon mal mit mehreren Freunden und Autos zum Waschanlagen-Besuch treffen, müsse man heute etwas bieten. »Wir können noch froh sein, dass wir hier im ländlichen Raum sind - in Gießen hätte ich ein bisschen Angst«, bekundet Wißner mit Blick auf die gewachsene Bedeutung von Radverkehr und ÖPNV, gerade in Innenstädten. »Nur noch ÖPNV - das wäre eine Vollkatastrophe für uns!«

Er rechnet damit, dass Fragen nach der Umweltverträglichkeit der Autowäsche in Zukunft häufiger gestellt werden. Anfang des Jahres habe er »die Chemie umgestellt«, nutze nun die »Öko-Linie« eines Herstellers, die besser abbaubar sei. Soweit möglich, werde das Waschwasser aufgefangen und aufbereitet.

Noch sind Pkw die zentrale Säule des Individualverkehrs, muss Wißner sich nicht allzu viele Sorgen um mangelnden Andrang machen. Die Kundschaft der Waschanlage unterscheide sich deutlich von jener der Auto-Aufbereitung, sagt der Inhaber. »Der Standard-Waschkunde kommt alle vier bis fünf Wochen, manche auch zweimal pro Woche« - dann frage er sich mitunter, was es da zu reinigen gebe. Unter den Kunden gebe es etliche Rentner, »die viel Zeit haben, bei manchen ist die Autowäsche ein Wochen-Ritual«. Viele kämen dagegen vor allem, wenn eine Urlaubsfahrt ansteht, dann gehöre etwas »Schau und Schein« mit dazu.

Früher konnte man samstags vielerorts beobachten, wie Autofahrer zu Hause ihre Pkw reinigen. Dieses Szene ist, so scheint es, seltener geworden, das hat mehrere Gründe. Zwar ist die Autowäsche vor der Haustür nicht flächendeckend verboten, doch moderner Wasserschutz untersagt, das Grundwasser mit Schadstoffen zu belasten. Wißner nennt weitere Aspekte: »Immer weniger Leute haben Zeit, ihr Auto selbst zu waschen - und nicht jeder hat heute noch seinen eigenen Hof, wo er das machen könnte.«

Bleibt eine Frage: Wie oft wäscht der Profi sein eigenes Auto? »So oft ich Zeit und Lust habe«, antwortet er lachend. Freie Zeit ist für ihn Mangelware. Als er noch angestellt war, seien die Tage deutlich entspannter gewesen. »Die Freizeit und der Freundeskreis leiden da schon.« Auch sei es als Inhaber schwierig, sich für einen längeren Urlaub freizunehmen. Erst recht, wenn man eine Waschanlage führt und der Sommer, wie zuletzt, auf Hochtouren kommt.

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