Gut 800 Menschen nutzen die Dorf-App laut Landkreis bislang aktiv. Ohne die Corona-Einschränkungen wären es womöglich einige mehr.	ARCHIVFOTO: JWR
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Gut 800 Menschen nutzen die Dorf-App laut Landkreis bislang aktiv. Ohne die Corona-Einschränkungen wären es womöglich einige mehr. ARCHIVFOTO: JWR

Corona bremst die Dorf-App

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit dem offiziellen Start im Oktober hat sich die Dorf-App weiterent- wickelt, doch gerade ältere Menschen werden bislang nur bedingt erreicht. Dabei spielt der erneute Lockdown eine große Rolle.

Eigentlich sollte es anders laufen: Um beim Pilotprojekt »Dorf-App« die Bedarfe und Wünsche in den fünf Dörfern vorab zu erfassen, wollte der Landkreis die Bevölkerung schon während der App-Programmierung einbinden, Ideen vor Ort sammeln. Doch effektive Bürgerbeteiligung war wegen der Corona-Einschränkungen ab dem vergangenen März zunächst kaum möglich. Also mussten der Kreis und die Entwickler die Gießener »Fabrik 19« umplanen: erst die App, dann der Inhalt.

Nach einer Testphase ging die App im Oktober offiziell an den Start. Seither können sich Einwohner von Dornholzhausen, Königsberg, Oppenrod, Harbach und Treis kostenlos anmelden und das Angebot nutzen. Erklärtes Ziel ist, dass die App möglichst viele Menschen erreicht - vor allem auch Senioren, für die das digitale Angebot teils eine Hemmschwelle bedeutet. »Es geht darum, dass wir alle im Dorf erreichen - nicht nur jene, die täglich mit Smartphones unterwegs sind«, hatte Landrätin Anita Schneider sich bei der Projektvorstellung im Juli geäußert. Gerade jetzt, während des verschärften Lockdowns, könnte die innovative Entwicklung Menschen in den fünf Orten enger zusammenbringen. Denn während Versammlungen und persönliche Treffen nun nicht stattfinden können, ermöglicht die Dorf-App Vernetzung und Austausch trotz räumlicher Distanz - an sich günstige Voraussetzungen für eine Pandemie-Situation.

Gut möglich, dass das Pilotprojekt des Kreises zurzeit einen Schub erführe, wenn es ein paar Monate früher an den Start gegangen wäre. Doch noch scheint die App nicht wirklich in der Breite der Bevölkerung angekommen zu sein - und gerade jetzt ist es nicht möglich, bei Veranstaltungen und Präsenzschulungen weiter zu trommeln, neue aktive Nutzer zu gewinnen und mit der App vertraut zu machen.

Das konnten freilich auch die Projektverantwortlichen vor einem Jahr nicht ahnen, auch dort verweist man auf die Schwierigkeiten im Zuge der Pandemie-Einschränkungen. »Leider hat uns seit dem Start des Projekts im vergangenen März die Corona-Krise begleitet. Die damit verbundenen umfangreichen Einschränkungen im Sozialen und die damit einhergehende Planungsunsicherheit haben auch unsere Arbeit stark tangiert«, äußert sich der Projektbeauftragte beim Kreis, Norman Best. Schulungen und Seniorenkurse, teils in Kooperation mit der Kreisvolkshochschule, hätten nur zu einem Bruchteil stattfinden können und größtenteils verschoben oder abgesagt werden müssen. Aktuell plane man keine Präsenztermine vor Ende März.

»Auch wenn unser Pilotprojekt einen digitalen Schwerpunkt hat, lebt es doch auch und gerade während dieser wichtigen Pilotphase in erster Linie von ehrenamtlichem Engagement, unmittelbarer Partizipation und damit von persönlichen Kontakten«, so Best.

Nun aber mangele es an Gelegenheiten für »Mundpropaganda«. Gerade die Ansprache älterer Menschen werde erschwert. Ein Beispiel: »Diese Personengruppe braucht den Nachbarn, der beim wöchentlichen Skatabend im Bürgerhaus das Smartphone aus der Tasche zieht und fragt: ›Hast du schon von der Dorf-App gehört? Tolle Sache, schau mal hier… ‹«

Dies scheint umso nötiger, da zum Beispiel Vereine teils schon eigene Whatsapp- oder Facebook-Gruppen nutzen. Vor diesem Hintergrund, so Best, sei inzwischen deutlich geworden, »dass der spezielle Mehrwert einer eigenen Dorf-Plattform sich für einige Menschen (noch) nicht final erschließt«.

Auch in Dornholzhausen »stockt es im Moment«, das ist zumindest der Eindruck von Martin Edelmeier, Ortsvorsteher und Aktiver in der örtlichen Dorf-App-Steuerungsgruppe. Grundsätzlich sieht er die App aber auf einem guten Weg. Bei einem Gespräch mit den Verantwortlichen habe es im Dezember geheißen, dass die Beteiligung in Dornholzhausen vergleichsweise hoch sei. »Der Dorfchat funktioniert ganz gut, ich nutze ihn auch«, sagt Edelmeier. In der Regel öffne er die App vielleicht ein-, zweimal am Tag.

Spezielle Gruppen, etwa für Vereine, hätten sich auch schon etabliert. Ferner seien auch Infos über Notdienste oder Müllabfuhrzeiten hilfreich, so der Ortsvorsteher. Und die Betreuung durch die »Fabrik 19« laufe gut, betont er: »Die sind sehr bemüht, kümmern sich bei Problemen schnell.« Viel Neues komme zurzeit allerdings nicht hinzu - unter den Vereinsmeldungen finden sich in der Dorf-App laut Edelmeier vor allem Absagen von Veranstaltungen.

Ähnliches berichtet Ortsvorsteher Oliver Schäfer aus Harbach: Abgesehen von »Kinderkrankheiten« sei die App »eine tolle Sache«, sagt er. Interesse bestehe im Dorf durchaus, »aber es könnte noch mehr sein«. Schäfer weiter: »Auf Ältere muss man aktiv zugehen, manche haben da Berührungsängste. Wahrscheinlich wären wir weiter, wenn wir Corona nicht hätten.«

Wie praktisch die App als Kommunikationskanal sein kann, habe sich neulich gezeigt, so Schäfer: Als in Harbach eine Wasserpumpe ausgefallen sei, habe er in der App einen Info-Kanal angelegt. »Die Leute wussten dann, dass das Wasser ausgefallen ist und bekamen Bescheid, als der Schaden behoben war.«

Angesichts der schwierigen Startbedingungen zeigt sich der Projektbeauftragte Best unterm Strich zufrieden mit den bisherigen Nutzungszahlen: Bei einer Grundgesamtheit von etwa 4600 Menschen (Einwohner der fünf Dörfer über 13 Jahren) gebe es zurzeit über 800 aktive Nutzer. Gut 1000-mal sei die App heruntergeladen worden. Lokal gebe es Unterschiede, doch gerade die »Marktplatz-Funktion« zum Suchen, Bieten und Tauschen und die Möglichkeit, »Dorfnachrichten« zu verfassen, würden gut angenommen. Als nächstes sollen Nahversorger eingebunden werden. Technisch laufe die Plattform »stabil«. Zumindest das konnte Corona nicht verhindern.

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