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Auch im Landkreis Gießen stehen ab kommender Woche Abiturprüfungen an - dann allerdings mit mehr Abstand als auf diesem Foto. SYMBOLFOTO: DPA

»Corona-Abi« schweißt zusammen

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Ab nächster Woche stehen auch an der Lollarer Clemens-Brentano-Europaschule Abi-Prüfungen an. Schulleiter Andrej Keller ist sich sicher, dass dieses Abi nicht weniger wert ist als sonst - und zeigt sich beeindruckt vom Zusammenhalt des Jahrgangs.

Noch einmal eine gemeinsame Fahrt erleben, beim Pauken vor den Prüfungen dicht an dicht über Aufgaben brüten - und dann natürlich zusammen feiern, wenn es überstanden ist: All das gehört für Abi-Jahrgänge eigentlich fast selbstverständlich dazu. Doch wie schon im vergangenen Jahr steht das Abitur auch 2021 im Zeichen der Corona-Auflagen - wobei die diesjährigen Abiturienten schon seit einem Jahr mit der Pandemie klarkommen müssen.

Zwischen 21. April und 5. Mai werden auch im Kreis Gießen die schriftlichen Prüfungen der Abschlussjahrgänge in den gymnasialen Oberstufen abgelegt - unter anderem an der Lollarer Clemens-Brentano Europaschule (CBES). »Es wird nur bedingt anders als im letzten Jahr ablaufen«, sagt Schulleiter Andrej Keller, der, wie die gesamte Schulgemeinde, inzwischen viel Erfahrung mit Lehrbetrieb unter diesen besonderen Bedingungen hat. 62 Schülerinnen und Schüler gehören in diesem Jahr zum Lollarer Abi-Jahrgang - eine vergleichsweise überschaubare Gruppe. Um Raumkapazitäten mit Blick auf ausreichenden Abstand macht sich Keller keine Sorgen. Auch sonst liefen die Vorbereitungen gut, berichtet er. »Der Oberstufenleiter hat die Pläne gemacht, wir sind gut gewappnet.«

Laut Keller ist die CBES mit genügend Corona-Tests versorgt. 6700 Exemplare habe man zurzeit auf Vorrat - das werde für regelmäßige Tests in den kommenden Wochen ausreichen. »Wir werden die Abiturienten vor den Prüfungen etwas früher einbestellen und jedem einen Schnelltest anbieten«, sagt Keller.

Er hofft, dass möglichst alle dieses Angebot wahrnehmen. Es gebe auch »eine soziale Verantwortung den anderen gegenüber«, sagt Keller - auch mit Blick auf Kontaktreduktion im Vorfeld der Prüfungen. Ob alle mitziehen, sei aber schwer vorauszusagen: Es gebe teils auch die Befürchtung, dass einzelne sich womöglich nicht testen lassen, weil sie ein positives oder sogar falsch positives Ergebnis fürchten könnten - und dann an einem anderen Tag die Prüfung ablegen müssten. »Aber ich glaube nicht, dass die Schüler so ticken und dann taktieren«, sagt Keller. Zumal ein negativer Schnelltest-Befund auch eine gewisse Sicherheit vor der Prüfung geben könne - und es auch ermögliche, diese dann im Anschluss ohne Maske zu schreiben. Keller blickt nun gespannt darauf, wie die Inzidenz-Zahlen sich weiter entwickeln, ob es im Abi-Jahrgang womöglich noch Positiv-Testungen geben wird.

Zwar prägen die Corona-Bedingungen den Schulalltag seit mehr als einem Jahr, doch bezogen auf den Abi-Jahrgang hat Keller ein erstaunliches Datum parat: »Ich habe das mal durchgezählt: Seit der Schulöffnung im April 2020 hat in dieser Stufe an 87 Prozent aller Tage Präsenzunterricht stattgefunden« - häufiger, als man vermuten könnte. In Lollar habe man sich bemüht, so viel wie irgend möglich und verantwortbar in der Schule zu unterrichten.

Auch daher ist Keller fest überzeugt: »Dieses Abi ist so viel Wert wie jedes andere auch.« Spekulationen, die diesjährige Reifeprüfung werde in den kommenden Jahren womöglich nicht als gleichwertig gesehen, hält er für abwegig, allenfalls theoretisch. »Diese Diskussion der Empörungsgesellschaft hat mit der Realität wenig zu tun«, findet der Schulleiter - und verweist darauf, dass auch diesmal nicht jeder für das Abi zugelassen werde, »da wird nicht jeder einfach durchgeschleppt«.

Zwar hätten die Schüler vor den Grundkurs-Prüfungen nun 25 Minuten mehr Zeit als üblich zur Vorbereitung, in den Leistungskursen 30 Minuten. »Aber es ist nicht so, dass Inhalte gestrichen wurden. Es ist kein Stoff verloren gegangen.« Auch hätten die Prüflinge durch die Verlegung des Abis auf die Phase nach den Osterferien nun etwas mehr Zeit gehabt, sodass man im zweiten Teil der Stufe 13 noch einiges habe durchnehmen können.

Über speziell entwickelte Fragebögen habe er ermitteln lassen, wie Angehörige der Schulgemeinde die aktuelle Situation empfinden, berichtet Keller. Das Ergebnis zeige: »Die Schüler fühlen sich super vorbereitet, es gibt auch eine große Dankbarkeit gegenüber dem Kollegium« - gerade hinsichtlich älterer Lehrer, die trotz Gefährdung unterrichteten. Unter den aktuellen Bedingungen ein Gemeinschaftsgefühl als Abitur-Jahrgang zu entwickeln, ist freilich nicht leicht. Doch davon, so Kellers Eindruck, lassen sich die Schüler nicht beirren - im Gegenteil: »Der Druck von außen hat im Abi-Jahrgang zu großer Geschlossenheit geführt.« Manche hätten sich mit Abstand und Maske getroffen, um coronakonform zu lernen. »Das schweißt zusammen«, es gebe eine Solidarität in diesem Jahrgang, wie er es kaum je erlebt habe. »Das ist erstaunlich, weil ja auch die Abschlussfahrt ausgefallen ist«, findet Keller.

Zurzeit stehe in der Öffentlichkeit das Abi im Fokus - doch Keller macht sich mehr Sorgen um den Schulbetrieb in anderen Jahrgängen: »Die Stufen sieben bis elf waren das letzte Mal im Dezember in der Schule«, gibt er zu bedenken. Er hat selbst Kinder in diesem Alter - und dürfte gemeinsam mit vielen anderen hoffen, dass ein »normaler« Schulalltag für alle in absehbarer Zeit wieder möglich ist.

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