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Da stört auch der Regen nicht: Tausende strömten gestern zum ersten Krämermarkt-Tag nach Grünberg. Ob Bratkartoffelgewürz, modische Schuhe oder das Schwätzchen mit alten Bekannten, die man garantiert nur an "Gallmärt" trifft - für jeden bietet der Marktbummel etwas.

"Cooler Krämermarkt" trotz Regens

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"Dippe, Boitsche, Innerhoisse, en gros, en detail" - so wirbt Grünberg für seinen Gallusmarkt. Noch heute, der Tradition wegen. Töpfe und Unterhosen bieten einige der 250 Händler noch immer an, Peitschen aber sucht man hier vergebens. Doch gibt es andere schlagende Beweise für die ungebrochen hohe Attraktivität des Krämermarktes.

Auch wenn’s etwas teurer ist, ich kaufe hier jedes Jahr ein." Mit dieser Haltung ist die junge Frau am "Gewürz-Basar" nicht allein. Binnen weniger Minuten schauen weitere Stammkunden vorbei, suchen und finden bald ihre ganz spezielle Mischung, die es nur an diesem Stand gibt. Zu den Schlagern, überrascht die Verkäuferin, zähle die Sorte "Brasilianischer Rahmbraten". So viel Hang zu Exotik in Oberhessen? Gut, auf Nachfrage verrät sie: "Auch Bratkartoffelgewürz geht sehr gut." "Das schmeckt aber auch super", bestätigt ein älterer Herr.

Über 50 Jahre schon hat der Gewürzbasar seinen festen Platz auf dem Gallusmarkt. So wie viele andere der rund 250 ambulanten Händler, die gestern und nochmals heute ihren Stand in Grünbergs Straßen aufbauen. Zu den besonders treuen "Gallmärts"-Kaufleuten zählt auch Marcel Renten. "Alles so schön bunt hier, nicht?", ruft einem der Mann aus Arnheim zu. Wo er recht hat, hat er recht: Spielwaren in allen Farben, vieles aus Holz, prägen seine Auslage. Erst um Silvester, nach dem Weihnachtsmarkt in Dortmund, wird Renten wieder zu Hause sein.

Der Job der Marktkaufleute ist kein leichter. Doch nimmt es der Niederländer mit Humor: "Früher war die Arbeit ein schönes Steak, heute ist es hartes Brot." Und noch einen hat er auf Lager: "Wir arbeiten wie ein Pferd, verdienen aber wie ein Pony." Klar, auch der lustige Holländer spürt das Internet. Doch nutzt er es auch, hat längst einen Online-Handel aufgebaut. Und profitiert von der Bequemlichkeit vieler Kunden: "Die bestellen dort einen Puppenwagen für 69.90 Euro - am Stand ist der 20 Euro billiger."

Zum Inventar des Gallmärts gehört ganz sicher "Aal-Volker". Irgendwie passend zu seinem Sortiment setzt gerade der Regen ein. Der Hamburger Jung, um flotte Sprüche nie verlegen, ist heute etwas maulfaul, geradezu stumm - was wiederum auch zu seinem Metier passt. Nicht viel los sei heute, erklärt er seine temporäre Marktschreier-Unlust. Wie das? "Gestern über 20 Grad, heute um die zehn und Regen. Nach einem Wetterumschwung ist die Kauflust im Keller."

Wem es nach einer "Schillerlocke" gelüstet, der wird auch in diesem Jahr enttäuscht: An vielen Fangplätzen seien die Bestände des Dorn-Hais - seinen Bauchlappen haben wir die Köstlichkeit zu verdanken - weiter minimal, erklärt Volker. Nur ab und an, wenn es Ware mit dem Nachhaltigkeitszertifikat MSC gibt, bietet er gedrehten Fisch an. Die Kundschaft achte heute eher darauf. Gut so. Erhöhte Ansprüche haben aber auch Nachteile: "Dürfte am Umsatz gelegen haben", antwortet "Aal-Volker" auf die Frage nach "Bananen-Fred", als weiterem Stammgast in Grünberg. "Obst ist heute so was von schwierig. Wenn in einem Korb nur eine Sorte ist, die der Kunde nicht mag, geht er lieber in den Supermarkt."

Dass die "Versorgungsfunktion" der Jahrmärkte zunehmend abnimmt, das Internet den stationären wie ambulanten Einzelhandel verdrängt, kaum noch Nachwuchs zu finden ist, weiß auch Peter Brämisch, der mit "Schuh-Karli" gerade eine junge Kundin berät. Brämisch muss es wissen, hat er doch "bestimmt 1000 Märkte" organisiert, in Eigenregie oder im Auftrag von Kommunen. "Die Leute vergessen nur eins: Ohne die Marktkaufleute gibt es bald auch keine Jahrmärkte mehr." Das würde die junge Kundin doch sehr bedauern: Melanie Keil heißt sie, ist 20 Jahre alt, schlendert seit Kindesbeinen über den Gallmärt. "Aus Tradition, weil sich hier Jung und Alt trifft, wegen der coolen Atmosphäre - und der Schuhe."

Der obligatorische Allzweckgemüsehobel- Verkäufer preist auch diesmal seine Ware an. Neben Karotten oder Paprika lassen sich damit auch große Zwiebeln mühelos kleinkriegen. Unweit davon, am Stand des CD-Händlers, erklingt derweil Daniela Alfinitos neuer Hit: "Du warst jede Träne wert".

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