Und unten rauscht die Lahn: Ein Mitarbeiter der Industriekletter-Spezialisten der Firma Gears aus Steinau untersucht die Brücke aus der Kaiserzeit. 	FOTO: GECK
+
Und unten rauscht die Lahn: Ein Mitarbeiter der Industriekletter-Spezialisten der Firma Gears aus Steinau untersucht die Brücke aus der Kaiserzeit. FOTO: GECK

Check in luftiger Höhe

  • vonStefan Schaal
    schließen

Die eiserne Brücke über die Lahn zwischen Lollar und Wißmar diente einst der »Kanonenbahn«. Heute sind dort über 60 000 Radler und Fußgänger im Jahreslauf unterwegs. Eine gründliche Untersuchung soll Klarheit für anstehende Sanierungen bringen.

Bestens gesichert klettern die beiden Männer in luftiger Höhe. Unter ihren Füßen rauscht und brodelt die zurzeit viel Wasser führende Lahn, über ihren Köpfen liegen die tonnenschweren Schienen der einstigen »Kanonenbahn«, wie die 1980 endgültig aufgegebene Bahnstrecke Lollar-Wetzlar im Volksmund bis heute heißt.

Sogenannte Industrie-Kletterer der Firma Gears aus Steinau an der Straße untersuchen im Auftrag des Ingenieurbüros Engelhardt und Weese (Dillenburg) seit gestern die alte Lahnbrücke zwischen Lollar und Wißmar. Seit rund 40 Jahren ist dort kein Zug mehr gerollt, die Brücke dient allein den Fußgängern und Radfahrern. Doch das Bauwerk, Mitte der 1870er Jahre entstanden, ist in die Jahre gekommen. In naher Zukunft stehen wieder Arbeiten an. Der hölzerne Belag, der den Radlern und Fußgängern dient, ist hier und da brüchig, teils hat sich das Holz verzogen. Immer wieder wurden kleinere schadhafte Stellen repariert. Jetzt steht womöglich eine Erneuerung an. Auch die beiden Geländer zum Fluss sowie zum verbliebenen Gleisstrang hin entsprechen nicht mehr den aktuellen Anforderungen einen Radweg. Denn sie sind teils zu niedrig.

Doch bevor man für die Reparaturen mutmaßlich einen kleinen sechsstelligen Betrag in die Hand nimmt, wird erst einmal geschaut, wie die Unterkonstruktion der Brücke aussieht. Um zu klären: Lohnt das? Oder steht noch mehr an Arbeiten an? Wie ist es um die Tragfähigkeit bestellt? Um eben nicht Gefahr zu laufen, nur halbe Sachen zu machen oder gar Geld zu »verbrennen«.

»Objektbezogene Schadensanalyse« nennt der Fachmann diese Kontrolle. Es ist eine Begutachtung »außer der Reihe«. Denn bei Brücken stehen ohnehin jährlich eine Sichtkontrolle, alle drei Jahre eine kleine und alle sechs Jahre eine größere Überprüfung an, um Antworten zu geben auf die Fragen nach Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit.

Kommunalpolitik hat zu entscheiden

Wenn die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung vorliegen, dann kann die Kommunalpolitik in Lollar im Dialog mit den Nachbarn in Wettenberg beraten und entscheiden, wie weiter vorgegangen wird: Kleine Sanierung? Große Sanierung? Was an weiteren Arbeiten womöglich ansteht, das ist alles ist noch völlig offen.

Bei der Planung der derzeit laufenden Kontrollarbeiten war daran gedacht worden, die Brücke für ein paar Tage ganz zu sperren. Denn womöglich hätten Teile des Belags entfernt werden müssen, um an die Unterkonstruktion zu gelangen. Andreas Krieg vom Bauamt der Stadt Lollar sowie die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs standen dafür bereit. Das erwies sich gestern aber nicht als notwendig. Die Kletterer seilten sich über die Geländer ab, um ihre Arbeit zu erledigen. Bereits 2010 hatte eine Überprüfung der ehemaligen Eisenbahnbrücke zwischen Lollar und Wißmar erhebliche Mängel aufgezeigt, die dann teils behoben wurden. Der Belag des Rad- und Gehwegs auf der Brücke war vor rund acht Jahren schon einmal in Teilen erneuert worden.

Die Brücke hat große Bedeutung für Fußgänger und Radfahrer auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit. Denn die nächsten Lahnbrücken finden sich erst in Ruttershausen oder im Süden von Wißmar. Hinzu kommt die touristische Relevanz: Da sind zum einen die Erholung suchenden Freizeitradler, die so schnell aus dem Gleiberger Land über die Lahn Richtung Lumdatal rollen können. Und zum anderen die Radwanderer auf dem rege frequentierten Fernradweg R7. Nicht zuletzt trägt die Brücke die Abwasserleitung von Wißmar nach Lollar zum Klärwerk.

Über 60 000 Radler im Jahr

Welche Bedeutung der Brücke zukommt, das hat eine Zählung zwischen 5. Dezember 2011 und 30. November 2012 klargemacht: Etwas mehr als 60 000 Radler passierten die Messstelle am Holz- und Technikmuseum nahe Wißmar auf dem Lahnradweg. Ein Messgerät registrierte rund um die Uhr Daten und Zeiten. Das gab Aufschluss über das Radverkehrsaufkommen pro Tag und pro Stunde. Darüber hinaus wurden Wetter und Temperatur registriert, um ein belastbares Bild zu bekommen. Der Befund: Die Menschen aus der Region nehmen die Strecke im Alltag an. 25 000 Radler (oder 41 Prozent) waren damals an Wochenenden und Feiertagen auf dem Lahntalradweg unterwegs. Aber 59 Prozent unter der Woche, das ganze Jahr über. Die Zahl der Radfahrer lag seinerzeit zwischen November und Februar nicht unter 2000 im Monat und stieg bereits im März auf etwa 5000. Spitzenwerte gab es im Mai und im August mit über 8700 und 10 700 Radlern pro Monat. Im Jahresmittel sind es 167 Radler am Tag zwischen Lollar und Wißmar. Im Tagesverlauf gemessene »Ausschläge nach oben« gegen 7 Uhr sowie zwischen 15 und 18 Uhr zeigen die Frequentierung durch Schüler und Berufstätige.

Die Erhebung liegt zwar schon gut acht Jahre zurück, doch heute dürften es eher mehr als weniger Radler sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare